Yanis (17)


Pardon, ich habs einfach jeden Abend wieder vergessen, den Text tatsächlich zu veröffentlichen, obwohl ich ihn schon lange fertig habe. Jetzt aber, und bald schon wieder:
Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Was heute geschieht

Als Yanis die Stadtmauer wieder erreichte, war sie angenehm erschöpft von dem langen Lauf.
Und ihr fiel genau zu dieser eigentlich günstigen Zeit ein, wie schrecklich hungrig sie war. Sie hatte das letzte Mal etwas gegessen, als Ikrezia ihr zum Abschied noch die Reste ihres …
„Halt! Was willst du in Lichternach, du Untier?“
Und wieder fühlte es sich an, als würde etwas von ihrem Hals in ihre Brust in ihren Bauch bis knapp unter ihrem Magen hinabsinken.
‚Yanis, du dämliches Kalb!‘
Sie hatte es wirklich vergessen, sie hatte einfach nicht mehr daran gedacht.
„Lass mich einfach durch“, knurrte sie.
Die Wachperson lachte laut.
„Oder was? Steckst du mich dann an?“
Si*ere Augen weiteten sich ein wenig und si*er trat einen Schritt zurück.
„Das ist nicht ansteckend was du hast, oder?“
„Kedao, hör auf, mit der Bettlerin rumzuhühnern! Scheuch sie weg und mach deine Arbeit!“
„Lass mich einfach durch“, wiederholte Yanis.
Sie fühlte sich nicht länger nur körperlich erschöpft. Sie war einfach voll. Voll mit Enttäuschung, mit Demütigung, mit Beleidigungen und dem Gefühl, nichts richtig machen zu können. Oder vielleicht auch leer. Sie hatte einfach keine Kraft mehr, keine Geduld, keinen Humor, keine Selbstbeherrschung.
„Verzieh dich einfach, und bettel woanders!“
Si*er hob den rechten Stiefel, um nach ihr zu treten.
Aber Yanis hatte genug, mehr als genug, von allem.
Sie machte einen Schritt an Kedaos Bein vorbei, trat schwungvoll gegen das Knie sie*res Standbeins, zog sie*re Keule aus der Haltung an sie*rem Gürtel, während si*er schreiend zu Boden ging, hob die Keule, um auszuholen – und fand dann irgendwo doch noch einen ganz winzig kleinen Rest Kraft, Geduld, Selbstbeherrschung, was auch immer. Sie hielt inne, die Wachperson vor ihr am Boden die Hände reflexartig schützend vor dem Gesicht. Fünf andere Wachpersonen liefen bereits auf sie zu, eine hatte ebenfalls eine Keule, eine andere ein Schwert in der Hand.
Yanis atmete tief aus, gab etwas von sich, dass irgendwo zwischen einem genervten Stöhnen und einem verzweifelten schluchzen war, warf die Keule neben der Wachpersonen auf den Boden, hob die Hände hinter dem Kopf und ließ sich auf die Knie fallen.
„Schon gut! Schon gut!“, rief sie. „Si*er ist nur gestolpert, nichts passiert, alles in Ordnung!“
Sie war immer eine furchtbar schlechte Lügnerin gewesen.

*****************************

Laia hasste die Kutsche auf dem Weg zurück in die Stadt an und für sich immer noch genauso sehr, aber mit Aki zusammen war die Fahrt zumindest sehr viel angenehmer als mit der stolzen, feindseligen, schweigsamen, bedrohlichen Kriegerin.
„Warum kannst du sie nicht einfach mit irgendeinem Zauber finden? Du kannst sowas doch, oder?“
Aki nickte und schüttelte den Kopf.
„Ich kenne sie nicht, ich hab sie noch nie gesehen. Wie soll ich finden, solange ich noch nicht einmal weiß was ich suche?“
„Wie viele Shiu’Hzim werden in Lichternach jetzt gerade schon sein?“
Aki nickte und schüttelte noch mal den Kopf.
„So funktioniert das nicht.“
Laia sah durch das Fenster, dass sie durch das Stadttor fuhren, an salutierenden Wachen vorbei, die die Kutsche der Barone erkannten.
