Yanis (21)


Ich hoffe, ihr habt einen schönen Sonntag!

Ich nämlich nicht …

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch.
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Was heute geschieht

Laia erwachte, als die Kriegerin sich aus ihrem Bett schlich. Sie war dabei ziemlich leise, aber Laia entging nicht das leise Rascheln des Bettzeugs und ihrer Kleider, und Tappen ihrer nackten Füße auf dem Boden, das gedämpfte Klacken ihrer Schuhe, als sie sie aufhob.
Die Kriegerin, die sich an Laia vorbeischleichen konnte, musste erst noch geboren werden.
Trotzdem entschied Laia sich, liegen zu bleiben und so zu tun, als schliefe sie noch. Sie hatte keine Ahnung, wie sie nach dem sonderbaren Gespräch vor dem Einschlafen mit der Ordenskriegerin umgehen sollte. Auch wenn ihr klar war, dass sie früher oder später nicht mehr drum herum kommen würde, war sie froh um jede Minute, es hinauszuzögern. Um darüber nachzudenken, wie sie reagieren sollte, natürlich. Und vielleicht auch ein ganz kleines Bisschen einfach nur, um die unangenehmen Situationen hinauszuzögern.
Sonderbar, wie sie sich nun in die Zeit zurückwünschte, in der sie einfach nur das Gefühl gehabt hatte, die Kriegerin würde sie nicht mögen.
Eine Zeitlang blieb Laia noch liegen und genoss das Bett, das so viel weicher und gemütlicher war als ihr eigenes, und verbrachte vielleicht eine halbe Stunde in diesem Zwischenzustand, in dem sie über die peinliche Situation nachdachte, aber ohne wirklich etwas Konkretes zu denken, und stattdessen einfach nur immer dieselben paar Erinnerungen und Ideen mental wiederkäute.
Irgendwann wurde ihr das trotz der bequemen Matratze und der warmen Decke zu anstrengend, und sie zwang sich, sich erst aufzusetzen, dann aufzustehen, und sich schließlich anzuziehen.
Und dann fragte sie sich, ob es eine Möglichkeit für sie gab, ohne Akis Hilfe und ohne Peinlichkeiten an ein Frühstück zu kommen.
Und am besten auch, ohne der Ordenskriegerin, die sie so sehr mochte, noch mal über den Weg zu laufen.
Laia hatte nicht viel Erfahrung mit dem Leben in Schlössern – auch wenn für dieses hier die Bezeichnung „Herr*innenhaus“ passender wäre, denn es war noch weniger schlosshaft als das von Akis Vätern –, aber ihr Vater hatte sie teilhaben lassen an seinen Erfahrungen im Eindringen in sie. Dazu gehörte natürlich auch eine ungefähre Vorstellung von den Abläufen in Schlössern.
Essen gab es ihres Wissens im Wesentlichen an zwei Orten: Im Speisesaal für die Adligen und ihre Gäste, und in der Küche für das Gesinde. Falls noch Zweifel bestanden haben sollten, zu welcher Kategorie Laia gehörte, hatte die Einordnung in ein gemeinsames Zimmer mit der Kriegerin diese beseitigt.
Und so war die Sache zwar vielleicht immer noch nicht einfach, besonders im Hinblick auf die Peinlichkeiten, aber doch zumindest klar: Küche, oder kein Frühstück.
Dann musste sie jetzt nur noch den Weg zur Küche finden. Gestern Abend hatte sie nämlich nichts mehr gegessen, und …
Laia blieb stehen, wandte sich um und lugte um die Ecke, die sie eben passiert hatte. Noch war nichts zu sehen, aber die Geräusche waren schon eindeutig.
Trotzdem wartete Laia noch kurz, bis sie die erste goldglänzende Rüstung hinter einer Wand hervor marschieren sah, die zu den Stiefelgeräuschen gehörte. In ihrer Position lernte man entweder schnell, aufmerksam auf die Geräusche genagelter Stiefel und Rüstungen zu lauschen, oder man blieb nicht lange in ihrer Position, und landete stattdessen in einer weniger bequemen, auf erheblich engerem Raum.
Sie zog ihren Kopf sofort wieder ganz zurück. Auch wenn sie davon ausgehen konnte, dass die Träger*innen der Rüstungen sie nicht erkennen würden, mochte das bei den Bediensteten der Freifrau durchaus anders sein, und außerdem war eine Person, die unauffällig um eine Ecke zu spähen versuchte, immer verdächtig.
Vier Personen, schätzte sie, plus ein*e Zivilist*in mit weichen Sohlen.
„Hier drinnen, das ist das Zimmer!“, raunte eine helle Stimme.
„Bitte tretet zur Seite“, sagte eine andere, lautere, viel rauere Stimme. Zwar sprach di*er Inhaber*in der Stimme auch leise, schien aber doch erheblich weniger daran gewöhnt. „Sie ist zwar keine Shiu’Hzim mehr, aber sie hat unsere Ausbildung durchlaufen und ist sehr gefährlich.“
„Oh, nichts lieber als das.“
Länger musste Laia nicht zuhören, und sie war sich auch ziemlich sicher, dass sie es sich ohnehin nicht leisten konnte.

