Yanis (19)


Falls ihr euch Sorgen machen solltet, kann ich euch beruhigen. Mit dem Schreiben komme ich nach wie vor gut. Nur mit dem veröffentlichen bin ich immer noch ein bisschen hinterher. Zugegebenermaßen auch ein bisschen, weil ich den Eindruck habe, dass hier niemand so besonders dringend darauf wartet. Aber es geht jedenfalls voran, keine Angst!


Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.

**************

Was heute geschieht

Einige Stunden später saßen sie wieder in der Kutsche, dem Abgrund, in den peinliche Gespräche sich zurückzogen, um zu sterben.
Dier Magier*in hatte nach der Heilung ein schlichtes beiges leinenes Hemd und eine schwarze Hose aufgetrieben, die Yanis einigermaßen passten. Schuhe in ihrer Größe hatte sier nicht gefunden, aber die, die sie von der Person an der Stadtmauer ertauscht hatte, sahen auch noch nicht völlig unerträglich aus.
So schaute sie nun nicht mehr wie eine verwahrloste Bettlerin aus, die durch die Kanalisation gekrochen war, sondern nur noch wie eine verwahrloste Bettlerin, die ein Leinenhemd und eine schwarze Hose aus einer Schneiderei gestohlen hatte, die ihr ein bisschen zu klein waren.
Aber trotzdem tat es gut, frische, saubere Kleider zu tragen, und auch selbst sauber zu sein. Sie hatte gegen die Zweifel dier Magier*in durchgesetzt, noch ein Bad zu nehmen. Ein bisschen störte sie der süßlich-blumige Duft, der sie seitdem begleitete, aber er war dem vorherigen deutlich vorzuziehen.
Waren es Rosen? Veilchen? Primeln? Ein Gemisch?
Yanis verstand nichts von Blumen.
Sie hoffte, dass es der Agentin gefiel. Albern. Aber welchen Sinn hatte es, es vor sich selbst zu leugnen?
„Möchtest du eigentlich …“
Schon wieder eine dieser hilflosen peinlichen Pausen, die zusammen mit dem zugehörigen abwenden des Blickes unpassend hilfloser Geste wie in diesem Fall Verschränken der Arme ankündigten, dass es um Yanis‘ Brandwunden gehen würde.
„… eine Maske oder eine vergleichbare … Verhüllung?“
„Nein.“
„Mhm.“
Dier Magier*in nickte hastig.
„Sier hat Angst, dass die Freifrau oder jemand an ihrer Tafel ein Problem mit deinem Gesicht hat“, sagte die Agentin, überraschend und sogar ein bisschen erfrischend sorglos.
Ja, vielleicht hat es auch ein bisschen damit zu tun, dass Yanis sie unbedingt mögen wollte. Und ja, vielleicht war das nicht besonders vernünftig von ihr. Aber sie hatte im Moment nicht so viel und wollte nicht immer nur an die verflixten Pastillen denken, um sich besser zu fühlen.
„Das ist überhaupt nicht wahr!“, rief dier Magier*in.
„Wohl ist das wahr“, antwortete die Agentin ganz entspannt. „Du brauchst irgendein Dokument von ihr, damit dein Plan aufgeht. Was willst du denn machen, wenn sie sagt, dass der Anblick hier den Appetit verdirbt.“ Zum Schluss hin war sie immer leiser und unsicherer geworden, mit gelegentlichen nervösen Blicken zu Yanis. Leise fügte sie noch hinzu: „Ich mein das nicht böse, ich seh das ja nicht so, aber … Leute sind so?“
„Ich weiß, wie ich aussehe“, antwortete Yanis, ein bisschen steif, und vielleicht nicht besonders schlagfertig, aber so würdevoll, wie sie es eben jetzt hinbekam. „Und wenn die Freifrau mich nicht an ihrer Tafel will, muss ich nicht an der Tafel der Freifrau sitzen.“
Dier Magier*in und siere Agentin nickten langsam.
„Du … verstehst sicherlich, dass wir es uns in diesem Fall leider einfach nicht leisten können, auf unseren Prinzipien zu beharren. Aber wir sind uns einig über diese Prinzipien. Ich verspreche es.“
Yanis winkte ab.
„Verstehe ich. Es ist sehr viel einfacher, sich Prinzipien zu leisten, wenn man es auf die Zeiten beschränkt, in denen sie keine Belastung sind.“
„Äh … Ja. Genau.“
Aki nickte mit zusammengepressten Lippen, wandte sich ab und schaute aus dem Fenster.