„Meinst du nicht, dass wir die vielleicht fragen könnten? Die werden sich doch bestimmt erinnern, ob hier eine Person mit einem völlig verbrannten Gesicht vorbeigekommen ist.“
Sie sah an Akis Gesicht, dass sier daran nicht gedacht hatte, aber natürlich viel siem sofort ein Grund ein, es auch jetzt nicht zu tun:
„Sie hätten sie nicht in die Stadt gelassen. Wenn sie vorbeigekommen ist, ist sie nicht in der Stadt, und wenn sie in der Stadt ist, ist sie nicht vorbeigekommen.“
Laia schnitt eine Grimasse.
„Aber das wäre doch auch gut zu wissen. Wenn sie sie weggeschickt haben …“
„Wenn Sie wirklich eine Shiu’Hzim ist, dann lässt sie sich nicht wegschicken, und sonst nützt sie uns doch sowieso nichts.“
Laia verdrehte die Augen.
„Die Welt und das ganze Leben müssen so wunderschön einfach sein, wenn man ein*e Baron*in ist.“
Aki zuckte die Schultern und wiegte schmunzelnd den Kopf von links nach rechts.
„Manchmal …“
„Und da denkt man, Magier*innen sind weise.“
Sier zwinkerte.
„Es sind ja auch nicht alle Dieb*innen niederträchtig und feige.“
Laia zog die Stirn kraus.
„Wer sagt denn sowas?“
„Ja meine Güte, ich wollte auf die Schnelle was Interessantes, aber Nettes sagen.“
Sie lachte.
„Vielleicht beim nächsten Mal.“ Nach einer kurzen Pause fragte sie: „Meinst du, dass wir zumindest dieses holprige Gefährt irgendwann mal verlassen sollten, wenn wir irgendeine Chance haben wollen, sie wiederzufinden?“
Aki zögere eine Weile, aber siem fiel anscheinend nichts ein, um sie weiter zu necken. Deshalb antwortete sier einfach nur: „Könnte sein. Könnte sein. Aber wir können sicherlich auch noch warten, bis wir das Stadthaus erreicht haben. Der Kutscher hat es dort netter als auf der offenen Straße.“
Sie zuckte die Schultern.
„Und dann?“
Aki grinste.
„Ja was? Ich denke, sie ist deine Shiu’Hzim! Du wolltest sie doch mir unbedingt zeigen! Da musst du sie schon auch finden und bringen.“
„Hör mal, das ist irgendwie alles dein Projekt! Ich finde die Idee gar nicht so brillant, jemanden in dieses Turnier zu schmuggeln, um ein Familienmitglied am Ende hoffentlich vielleicht keine Ahnung wie irgendwie zu retten. Das war deine Idee, und ich spiele mit, aber nur mit. Ich spiel das nicht alleine.“
„Das … klingt angemessen. Auch wenn mir nicht ganz klar ist, warum niemand meinen Plan mag. Ist ein guter Plan.“
„Naja. Aber a propos Plan. Warum ist dein Kutscher stehengeblieben?“
Aus dem kleinen Fenster konnte leider nicht viel erkennen, außer dass ein paar Leute an der Straße standen und irgendetwas zu beobachten schienen. Ich musste etwas interessantes sein, denn einige von ihnen jubelten, andere schauten erschrocken oder verbargen sogar die Gesichter in den Händen.
„Vielleicht ein Hindernis? Ich werd …“
Es klopfte vom Bock aus.
Aki öffnete das kleine Sprechfenster.
„Ich glaube, wir könnten sie schon gefunden haben, Ihro Erlaucht!“
Aki zog die Stirn in Falten und fragte: „Wie? Du kennst sie doch auch überhaupt nicht!“
„Verzeiht, Erlaucht, aber die Beschreibung der Dame Laia schien mir doch eindeutig genug.“
Aki verdrehte die Augen, seufzte, öffnete die Tür und stieg aus. Laia folgte siem.
Es war wirklich ziemlich offensichtlich.
Die – kleine – Menschenmenge war versammelt um ein Podest vor dem Rathaus, auf dem eine sehr beleibte Person mit Lederschürze und schwarzer Tuchmaske über dem Kopf eine mehrschwänzige Peitsche schwang, auf den Rücken einer vor ihr knienden, mit Hals und Handgelenken in ein im Boden verankertes Joch gespannten Person, deren Gesicht voller Brandnarben und -blasen war.
