Yanis (22)


… und schon wieder Wochenende! Ich hoffe, ihr genießt es, und haltet dabei aber die Vorsichtsmaßnahmen gut ein. Nicht so, wie diese rücksichtslosen Covignorant*innen, ne? Und benutzt aber andererseits auch keine ableistischen Slurs gegen faschistoide rücksichtslose Medizinesoteriker*innen? Gut. Prima! Dann habt ihr euch das neue Kapitel doch redlich verdient. Viel Spaß!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Im 21. Kapitel erwacht Laia, ertappt die Gruppe von Shiu’Hzim um Goma, die Yanis festnehmen wollen, und warnt Aki und Yanis vor ihnen.
Was heute geschieht

„Aki! Wir müssen los!“
„Was?“
„Wir müssen los! Die … Shiu’Hzim!“, sagte Laia mit einem unsicheren Seitenblick zu der Ordenskriegerin. „Sie sind hier!“
„Verdammt“, murmelte die Kriegerin.
„Wir müssen sofort aufbrechen! Bestimmt finden sie uns bald.“
Aki strich mit einer Hand über den fadenscheinigen Bart an sierem Kinn.
„Nein!“, sagte sier.
„Wie nein?“, fragte Laia.
„Nein. Ich habe darüber nachgedacht, also, über eine Situation wie diese. Ich wusste ja nicht, wann und wie sie uns finden, falls überhaupt. Aber wenn wir jetzt fliehen, dann folgen sie uns, und wenn sie jetzt hier sind, wissen sie wahrscheinlich auch, wohin wir wollen, oder sie finden es heraus.“
„Wie-“ begann Yanis, aber Aki kam ihr zuvor.
„Die Freifrau hat uns verraten, denke ich. Ich kanns mir nicht anders erklären. Das heißt, wir müssen sie dazu kriegen, uns nicht weiter zu folgen.“
„Ach so“, sagte Laia sarkastisch. „Stimmt, wenn du es so erklärst-“
„Nein, im Ernst“, unterbrach Aki sie. „Ich weiß auch, wie.“
Die Kriegerin sah sien sehr aufmerksam an.
„Erzählt“, sagte sie.
Aki nickte.
„Traust du dir zu, schneller zu laufen als sie?“
„Sie tragen Rüstungen“, warf Laia ein.
Die Kriegerin nickte.
„Ja, so erst recht. Ich bin schneller, sogar wenn wir unter gleichen Bedingungen laufen.“
„Gut“, sagte Aki. „Es ist von hier aus … Vielleicht eine Meile, vielleicht ein bisschen weiter, bis zur Gräne. Könnt Ihr so weit laufen, schneller als die anderen?“
Die Kriegerin nickte, ohne zu zögern.
„Ja, eigentlich kein Problem. Aber sie werden die Pferde holen. Ich kann nicht schneller laufen als die Pferde.“
„Woher weißt du das?“, fragte Laia.
„Ich wurde von uns mit ihnen ausgebildet.“
„Ach ja. Sehe ich ein.“
„Aber“, fügte die Kriegerin hinzu, „Vielleicht kann ich genug Vorsprung gewinnen, bevor die Pferde ankommen …“
„In Ordnung“, sagte Aki. „Versuchen wir. Nächste Frage: Könnt Ihr schwimmen?“
„Ja natürlich.“
„Sicherlich auch besser und schneller als alle anderen?“
Laia konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Das der Kriegerin nicht entging. Aber zu Laias Überraschung schien sie gar nicht beleidigt, sondern lächelte sogar mit.
„So lächerlich es vielleicht klingt, ja. Allein schon wegen der Rüstungen.“
Aki nickte weiter.
„Gut. Gut. Dann habe ich einen Plan.“
„Ich weiß nicht, ob Euch das klar ist“, sagte die Kriegerin, „Aber wenn eine von uns gejagt wird, ist das eine große Sache. Der Orden ist stolz, und hat einen Ruf zu verteidigen. Sie werden nicht einfach aufgeben, nur weil ich einen Fluss durchquere.“
„Ich weiß“, sagte Aki mit einem breiten Grinsen. „Das ist nicht alles, was ich geplant habe. Sicher könnt Ihr auch ein bisschen tauchen? Lange die Luft anhalten?“
Laia konnte geradezu hören, wie sier sich das ‚Länger als alle anderen‘ verkniff.