**************************

‚Sagte sie, die sich mit einem heiligen Eid als Dienerin Shius gebunden und dann nach ihrer unehrenhaften Flucht aus dem Orden für ein paar Groschen an eine*n nicht allzu ehrenhafte*n Baronserb*in verkauft hatte.‘
Sier wollte es sagen. Sier wollte es so gerne sagen.
Aber sier war klug genug, zu wissen, dass es keine besonders geschickte Idee war, die einzige Person, die sierem Plan zum Erfolg verhelfen konnte, mit einer besserwisserischen Retourkutsche daran zu erinnern, dass sie eigentlich mal etwas anderes geschworen hatte.
Sier war nicht souverän genug, um die Worte nicht minutenlang ununterbrochen immer wieder still im eigenen Kopf aufzusagen und sich das betroffene Gesicht der überheblichen Kriegerin vorzustellen. Aber immerhin vernünftig genug, sie nicht wirklich auszusprechen.
Manchmal musste das reichen.
Als die Kutsche vor dem Landhaus der Freifrau hielt und ein*e Bedienstete*r die Tür für sie öffnete, war Aki sehr erleichtert, endlich aussteigen zu können, deshalb nahm sier keine große Rücksicht auf die anderen und sprang einfach direkt als Erste*r auf den Kies vor dem Haus.
Die Freifrau erwartete sie bereits, zu Akis Überraschung.
Sie streckte zur Begrüßung eine Pranke vor und verneigte ihren großen Kopf. Aki kannte sie schon eine Weile, und es fiel siem immer noch schwer, irgendwoanders hinzuschauen als auf den großen Skorpionsschwanz, der vom hinteren Ende ihres Löwinnenkörpers geschätzte vier Meter hoch aufragte, und leicht tänzelnd ständig aufs Unerfreulichste den Eindruck vermittelte, nur auf eine Gelegenheit zum Zustoßen zu warten.
Aber das waren ungerechte Vorurteile, Aki wusste es. Trotzdem machte es sien nervös, so sehr sier auch versuchte, nur die ihm (hoffentlich) freundlich gesonnene Person in der Mantikorin zu sehen.
„Willkommen auf Schloss Berleningen“, grollte die Freifrau mit ihrer tiefen, tiefen, Stimme.
„Danke, Freifrau! Ich hoffe, Ihr verzeiht mei- unseren unangekündigten Besuch. Wir sind in Eile.“
Ein tiefes, tiefes, grollendes Lachen.
„Darüber entscheide ich, nachdem Ihr Eure eigentliche Bitte vorgetragen habt. Kommt!“Sie wandte sich um und ging in Richtung des großen Haupteingangs und Aki folgte ihr, mit einem entschuldigenden Blick zu sieren Begleiterinnen.
„Die beiden können gerne einfach mitkommen“, knurrte die Freifrau verdächtig genüsslich in Akis Gedanken.
Sier zögerte nur kurz, bevor sier widerwillig anwortete:
„Ich würde lieber unter vier Augen mit euch sprechen.“
„Ich weiß. Ich wollte nur, dass du es vor ihnen sagen musst, weil ich gerne ein bisschen Zwietracht sähe.“
Sie lachte ihr tiefes kehliges Lachen, und Aki drehte sich mit einem hilflosen Schulterzucken zu den beiden anderen rum. Laia grinste sien nur mitleidig und ein bisschen schadenfroh an. Die Kriegerin, deren Mimik natürlich ohnehin etwas schwerer zu deuten war, schaute nur stoisch vor sich hin, mit einem möglicherweise irritierten kurzen Seitenblick zu der grinsenden Laia.