Die Leute schienen unentschlossen und bedrückt, es kam keine rechte Johl- und Jubelstimmung auf. Ob es daran lag, dass es zu wenige waren, an dem unerfreulichen Gesicht der Kriegerin, das niemand gern zu lange anschauen wollte (obwohl Entstellungen nach Laias Erfahrung durchaus auch die Laune der Masse anheizen konnten), oder an noch anderen Umständen, vermochte sie nicht einzuschätzen, aber Laia hatte schon lebendigere Auspeitschungen gesehen.
Yanis schaute stoisch durch die Menge, und sogar als die Geißel durch die Luft fauchte und ihren Rücken traf, verzog sie nur kurz den Mund, als hätte sie sich bloß leicht den Ellenbogen angestoßen.
„Sie ist zäh, das muss ich zugeben“, murmelte Aki. „Das heißt aber nicht, dass sie eine Hzim ist.“
Laia schaute sien an und lächelte nur. Das Lächeln verstarb sehr schnell, als sie wieder zurück schaute.
„Das ist schrecklich. Lass uns ihr helfen!“
„Naja …“, murmelte Aki.
Laia sah ihn an.
„Was??“
„Naja … Das ist nicht so einfach. Wie willst du das machen? Hier findet gerade eine öffentliche Bestrafung statt. Sogar wenn ich schon Baron*in wäre, was ich nicht bin, wäre Lichternach nicht meine Stadt, und ich hätte hier keine Autorität.“
Laia schnaubte ein bitteres Lachen.
„Na klar …“
„Sogar wenn ich sie hätte“, fuhr Aki fort, „wäre es unter Umständen keine gute Idee, eine öffentliche Bestrafung einfach mittendrin zu unterbrechen. Es sendet ein schlechtes Signal und schürt Unzufriedenheit im Volk. Und schließlich kennen wir diese Person doch gar nicht. Wer weiß, ob sie ihre Bestrafung verdient hat?“
Laia verdrehte die Augen und blies eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
„Ich wusste gar nicht, wie viel Jakuwe in dir steckt!“
„Autsch!“
„Selber Autsch! Da Autsch! Kuck Autsch, du stocksige*r Adelsspross*in, du rücksichtslose*r Robenscharlatan*in!“
Akis Kiefermuskeln spannten sich an, und sier schaute auf den Boden.
„Jetzt mach hier keinen moralischen Aufstand! Als hättest du mich jemals gebeten, in irgendeiner öffentlichen Bestrafung zu intervenieren, wenn es um Leute ging, die du nicht für nützlich gehalten hast!“
Jetzt war es an Laia, missmutig zu Boden zu gucken.
„Naja, das ist … Also … Normalerweise kriege ich das ja auch gar nicht mit. Und außerdem ist doch in diesem Fall offensichtlich, dass das nicht gerecht sein kann! Sie ist doch gerade erst von eurem Schloss weggelaufen, was kann sie schon gemacht haben? Außerdem ist sie eine … Shiu … Wie heißt das?“
„Shiu’Hzim.“
„Genau, das, und du weißt so gut wie ich, dass die nicht einfach ohne Grund was Verbotenes machen! Die bestrafen sie bestimmt nur, weil sie hässlich ist! Und außerdem, ja, sie ist die Person, die wir brauchen, um einen Verwandten zu retten, und diese ganze verflixte Situation, und ich hab sie gefunden, um dir zu helfen, und jetzt tu gefälligst irgendwas, um zu zeigen, dass du das zu schätzen weißt, verdammt noch mal!“
Aki seufzte und stieg zurück in die Kutsche.
Sie hörte sien etwas murmeln, das irgendwie … gewichtiger klang als normale Sprache, und jedenfalls auch keine ihr bekannten Worte enthielt, was nur einen Schluss zuließ …
Und auf der anderen Seite stieg Der Baron aus.
„Ui …“, murmelte Laia.
Und in diesem Moment erklang noch einmal das sogar für Außenstehende unangenehme Klatschen der Geißel, gefolgt von größtenteils eher unzufriedenen Geräuschen aus dem Publikum.
Wahrscheinlich hatten sie sich einfach mehr Schreie, Zappeln und Flehen um Gnade erhofft statt dieses nur gelegentlich durch besonders hart zusammengebissene Zähne veränderten stoischen Gesichts, das darüber hinaus noch ohnehin schon nicht sehr angenehm zu sehen war.
„Jubelt nicht!“, rief die Person mit der Geißel und der Maske, unberührt davon, dass niemand jubelte, „Morgen könntet Ihr es sein!“
Die Stimme der Person war sonderbar, fand Laia. Klar und dunkel, aber nicht unbedingt eine tiefe Stimme, kein bisschen rau. Vielleicht wäre es eine gute Singstimme gewesen. Vielleicht sogar eher eine irritierende.