************************

„Noch nicht.“
Yanis‘ Lunge brannte, und sie musste fast ihre ganze Willenskraft und Konzentration dafür aufbringen, nicht zu atmen. Es war ein irritierendes Gefühl, gegen ihren eigenen Körper, ihre eigenen Reflexe kämpfen zu müssen.
„Bleibt noch unten, noch ein bisschen weiter.“
Dier Magier*in klang ganz ruhig und gelassen. Kein Wunder. War für sien ja auch kein Problem, der blöde Arsch stand ja irgendwo im Freien, an der Luft.
„Noch weiter, weiter, solange Ihr könnt. Jeder Schritt weiter reduziert das Risiko.“
Yanis wollte schreien, oder zumindest stöhnen, aber sogar sie dachte noch zu klar mit, um die kostbare Luft in ihren Lungen, wenn auch weitgehend verbraucht, zu opfern, um diesem Drang nachzugeben.
Sie hatte vorhin versäumt, zu fragen, ob sier sie hören konnte, oder ihre Gedanken lesen, oder so, oder ob sier nur siere Stimme in Yanis‘ Kopf (oder Ohren?) projizierte. Es hatte alles sehr schnell gehen müssen.
Sie konnte dier Magier*in später noch sagen, was sie von siem hielt.
„Bleibt unten, möglichst tief unten!“
Das musste ihr nicht zweimal gesagt werden. Sie wusste sehr gut, wie scharf Gomas Augen, Gomas Verstand und Gomas Säbel waren.
Aber sie wusste auch, dass sie wirklich nicht mehr lange konnte. Es fühlte sich an, als würde sie seit einer Stunde am Grund des Flusses entlang tauchen, auch wenn es tatsächlich sicher eher zwei oder zweieinhalb Minuten waren.
Bald musste sie auftauchen, wenn sie nicht doch noch die Täuschung wahr machen wollte.
Es fühlte sich einerseits immer noch sonderbar an, vor den Shiu’Hzim zu fliehen und mit dier Magier*in und sierer Agentin zu kooperieren, und vielleicht sollte sie mehr darüber nachdenken, was es hieß, dass sie so schnell und selbstverständlich in eine neue Loyalität und eine neue Gruppenzugehörigkeit gerutscht war, aber andererseits fand sie zurzeit einfach nicht genug Gutes und Hoffnungsvolles in ihrem Leben, um diese eine Sache zurückzuweisen oder auch nur genau genug zu untersuchen. Sie mochte die Agentin. Sie mochte sogar dier Magier*in, irgendwie. Die beiden schienen gute Menschen zu sein. Und ihre Flucht aus Yeshaga war nicht der Feigheit geschuldet, sondern war eine ehrenhafte Flucht vor ungerechter Verfolgung. Es war ihre einzige Chance gewesen.
Sie würde später weiter darüber nachdenken, aber jetzt galt es, den Moment zu ergreifen und das Beste aus der Situation zu machen, auch wenn sie ihrem instinktiven Gefühl von Pflicht und Ehre … manchmal zu widersprechen schien.
Yanis begann, sich nach rechts zu orientieren, fühlte das allmähliche Ansteigen des Grunds, sehnte sich danach, wieder atmen zu dürfen, und brauchte alle diese Disziplin, die sie in der Ausbildung als Shiu’Hzim gelernt hatte, um nicht jetzt den Mund aufzumachen und das trübe Wasser in ihre Lungen zu ziehen, oder zumindest sofort an die Oberfläche zu schnellen.
Mit ganzer Kraft zwang sie sich, sich langsam zum Ufer zu tasten, behutsam den Kopf zu heben, und …
Endlich! Es tat unfassbar gut. Es war so schön. Es war so ein herrliches Gefühl. Yanis lachte und weinte zugleich vor Freude, als sie japsend am Ufer lag und sich hektisch umschaute.
Noch niemand zu sehen, gut. So schnell sie konnte, bewegte sie sich in tiefster Gangart die Böschung empor durch das hohe Gras.
Sie schaute hinter sich zurück und sah zufrieden, dass der Fluss an dieser Stelle kein sandiges Ufer hatte, auf dem sie spuren hinterlassen konnte, und dass das Gras und die anderen Pflanzen saftig und gesund genug waren, dass sie auch in ihnen zumindest keine von Weitem klar sichtbare Fährte hinterließ.
„Seid Ihr noch im Wasser? Wenn Ihr könnt, bleibt unten, so lange wie möglich“, hörte sie die Stimme dier Magier*in.
Yanis stieß ein hustendes schwaches Lachen aus.
„Vergiss es“, murmelte sie und kroch tiefer in das Gras, um nicht gesehen zu werden.
„Wir sind auf dem Weg“, sagte dier Magier*in „Aber wir müssen Euch erst finden. Könnt Ihr Euch irgendwie bemerkbar ma- AU, Laia! Ja gut. Das war ein Scherz, bitte macht Euch nicht bemerkbar. Wir finden Euch.“
Und tatsächlich hörte sie wenig später Schritte.
„Da drüben!“, murmelte dier Magier*in.
Sier murmelte etwas Unverständliches in dieser verstörenden Stimme, die Magie in die Welt sprach, und fügte hinzu: „Ihr könnt aufstehen! Ich habe die Unsichtbarkeit erneuert. Niemand wird Euch sehen.“
„Ich bin auch gleich soweit“, sagte die Agentin.
Ihre Stimme kam von hinter Yanis, vom Ufer. Es raschelte und rauschte ein wenig, während sie sich durch die Pflanzen bewegte.
„Wir haben Glück, sie hat nicht viele Spuren hinterlassen. Das kriege ich schnell hin.“
Yanis erhob sich keuchend, obwohl sie eigentlich nichts dagegen gehabt hätte, noch ein bisschen liegen zu bleiben. Aber so sehr hatte sie sich doch noch nicht von ihren Ideen von Disziplin und Pflicht verabschiedet, dass sie das über sich gebracht hätte.
Nachdenklich schaute sie an sich herab und betrachtete die sonderbar irritierenden Schlieren in der klaren, scheinbar leeren Luft, die unter der Verzauberung durch dier Magier*in jetzt ihr Körper und ihre Hände waren, während die Agentin, ebenfalls nur ein kaum wahrnehmbares schmieriges Schimmern im Licht, eilig Spuren verwischte, und es dabei irgendwie schaffte, die Pflanzen am Ufer des Flusses kaum zu berühren.