**************************

„Und warum genau sollte ich Euch bei diesem sonderbaren kleinen Projekt unterstützen, von dem, wenn ich das richtig verstehe, sogar Eure eigenen Väter nicht richtig überzeugt sind?“
Das Arbeitszimmer der Freifrau sah naturgemäß etwas anders aus als die menschlicher Adliger. So gab es zwar Stühle für Gäste, aber hinter dem enorm großen Schreibtisch, über dem ihr besonderer Schreibmechanismus hing, befand sich keiner, sondern stattdessen eine Art riesigen Diwans, auf dem sie liegen konnte.
Und ansonsten … Aki hätte es ihr nicht in das irritierend menschliche Gesicht gesagt, aber ansonsten sah ihr Arbeitszimmer schon sehr nach Verlies aus. Die Wände aus dunklen, unbehauenen Steinen, bestimmt fünf Meter Deckenhöhe, und nur ein kleines Fenster an hinteren Ende des länglichen Raumes. Weil es draußen schon dunkel war, kam das Licht ausschließlich von einem Leuchter über dem Tisch, der zwar riesig war, aber alles andere als prunkvoll, aus schlichtem Gusseisen, aber immerhin mit Halterungen für … überschlagsmäßig 25 Kerzen, schätzte Aki. Sier hatte schon Kronleuchter gesehen, für die man wahrscheinlich das ganze Haus der Freifrau hätte kaufen können, und die kaum mehr Licht spendeten als eine einzelne Laterne.
„Mit dieser Frage habe ich gerechnet!“
„Dann freue ich mich umso faszinierter auf Eure sicherlich gut vorbereitete und ausgefeilte Antwort!“
„Ich werde mein Bestes tun, Euch nicht zu enttäuschen! Zunächst einmal würdet Ihr durch Eure Unterstützung dazu beitragen, diplomatische Verwerfungen oder vielleicht sogar einen Krieg zu verhindern.“
Sie legte die Vorderpfoten übereinander, leckte sich über die Nase und schaute gelangweilt zur Decke.
„Natürlich wusste ich, dass Euch das nicht überzeugen würde!“, fuhr Aki fort. „Damit bleibt aber immer noch das Argument, dass Ihr den gewonnenen Preis sowie die damit einhergehende Ehre bekommen werdet und dafür nicht mehr aufwenden müsst als euer Siegel. Und außerdem natürlich die tiefe und andauernde Dankbarkeit unserer Baronie.“
Sie zog den rechten Mundwinkel nach oben und antwortete: „Mit Dankbarkeit und meinem Fell kann ich mich warmhalten an kalten Wintertagen, und Dankbarkeit und eine Schale mit Wasser sind eine köstliche Erfrischung im Sommer.“
„Deswegen gibt es ja auch noch den Preis und die Ehre des Sieges dazu! Die erfrischen vielleicht nicht so gut wie eine Schale mit Wasser, haben aber auch ihren Wert.“
„Falls Eure Hzim gewinnt.“
„Sie ist eine echte Shiu’Hzim.“
„Ich weiß.“
„Und ich weiß wiederum das. Deshalb bin ich ja auch zu euch gekommen. Ich wusste, dass ihr die Wahrheit erkennen könnt. Na gut, und weil euer Landsitz direkt auf dem Weg liegt. Und wenn Ihr wisst, was sie ist, dann wisst Ihr auch, dass sie gewinnen kann, und Euch auf keinen Fall Schande bereiten wird.“
„Sie war Shiu’Hzim. Jetzt … ist sie beschädigt. Ich weiß, was sie ist, aber auch ich bin nicht allsehend. Die Erfahrung lehrt mich, Menschen immer auch die Schande zuzutrauen.“
„Das Leben ist immer auch ein Würfelrollen, aber mit Verlaub, wie niedrig soll Euer Einsatz sein? Ein Brief, mehr will ich nicht.“
„Eine Lüge. Ein Beitrag zu einer Täuschung. Meine offizielle Patronage für eine gesuchte Kriminelle.“
Aki konnte nicht ganz verhindern, dass sier Gesicht sich schmerzlich verzog. Besonders mit dem letzten Punkt lag die Freifrau nicht völlig daneben ….
„Ich kann das Risiko nicht leugnen. Aber ich kann darauf hinweisen, dass es auch seinen eigenen delikaten Reiz hat.“
Sie lachte und schob ihren Skorpionsschwanz in die neben ihr auf dem Tisch liegende Schreibmanschette.
Aki empfand jedes Mal eine Mischung aus Ehrfurcht, nackter Angst und Neugier, wenn sier beobachten durfte, wie präzise die Mantikorin diesen tödlichen Stachel kontrollieren konnte. Und sier war sich nie ganz sicher, wann sie es bewusst demonstrierte und wann sie einfach nur selbstverständlich ein Körperteil benutzte.
„Ich werde mein gefälschtes Siegel benutzen“, sagte sie. „Wenn es tatsächlich ernst wird, werde ich von überhaupt nichts wissen, und Ihr werdet zugeben, dass Ihr diese Urkunde selbst hergestellt habt. Und ich erwarte den Siegpreis, unabhängig davon, ob sie tatsächlich gewinnt oder nicht. Das sind die Bedingungen.“
Aki dachte kurz nach bevor sier nickte.
„Klar. Einverstanden.“

**************************

„Du hast ihr einen Sieg garantiert?“, fragte Laia.
„Naja…“, antwortete Aki.
„Und kriegst dafür nicht mal ein echtes Siegel?“
„Damit sie abstreiten kann, was damit zu tun zu haben, falls die Shiu’Hzim anklopfen.“
„Und was genau bleibt dir da noch als Vorteil gegenüber Einfachselbstfälschen?“
„Naja, sie steht dahinter.“
„Es sei denn, jemand fragt.“
„Ja gut.“
Laia seufzte.
„Du hättest mich mitnehmen sollen.“
„Ja gut“, knurrte Aki.
Sie zuckte die Schultern.
„Wo schlafe ich?“
„Mhhh …“
Aki gestikulierte die*n Dienstbot*in heran, die*er halb gelangweilt und halb peinlich berührt am anderen Ende des Flurs abwartete, ob si*er noch gebraucht würde.