Di*er Scharfrichter*in wandte sich ab und stapfte zurück in das Rathaus.
„Siehst du!“, zischte Laia Aki über die Hintern der Pferde hinweg zu. „Jetzt haben wir zu lange gewartet, und es ist vorbei. Nichts mehr mit Retten.“
„Sie ist immer noch in dem Joch festgeschraubt!“, gab Aki als sier Vater zu bedenken, sogar mit seiner Stimme. Es war gruselig, sehr.
Obwohl, wenn Laia genau hinschaute, bemerkte sie kleine Fehler. An einer Stelle am Kinn schimmerte Akis Bart durch, und hin und wieder kam es ihr sogar so vor, als wäre da noch die Robe unter … oder über … oder in ,,,? den samtenenen Gewändern des Barons. Und der Stab …
„Hör auf, meine Güte! Weißt du, wie anstrengend das ist?“
„Was?“
„Die Illusion! Schau nicht so hin! Du weiß, dass sie nicht echt ist, das macht es noch schwerer.“
„Was?“
Akis Vater – Aki – wie auch immer – blinzelte und schüttelte genervt den Kopf.
„Später, ich hab dafür jetzt nicht Zeit und Konzentration.“
„Naja, wir haben jede Menge Zeit, jetzt, die Bestrafung ist zu Ende.“
Sie schaute trotzdem nicht mehr direkt hin. Es war angenehmer so, das flackernde Bild fühlte sich zu desorientierend an.
„Nicht ganz!“
Er gestikulierte in Richtung eines Kindes, das einen verschimmelten Kanten Brot in Richtung der gefesselte Kriegerin warf. Das Brot verfehlte sie und prallte aber immerhin an dem Joch ab. Die Kriegerin verzog keine Miene.
Laia hingegen verzog die ihre sehr wohl.
„Ja, jetzt können wir sie noch vor altbackenem Brot und welken Wurzeln retten … Sie wird uns ewig dankbar sein!“
„Du redest es klein. Sieh die Gesamtperspektive: Wir können ihr die Freiheit zurückgeben!“
Laia sah Aki an – und dann doch gleich wieder weg, in ihrer beider Interesse.
„Na dann mach“, sagte sie.
Aki nickte und wandelte als Der Baron in das Rathaus, gewiss einem unterwürfigen Empfang entgegen.
Und Laia schlenderte zu dem auf dem Podest befestigten Joch, langsam und nicht zu zielstrebig, damit es nicht zu deutlich so aussah, als ginge sie zu dem Joch.
„Das hat sicher gemein weh getan“, raunte sie der Kriegerin zu, als sie nah genug war. Sie tat ihr Bestes, mitfühlend zu klingen, in der Hoffnung, dadurch ein bisschen von der Verspätung ausgleichen zu können.
„So? Meint Ihr?“, knurrte die Ordenskriegerin zurück.
„Ist dir schon aufgefallen, hm?“
Das nötigte ihr ein Lachen ab, wenn auch ein bitteres.
„Was ist passiert?“, fragte Laia.
„Ich glaube, si*er hat mich mit irgendwas geschlagen. Peitsche? Fühlte sich an wie mehrere …“
„Sehr lustig.“
„Fand ich gar nicht.“
„Ich … du …“ Laia versuchte, das Grinsen aus ihrem Gesicht und vor allem ihrer Stimme herauszuhalten.
Ein Kind, das Laia auf 7 Jahre schätzte, trat aus der Menge näher an Yanis heran, besorgt beobachtet von einem mutmaßlichen Elter.
„Bist du ein*e Wandler*in?“, fragte das Kind, kein bisschen unfreundlich. „Ich hab mir Wandler*innen immer so vorgestellt.“
Laia schaute betreten zwischen dem Kind und der Kriegerin herum, aber die schien die Frage nicht besonders übel zu nehmen.
„Ich bin einfach nur ein Mensch“, antwortete sie, „der in den letzten Tagen ziemlich viel Pech hatte. Und vielleicht auch ein paar schlechte Entscheidungen getroffen hat, um das Pech abzurunden.“
„Ui!“, sagte das Kind, und schlich dann rat- und wortlos wieder zurück zu der erwachsenen Person, tuschelte ihr etwas ins Ohr und wurde dann umarmt und weggeführt.