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„Und meint Ihr denn, es hat überhaupt einen Sinn, ein Pferd zu kaufen? Könnt Ihr in den einschlägigen Disziplinen auch mit einem Tier eine Chance haben, das Euch noch nicht kennt? Oder geben wir die auf und konzentrieren uns besser auf die anderen?“
Yanis zögerte kurz. Sie hatte keine Ahnung, was ein Schlachtross kostete, aber sie nahm an, dass es viel war. Sie hatte andererseits keine Ahnung, was eine Baronie ausgeben würde, um … was auch immer hier das Ziel war, zu erreichen, nahm aber an, dass es auch viel war.
„Es hat einen Sinn, wenn Ihr das Geld für ein gutes Schlachtross habt, und eines so schnell auftreiben könnt. Dann schaffe ich es vielleicht – vielleicht! – trotzdem. Aber auf irgendeinem Ackergaul mache ich mich nur lächerlich, die Ausgabe könnt Ihr Euch dann ganz sparen, wenn der Spaß es Euch nicht wert ist.“
Dier Magier*in grinste ein wenig verlegen.
„Ich kanns mir tatsächlich ganz lustig vorstellen“, murmelte sier, „Aber …“
„Aki!“
Sie drehten sich um und sahen die Agentin aus dem Schloss durch den Garten auf sich zu laufen.
„Aki! Wir müssen los!“
„Was?“