**************************

Als Laia das Zimmer betrat, zuckte die Kriegerin auffällig erschrocken zusammen und steckte ein bisschen zu hastig einen Beutel wieder zurück in diese Umhängetasche, die ihr so wichtig gewesen war.
Laia hatte ein Auge für Heimlichtuerei, aus offensichtlichen Gründen.
Aber sie versprach sich nichts davon, die Kriegerin in die Ecke zu treiben, deshalb tat sie einfach, als hätte sie nichts gesehen.
„Ich … wusste nicht, dass wir uns das Zimmer teilen“, murmelte die Kriegerin.
Laia zuckte die Schultern. „Ist ein kleines Schloss, und wir sind nur Domestikinnen. Tut mir leid.“
„Nein, nein!“ widersprach die Kriegerin überraschend heftig. „So hab ich das nicht gemeint. Es macht mir nichts aus. … Ich kenne das natürlich. Kein Problem. Ich war nur überrascht.“
Laia nickte und stellte ihren eigenen Rucksack neben einem der drei freien Betten ab.
„In Ordnung.“
Laia zog sich aus und legte sich in das Bett.
„Gute Nacht!“
„Gute Nacht!“
Die Kriegerin klang müde. Aber sie hatte auch einen harten Tag hinter sich, wenn Laia darüber nachdachte. Sie war die – wie viele? 20? – Meilen von Schloss Orenin bis Lichternach gelaufen, sie war öffentlich ausgepeitscht worden, und dann von Aki geheilt, dann die Kutschfahrt … Laia selbst genoss es geradezu unanständig, in dem Bett zu liegen und sich endlich ausruhen zu können, und sie hatte selbst eigentlich kaum etwas get-
„Ich … Nee.“
„Was?“, fragte Laia.
„Nee, schon … Egal.“
„Mhm.“
Laia dreht sich um und zog die Decke höher. Es war nicht mal besonders kalt, aber es fühlte sich trotzdem gut an, sich-
„Ich mag dich.“
Laia drehte sich wieder um und schaute in den Raum, obwohl da kaum etwas zu sehen war in der Dunkelheit.
„Das …“ sagte die Kriegerin. „Tut mir leid, das war Quatsch, glaub ich. Vergiss es einfach.“
„Nein, nein …“ Laia hatte keine Ahnung, wie sie damit jetzt umgehen sollte, aber sie sah keinen Grund, anders als freundlich zu reagieren, wenn ihr jemand sagte, dass sie sie mochte. Insbesondere wenn diese andere Person eine Shiu’Hzim war, mit der sie im selben Raum schlafen und wahrscheinlich auch langfristig zusammen arbeiten würde. „Nein … Ich freue mich! Ich … mag dich auch?“
Das hätte vielleicht weniger verwirrt und unsicher klingen können.
„Ich … Danke … Vergiss es einfach …“