************************

„Und Ihr seid …“
„Akkadio von Orenin, ganz recht. Und Ihr könnt Euch sicher sein, dass Eure Kommandantin von Eurem Betragen hören wird! Einfach grußlos an einem*r Baron*in von Orenin vorbeizulaufen! Das Zimmer meiner Dienstbotin zu durchwühlen! Eine Unverschämtheit ist das, eine blanke Frechheit! Ich werde mir das nicht bieten lassen! Die Familie von Orenin lässt sich nicht verhöhnen!“
Goma verzog einen Mundwinkel zu einer Andeutung eines Lächelns, und hob eine Augenbraue auf derselben Seite um ungefähr eine Fingernagelbreite.
„Soso“, sagte sie. „Lässt sie nicht.“ Sie hob den Kopf ein Stück und öffnete die Augen weiter, um auch durch Mimik zu zeigen, dass sie jetzt wieder zum offizielleren Teil des Gesprächs überging. „Die ehemalige Hzim, mit der Ihr Euch im Garten unterhalten habt … Was war Eure Verbindung zu ihr?“
Dier Magier*in schaute sie an, als wäre sie gerade aus sierem Essen gekrochen.
„Ihr … seid anscheinend auf mir verborgenen Pfaden zu der Einschätzung gelangt, dass es Euch zusteht, mich zu verhören?“
Sier stieß ein amüsiert-angewidertes „Tsf“ aus.
„Seht es vielleicht eher als ein klärendes Gespräch“, sagte Goma, „Das uns, wenn es gut läuft, die Frage erspart, was mir zusteht.“
„Droht Ihr mir?“
Goma seufzte.
„Das hier muss doch nicht schwierig sein“, sagte sie. „Ihr wisst, wer ich bin. Ich weiß, wer Ihr seid. Und ich wette, wir beide wissen ungefähr, welche Informationen über Eure Beziehung zu meiner verstorbenen ehemaligen Kameradin ich ohnehin schon habe, und dass ich einen Bericht schreiben muss, aus dem meine Kommandantin erkennt, dass ich alle Fragen gestellt habe und allen Fährten gefolgt bin. Ihr hingegen wollt möglichst bald eine Ruhe und eine andere Lösung für Euer Problem finden, nachdem Y-“ Goma hielt kurz inne, und schwenkte noch um: „Die verstorbene Flüchtige dies nicht mehr für Euch sein kann. Wir erreichen beide unsere Ziele am bequemsten und schnellsten, wenn Ihr meine Fragen einfach beantwortet.“
Zu ihrer Überraschung lachte dier Magier*in, als wäre sie eine Hündin, die gerade einen vage überraschenden, aber irgendwie putzigen Trick gezeigt hätte.
„So gesehen habt Ihr natürlich Recht“, sagte sier. „Wir müssen uns das Leben ja nun nicht unnötig erschweren, nur wegen dieser … ärgerlichen Geschichte. Dann aber schnell, was müsst Ihr wissen?“
„Was war Eure Beziehung zu der verstorbenen Flüchtigen?“
Dier Magier*in machte eine unbestimmte Handbewegung.
„Meine Agentin hier hat sie auf der Straße aufgelesen, weil sie behauptete, eine gute Kämpferin zu sein. Wir wiederum suchten noch eine*n kompetente*n Repräsentant*in für ein Turnier, weil uns unser*e eigentlich vorgesehene*r abhanden gekommen ist. Und so kam dann eins zum anderen.“
„Ihr habt wirklich kein Glück mit Euren Handlanger*innen, was?“
„Es scheint so.“
„Und jetzt … fahrt Ihr einfach wieder nach Hause?“
Wieder dieses Lachen.
„Ach was. Es ist interessanter, eine*n eigene*n Hünd*in im Rennen zu haben, aber der Wettbewerb ist auch so ein Spaß. Außerdem werde ich erwartet.“ Mit einem kleinen Seufzen fügte sier hinzu: „Ich werde wohl auf die Scherg*innen anderer wetten müssen. Man hats nicht leicht.“