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„Sie ist nicht da!“
„Ach was.“
„Ich hab gesagt, wir hätten früher-“
„Und es war mir egal. Ist es immer noch. Nicht egal ist mir Insubordination. Möchtest du mit mir über Insubordination reden, Icara? Es wäre ein sehr kurzes Gespräch, aber ich führe es gern, wenn es nötig ist.“
Icara schaute wütend zu Goma auf, schwieg aber.
„Antworte, Hzim!“
„Nein, Waffenmeisterin“, knurrte Icara.
„Was nein?“
Goma sah aus den Augenwinkeln, wie Hojira angestrengt aus dem Fenster schaute, als würde er da draußen die Flüchtige suchen … oder vielleicht auch sein Lächeln vor den anderen verstecken.
Zery schaute konzentriert im Zimmer umher, als hätte sier die Hoffnung, darin Hinweise zu entdecken.
„Nein, du musst mit mir nicht über Insubordination reden.“
„Warum nicht?“
Icaras Augen weiteten sich in einem Ausmaß, das beinahe Goma selbst zum Lachen gebracht hatte, und sie schnaufte, als wäre sie gerade 20 Meilen gerannt.
„Weil ich meinen Platz in der Hierarchie kenne, meine Befehle befolge, und meine Vorgesetzten respektiere.“
„Sehr gut, Hzim.“ Goma nickte ihr huldvoll zu. „Weitermachen.“
Icara warf ihr noch einen ‚Ich werde meiner Mutter davon erzählen‘-Blick vor, und Goma fand das ein bisschen merkwürdig, weil beide genau wussten, dass sie das nicht tun würde, weil sie wusste, was dann passieren würde. Aber sie entschied, den Blick vorerst zu ignorieren, weil sie wusste, dass es dabei bleiben würde.
„Da!“, rief Hojira. „Ich sehe sie, das muss sie sein!“
Goma war sich immer noch nicht sicher, ob sie besonders darauf aus war, Yanis zu fangen, aber sie wusste zumindest, dass sie ihre Pflicht tun würde. Deshalb eilte sie zu dem Fenster, wo Hojira bereits zur Seite getreten war, weil er wusste, wie weh es tat, von Goma gestoßen zu werden, und schaute hinaus.
Tatsächlich.
Die Person da unten im Garten hatte genau Yanis‘ Statur, und auch wenn sie ihnen den Rücken zuwandte, während sie mit den zwei anderen Personen sprach, die bei ihr waren, war ihr kahler vernarbter Schädel unverkennbar.
Goma lief in den Flur, und gab dabei der bediensteten Person, die sie zu diesem Zimmer geführt hatte, die Gelegenheit, zu Hojiras Kenntnisstand aufzuschließen, wie es sich anfühlte, von Goma aus dem Weg geschubst zu werden. Mit einem empörten Schrei stützte sie sich an der Wand ab und ruderte mit einem Arm. Vielleicht hätte sie sich halten können, wenn nicht als nächstes Icara durch die Tür gerannt wäre und sie endgültig zu Boden gestoßen hätte.
Goma nahm an, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt haben konnte.
Als sie den Garten erreichten, stand zu ihrer Erleichterung Yanis immer noch da und sprach mit den zwei anderen. Goma hatte für möglich gehalten, durchs Fenster entdeckt worden zu sein.
Zu ihrer Überraschung war Yanis‘ erste Reaktion, als sie die Hzim aus dem Schloss der Freifrau kommen sah, Flucht.
Goma hatte ernsthaft damit gerechnet, dass das naive Kalb sich zum Kampf stellen würde.
Sie hätte Yanis ungern getötet. Goma hatte lange keine so vielversprechende Rekrutin mehr erlebt, und sie mochte sie sogar, aber ihre Vorstellungen von Ehre waren sogar für eine Shiu’Hzim übertrieben eng, und sie hatte wirklich keinerlei Sinn für Taktik und Selbstschutz.
„Hol die Pferde, Hojira“, sagte Goma. „Wir folgen ihr, du holst uns ein.“
Sie wusste, dass niemand von ihnen Yanis zu Fuß einholen würde, aber zumindest konnten sie ihr hoffentlich nah genug folgen, um zu wissen, wohin sie reiten mussten, wenn die Pferde ankamen.
„Jawohl, Waffenmeisterin!“
Hojira sprintete in Richtung Stall davon, während seine drei Kamerad*innen Yanis zu Fuß hinterher rannten.
Shiu’Hzim-Rüstungen waren schwer, aber sie ließen mehr Bewegungsspielraum als die Plattenpanzer anderer Ritter*innen, denn Hzim kämpften nicht nur zu Pferd, und ihr Kampfstil war schnell, dynamisch, und kunstvoll.
Und manchmal mussten sie rennen. Waffenmeister*innen wie Goma legten deshalb viel Wert darauf, sie so zu schmieden, dass ihre Träger*innen mobil blieben, solange sie die Kraft hatten, das Gewicht zu bewegen.