**************************

Oh Shiu neinneinneinneinneinneinnein! Yanis hatte ja nicht gewusst, … Sie konnte … Sie hatte die verdammte Pastille schon genommen! Sie konnte nichts dafür. Sie hatte nicht nachgedacht und war einfach davon ausgegangen, dass sie das Zimmer für sich allein hatte.
Und jetzt …
Und jetzt…
Jetzt war sie hier mit ihr im Zimmer, und Yanis wusste nicht, wie viele klare Sekunden sie noch hatte, bevor der Balsam zu wirken anfangen würde.
Am besten versuchte sie, einfach so schnell wie möglich einzuschlafen. Und gar nicht auf die Agentin zu reagieren. Gar nicht drüber nachzudenken, dass sie jetzt hier war.
Sie erinnerte sich an stundenlange nächtliche Gespräche vor dem Einschlafen mit Icara, und wie schön die gewesen waren. Ganz am Anfang.
Aber da war es jedenfalls noch schön gewesen. Die Gespräche.
Yanis‘ Kopf fing an, sich zu drehen. Also, natürlich nicht nur ihr Kopf. Sie selbst, ganz. Oder … Es drehte sich jedenfalls irgendwas um sie.
Und sie fragte sich, ob sie nicht doch irgendwas sagen sollte. Und dachte zugleich, dass das wahrscheinlich eine Situation war, in der sie ganz sicher nicht irgendwas sagen sollte.
Oder?
Es war doch offensichtlich. Sie mochte die Agentin. Und das war noch sehr zurückhaltend gesagt.
Natürlich war es gut, es zu sagen. Es war …
„Ich … Nee.“
Aber doch nicht so!
Sie hatte …
„Was?“
Und Yanis konnte nicht mal irgendwie mit der Situation umgehen, weil sie ihre Gedanken nicht zusammenbekam.
„Nee, schon … Egal.“
„Mhm.“
Aber so … So konnte Yanis das doch jetzt auch nicht lassen, oder? Was hatte sie zu verlieren? Sie konnte doch einfach die schlichte Wahrheit aussprechen, und dann hatte sie es zumindest hinter sich und wusste, was passierte.
„Ich mag dich.“
Oh. Oh nein. Das war … Das war nicht gut. Sie hatte es kaum ausgesprochen, als ihr klar wurde, wie es klang.
Und sie wollte … irgendetwas Erklärendes dazu sagen, irgendwas, was sie nicht wie eine komplette Närrin wirken ließ, aber ihr war schwindlig, und sie schaffte es einfach nicht mehr …
„Das …“ murmelte sie unter Aufbietung all ihrer Konzentrationsfähigkeiten. „Tut mir leid, das war Quatsch, glaub ich. Vergiss es einfach.“
„Nein, nein …“
Yanis wollte schreien ob des … Mitleids?, das sie in der Stimme der Agentin hörte.
„Nein … Ich freue mich! Ich … mag dich auch?“
Aber sie wusste, dass sie sich morgen noch viel mehr schämen würde, wenn sie jetzt schrie. Das beste, was sie jetzt noch tun konnte, war, es nicht schlimmer zu machen.
„Ich … Danke … Vergiss es einfach …“, nuschelte sie.
Das einzige, was sie realistischerweise tun konnte, war, sich zusammenzureißen und sich beherrschen, um die Klappe zu halten, damit nicht noch mehr verstörender Unfug herauskam.
„Nein, wirklich. Ich freu mich. Danke, dass du es gesagt hast!“
Hmnghhrrrrr.
Vielleicht doch …?
Neinneinneinneinneinnein! Halt den Mund, Yanis. Du kannst jetzt nicht. Es geht jetzt nicht. Lass es dabei. Du hast dich lächerlich gemacht, aber anscheinend nichts Schlimmeres. Morgen wird es ein bisschen peinlich, und du wirst daran nie wieder anknüpfen können, und du wirst dir noch wochenlang wünschen, du hättest nichts gesagt, oder sogar eine einzige weitere Minute gewartet, bevor du die göttinverfluchte Pastille nimmst, aber das war auch alles.
Könnte schlimmer sein.
Sie konnte es jetzt nur schlimmer machen.
Sogar zu besten Zeiten war Yanis alles andere als wortgewandt, und jetzt gerade war sie nicht mal sicher, an welchem Ende ihre Zehen waren. Da. Allein dieser völlig absurde Gedanke.
Sie spürte regelrecht die Flut aus Unfug, die aus ihrem Mund sprudeln wollte, und gegen die sie sich mit einer auch körperlich spürbaren Anstrengung stemmen musste.
‚Ich hab das gar nicht gesagt, das klang nur so. Ich hab das nur geträumt. Ich hab auch nicht dich gemeint. Ich mag viele Sachen. An die hab ich gerade gedacht. War nur so eine Redewendung. Aber wenn du sagst, dass du mich auch magst, meinst du-‘
Neinneinneinneinneinneinnein.
Gar nichts mehr.
Zum Glück war sie ohnehin viel zu müde und sich jetzt gerade nicht mal sicher, ob sie ihren Mund noch finden würde, sogar wenn sie es versuchte.

Lesegruppenfragen

  1. Wie fandet ihr die Mantikorin als Freifrau, von der Idee her?
  2. Und von der Umsetzung?
  3. Hättet ihr an Akis Stelle auch versucht, sie so zu überzeugen, oder wäre euch was Besseres eingefallen? (Wir tun für die Zwecke der Beantwortung dieser Frage so, als wäre völlig klar, DASS ihr es versucht.)
  4. Wie hättet ihr an Laias Stelle zum Schluss auf Yanis reagiert?

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