„Hm.“ Goma entschied, nicht noch mehr Zeit zu verschwenden. Dier Magier*in log entweder, oder sier wusste wirklich nichts. In beiden Fällen war hier nicht viel zu holen, und sie hatte ihre Mission erfüllt.

************************

„Sie ist nicht tot.“
Goma schaute auf Icara herab und presste die Lippen zusammen.
Ein einziges Mal wünschte sie sich, dass die überhebliche Person Recht haben möge. Sie hatte gesehen, wie der Pfeil Yanis direkt ins Herz getroffen hatte, sie hatte den Körper auf dem Wasser davontreiben und langsam untergehen sehen. Sie hatte den perfekten Schuss gespürt. Sie wusste, dass sie genau getroffen hatte.
Und doch.
Goma war sich nicht völlig sicher, aber sie hatte diese unbestimmte Erinnerung, dass die Robe des*r Magier*in doch grün gewesen war, als sie sie durch das Fenster von dem Schlafraum aus gesehen hatte. Und sie hatte dieses nagende Gefühl, dass das alles zu einfach gewesen war.
Wiederum andererseits wusste sie, dass sie dieses Gefühl immer hatte, und dass es in ihrer Situation auch eher besorgniserregend gewesen wäre, wenn sie mit diesem Ausgang der Jagd einfach zufrieden hätte sein können.
Und doch.
Aber Goma fand, dass es reichte. Wenn Yanis es doch irgendwie geschafft hatte, gut. Dann hatte sie es verdient. Goma mochte Yanis. Sie war nicht bereit, mehr zu tun als ihre Pflicht.
„Sie ist tot. Wir haben es alle gesehen.“
„Niemals. Hast du das Gesicht von diesem*r Baron*in gesehen? Und seiner Agentin? Irgendwas stimmt hier nicht.“
„Yanis ist tot. Die Mission ist abgeschlossen. Wir kehren zurück nach Yeshaga.“
Icara zögerte. Dachte nach. Wägte ab, was sie jetzt noch wagen würde, nachdem sie Goma den Tag über schon so oft provoziert und Grenzen gefunden hatte.
Natürlich überwogen ihr Hass und ihre Selbstgerechtigkeit.
„Und wenn ich nicht mit zurückkehre? Ich könnte ihnen weiter folgen, und wenn sie wirklich tot ist, was verlieren wir? Aber wenn sie noch lebt …“
Goma gestattete sich ein lautes Lachen.
„Wenn sie noch lebt“, sagte sie, nachdem sie fertig war, „Wird sie dir wieder den Arsch versohlen, wie immer, wenn du dich mit ihr angelegt hast.“
Für einen kurzen Moment hoffte Goma, dass Icara eine Hand gegen sie erheben würde, aber die jüngere Hzim konnte sich im letzten Moment noch zusammenreißen.
„Ich könnte melden, dass sie überlebt hat. Und vielleicht könnte ich sie auch gefangen nehmen.“
„Ja, sicher. Und dann klemmst du sie unter deinen Arm, breitest deine Schwingen aus und fliegst mit ihr nach Yeshaga. Icara, als die Person, die euch beiden alles beigebracht hat, lass mich dir sagen: Yanis könnte dich besiegen, wenn sie einen Arm verloren hätte, der andere hinter ihrem Rücken festgebunden wäre, während sie auf einem Bein hüpft und mit dem Mund eine Blume malt.“
Der Ausdruck in Icaras Gesicht war alles, was Goma sich erhofft hatte.
„Aber wenns dir eine Freude macht“, fuhr die Waffenmeisterin fort, „Bitte. Wir werden dich auf der Rückreise nicht vermissen, du hast Recht, und falls du doch etwas rausfindest … Wer weiß?“
„Danke.“
Goma hatte dieses Wort schon oft in den verschiedenesten Tonfällen gehört, aber sie glaubte, dass es noch nie so gepresst wütend und hasserfüllt geklungen hatte wie diesmal.