Trotzdem waren die Rüstungen natürlich auch ein erheblicher Nachteil gegen Yanis in ihrer leichten Zivilkleidung, aber Goma kannte ihre Schülerin gut genug, um nicht einen Trupp Hzim ohne Rüstungen gegen sie zu führen.
Sie verließ sich auf die Pferde, ihre eigene Disziplin, und Icaras absurd heiß brennenden Hass, der sie wahrscheinlich noch angetrieben hätte, ihre ehemalige Geliebte zu verfolgen, so schnell sie konnte, wenn sie in einem Sarkophag eingemauert in einer Pyramide läge.
Und wenn Zery ein bisschen zurückfiel, war das nicht das Ende der Welt.
„Heda!“, rief eine der beiden Personen, die mit Yanis im Garten gestanden hatte, ein*e junge*r Magier*in, der roten Robe nach Combattiva. „Was treibt Ihr hier, erklärt Euch?“
Goma ignorierte sie*ihn und lief mit den anderen einfach vorbei. Sie hoffte, dass si*er nicht genug an Yanis hing, um einen Kampf mit drei Hzim zu beginnen. Sie hasste Kampfmagie und die Unberechenbarkeit, die durch die astralen Künste in einen Kampf kam, aber sie war sicher, dass si*er alleine sie nicht aufhalten konnte.
Aber es kam gar nicht zur Probe, denn di*er Magier*in fand sich wohl damit ab, dass der Hzim-Trupp sich nicht für sie*ihn interessierte.
Der Garten der Freifrau war nicht besonders groß und zum Glück nach hinten hin nur durch eine Hecke abgegrenzt. Die Hecke war menschenhoch, aber zum Glück nicht undurchdringlich, und Yanis‘ Durchquerung hatte bereits eine Schneise für ihre drei Verfolger*innen hinterlassen.
Hinter der Hecke folgte ein Feld, das zum Glück brachlag, aber, wie Goma mit Sorge bemerkte, nach vielleicht 800 Schritten an einem kleinen Fluss oder einem großen Bach endete.
Sie hatte den Wasserlauf beim Planen der Mission auf der Karte gesehen, sich aber den Namen nicht gemerkt. Geografie hatte die Waffenmeisterin nie besonders interessiert.
Icara verlagerte ihr Gewicht noch etwas weiter nach vorne und beschleunigte noch weiter. Sie begann, einen Vorsprung vor Goma aufzubauen. Anscheinend hatte sie auch das Risiko erkannt, dass Yanis durch den Fluss entkommen konnte, weil er zu breit und zu tief war, um ihn mit den Pferden zu durchqueren.
Die Shiu’Hzim selbst würden zum Schwimmen ihre Rüstungen ablegen müssen, dadurch weitere Zeit verlieren, und stünden dann auf der anderen Seite ungerüstet und mit großem Abstand hinter der fliehenden Yanis.
Sie würden sie verlieren. Das durfte nicht passieren.
Zery hielt gut Schritt. Goma nahm sich vor, siem später dafür ihre Anerkennung auszusprechen. Sie war angenehm überrascht.
Weder überraschend, noch angenehm fand Goma den Umstand, dass Yanis natürlich wie erwartet wirklich schneller lief als sogar Icara, und deshalb unweigerlich vor ihnen das Ufer erreichen würde, wenn nicht …
Immerhin hörte sie hinter sich schon den Hufschlag und einen unverständlichen Ruf von Hojira. Gut. Aber wahrscheinlich nicht genug, schätzte sie.
„Fliegender Aufstieg?“, hörte sie Hojira hinter sich rufen, jetzt nah genug, dass sie ihn verstehen konnte.
‚Nein, ich wollte meinen Sattelgurt sowieso noch mal richten, und ein Schluck aus dem Wasserschlauch wäre auch ganz gut‘, verkniff sie sich als Antwort. Hinterher war noch genug Zeit, um ihn für die sinnlose Frage zu schelten.
„Ja“, bellte sie knapp.
Zery stieß einen Fluch aus, und Goma sah sien aus dem Augenwinkel fallen. Wahrscheinlich über einen Erdhügel gestolpert, oder an einem Kraut hängengeblieben.
Sie hoffte, dass die Pferde siem ausweichen konnten. ‚Ein verletztes Pferd ist ein trauriger Anblick‘, dachte sie mit einem kleinen säuerlichen Lächeln.
Vor ihr schwang sich Icara, zugegenermaßen fast formvollendet, auf ihre Ceviry. Das hintere Bein hätte höher sein können, aber in dieser Situation hatte sogar Goma Verständnis für kleine Makel in der Ausführung.
Sie selbst hatte auch nicht ganz den perfekten Schwung, auch weil sie den Zeitpunkt etwas fehlerhaft eingeschätzt hatte, zu dem sie in Kasokus Mähne und nach dem Sattelhorn griff, aber sie fand zu einer guten Position im Sattel, damit wollte sie vorerst zufrieden sein.
Icaras Vorsprung wurde noch etwas größer, denn Ceviry war jünger als Kasoku, und feuriger. Goma bevorzugte Schlachtrösser, auf die sie sich verlassen konnte, und die in einer Schlacht auch dann nicht den Kopf verloren, wenn um sie herum Trebuchet-Geschosse einschlugen und Feuerbälle explodierten.
Icaras Prioritäten lagen – natürlich – anderswo, und natürlich hatte ihre Mutter ihr den Wunsch nicht abschlagen wollen.
Dennoch holte sie Yanis tatsächlich erst kurz vor dem Ufer der Gräne ein. Mit einem Schrei warf Icara sich auf die Flüchtige, und natürlich war Yanis vorbereitet, und schneller, und geschickter, und stärker, weil Yanis einfach besser war, auch wenn die eitle Stute es wahrscheinlich nicht lernen würde, bis Yanis ihr endlich einen Säbel in den Bauch schob. Und sogar dann wären ihre letzten Worte sicherlich so etwas wie ‚Ich … hab … dich gewinnen lassen, und … außerdem … hatte ich .. die Sonne … im…‘
Yanis sprang zur Seite, schob Icaras Schulter mit der Linken zur Seite, um ihren Sprung abzulenken, und versetzte ihr gleichzeitig mit der Rechten einen Hieb ins Gesicht, der Icaras Nase gebrochen hatte, da war Goma sich völlig sicher.
Hach. Goma vermisste ihre beste Schülerin, und sah mit leuchtenden Augen zu, wie sie der nun am Boden liegenden Icara noch einen Tritt ins Gesicht versetzte – nicht edel im formalen Duell, aber wenn ein*e echte*r Gegner*in am Boden lag, war es die vornehmste Pflicht einer Hzim, dafür zu sorgen, dass es dabei blieb.
Kurz zögerte sie mit einem Blick auf Icaras Säbel – ein Fehler, aber ein verständlicher -, und dann sprang sie die Böschung hinab ins Wasser.
Verdammt.
„Und da haben wir’s“, murmelte Goma, halb zufrieden, halb frustriert.
Sie musste Kasoku nicht zügeln, er hielt von selbst an der Böschung, Goma sprang hinab und zog ihren Bogen aus der Halterung am Sattel.
Neben ihr glitt Hojira von Asoglu, und Goma gönnte sich sogar noch einen kurzen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass mit Zery alles in Ordnung war. Sier war nur knapp hinter ihnen, auf Xutalay, und anscheinend nicht ernsthaft verletzt. Gut.
Sie legte einen Pfeil ein, spannte die Sehne, und zielte auf die schwimmende flüchtige Hzim im Wasser, auch wenn ihr Herz dabei blutete.
„Warte!“, murmelte Icara benommen vom Boden. Sie war hartnäckig, das musste Goma ihr lassen. Sie hatte nicht erwartet, dass Icara so schnell wieder zu sich kommen würde. „Wir müssen sie … lebend fangen!“
„Prioritäten“, antwortete Goma, und fügte hinzu: „Und widersprich mir noch einmal, Hzim, noch ein einziges Mal, dann findest du heraus, wie wichtig es mir ist, Fliehende lebend zu fangen.“
Es kam jetzt auf diese Sekunden nicht an. Yanis schwamm schneller als jede*r von ihnen, aber Schwimmen war immer noch eine langsame Bewegung, und die Strömung war auch nicht gerade reißend. Goma konnte sie auf diese Entfernung nicht verfehlen, wenn sie sich die Zeit nahm, ordentlich zu zielen.
„Jawohl, Waffenmeisterin“, knurrte Icara vom Boden aus.
Und Goma ließ den Pfeil los.
„Ja“, murmelte sie, während etwas in ihr schrie und jammerte.
Das Geschoss flog einen perfekten Bogen über das Wasser, und traf genau die richtige Stelle in Yanis‘ Rücken, als diese gerade hinter einer Welle wieder auftauchte.
Goma nickte, steckte den Bogen zufrieden zurück in seine Halterung, schaute zu ihren drei Kamerad*innen und nickte in Richtung der Gräne.
„Ihr könnt sie dann jederzeit rausholen, wenn euch das Wetter passt, das Wasser nicht zu kühl ist und ihr euch generell irgendwie danach fühlt, eure Mission zu erfüllen und Befehle zu befolgen, ja?“

Lesegruppenfragen

  1. Und wie konntet ihr euch so mit Laias Perspektive auf den Morgen bzw. den Rückblick auf den Abend identifizieren?
  2. Wie fühlt ihr euch mit dem Verhältnis zwischen Goma und Icara (und meinetwegen auch den anderen Hzim)? Kam euch das irgendwie passend vor oder hat euch was gestört?
  3. Wie war die Verfolgungsjagd für euch? Actionszenen sind ja nicht so mein Ding.
  4. Und das Ende? Was denkt ihr?

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