************************

Laia fühlte sich, als wäre buchstäblich ein Gewicht von ihr abgefallen, als Aki schließlich die Tür der Kabine schloss und die Kutsche die Straße hinabzuholpern begann. Nicht mal die Stöße der Unebenheiten konnten ihr die Erleichterung verleiden.
„War doch gut, oder?“ fragte dier Magier*in.
„Diese ältere Shiu’Hzim hat dir kein Wort geglaubt“, erwiderte Laia.
Aki schob die Unterlippe vor und neigte den Kopf zur Seite.
„Soll mir egal sein, solange sie trotzdem aufgibt.“
„Wenn sie tatsächlich aufgibt“, sagte Laia.
„Ach“, meinte Aki, „Wir bekommen das schon hin.“
„Du willst wirklich einfach weitermachen?“
„Selbstverständlich! Was denn sonst?“
„Du hast nicht mal mit der Freifrau gesprochen, ob sie noch hinter uns steht!“
Aki grinste.
„Was für eine Rolle spielt es? Wir haben ihren Brief, mit ihrem Siegel. Und wie ich sie kenne, wird das Gold der Shiu’Hzim sie nicht davon abhalten, das Gold von mir auch noch zu nehmen, wenn unsere Hzim das Turnier gewonnen hat!“
Yanis schwieg und schaute sehr nachdenklich auf ihre Schuhe, den Kopf etwas umständlich-behutsam auf die Hände gestützt, um die wunden Stellen in ihrem Gesicht zu schonen.

Lesegruppenfragen

  1. Habt ihrs gemerkt? Ich hab einen Fehler mit Akis Robe gemacht. Nicht hier. Hier stimmts. Und auch nicht vorher. Aber bei dem Gespräch im Garten sieres eigenen Schlosses hatte sier eine dunkelblaue Robe an. Tse. Natürlich habt ihr das gemerkt. Irgendwie lieb, dass ihr nichts gesagt habt, um mich nicht zu beschämen, aber nächstes Mal warnt mich lieber ja?
  2. Findet ihr einigermaßen überzeugend, wie Yanis bzw. Aki hier die anderen Shiu’Hzim ausgetrickst hat?
  3. Und das mit Icara? Hättet ihr das auch so entschieden wie Goma? Warum oder warum nicht?
  4. Wie fandet ihr Akis Auftreten gegenüber Goma? War natürlich ganz anders als sonst, aber mit Absicht verstellt. Klar. Aber trotzdem muss es ja IRGENDWIE stimmig sein. Hat es sich für euch stimmig angefühlt?

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