Jemand warf einen Klumpen Wurzelmasse mit Erde dran, vielleicht von Karotten, und traf die Kriegerin damit tatsächlich ins Gesicht. Der Klumpen war trocken, deshalb zerpuffte er einfach nur wuchtlos, und hinterließ ein bisschen Staub, aber keinen Schaden.
Die Kriegerin nieste und schüttelte den Kopf, um sich so weit wie möglich zu befreien.
„Und, was macht Ihr hier so, edle Agentin?“
„Wir … also, wir hatten eigentlich vor, dich zu retten.“
„Ah. Danke. Und? Wie läuft es?“
Eine*r der Erwachsenen trat etwas näher an sie heran und versuchte, sie anzuspucken, verfehlte sie aber. Der Speichelklumpen landete vor dem Podest auf dem Boden.
„Wir hatten keine Zeit, uns einen richtig guten Plan zu überlegen, aber Aki ist dabei.“
„Aki. Ist das di*er adlige Magier*in, di*er dann plötzlich ganz anders aussah?“
„Das hast du mitbekommen?“
„Was denkst du, wie wir in einer Schlacht überleben, wenn wir nicht aufpassen, was um uns herum passiert?“
„Naja.“
Laia zuckte die Schultern. Da wollte sie mal was Nettes machen, und alles, was sie dafür bekam, war eitles Kriegerinnengeprotze.
Na gut. Noch war der Versuch, was Nettes zu machen, zugegebenermaßen ja auch nur ein Vers…
Aha! Da kam Aki als sier Vater aus dem Rathaus, in Begleitung des*r maskierten Scharfrichter*in.
Erleichtert eilte Laia siem entgegen. Aki blieb stehen, während di*er Scharfrichter*in weiterging, um mit einem großen Werkzeug das Joch zu öffnen.
„Alles gut gegangen?“ fragte sie, und fühlte sich sehr sonderbar, Den Baron so anzusprechen, obwohl sie wusste, dass es eigentlich Aki war.
„Naja …“, murmelte Aki zurück, zu ihrer Erleichterung in sierer eigenen Stimme. Sier schaute nachdenklich auf eine fleckige alte lederne Umhängetasche in siererHand – Vielleicht die der Kriegerin, die sie ihm ausgehändigt hatten? „Ich hab so einen Verdacht, dass dier Bürgermeister*in mich zumindest teilweise durchschaut hat und nur keine Lust hatte, tiefer in der Problematik rumzustochern, weil die Gefangene sowieso bald freigelassen werden sollte … Könnte sein, dass mir ein peinliches Gespräch mit Yeto bevorsteht.“
Laia kicherte.
„Gibts noch eine andere Sorte Gespräch mit Yeto?“
„Bluäch“, machte Aki, und streckte ihr die Zunge heraus, was in Yetos Gesicht geradezu surreal aussah.
„Machst du bitte dein Kostüm ab? Mir grauts.“
„Schon gut.“
Aki stapfte in Richtung der noch immer wartenden Kutsche davon.
Laia wandte sich um und sah zu, wie die Kriegerin sich aufrichtete, die Schultern rollte, sich streckte und umsah – und schließlich sichtbar widerwillig zu Laia hinüber stakste, nun doch sichtbar mitgenommen von der Bestrafung, zumindest körperlich.
Sie trug immer noch das alte fleckige Hemd, das Laia zuletzt an ihr gesehen hatte, jetzt natürlich mit restlos zerschundenem und blutigem Rücken.
Sie seufzte und murmelte ein „Danke“, als sie angekommen war.
„Gerne“, murmelte Laia zurück. Ihr kam sehr offensichtlich vor, dass es keinen Grund gab, die Einzelheiten der Verkorkstheit dieser Befreiungsaktion offenzulegen.
‚Wenn die Generalprobe schief läuft, ist das ein gutes Zeichen‘, dachte sie.
Der Kriegerin schien plötzlich etwas sehr Erschreckendes einzufallen. Sie tastete an sich herum und schaute suchend in Richtung des Podestes und dann zu Laia.
„Wo ist meine Tasche? Habt Ihr meine Tasche?“
Laia lächelte. Immer gut, Leuten erfreuliche Nachrichten bringen zu können, von denen man etwas wollte.
„Haben wir“, antwortete sie. „Ist was Wertvolles drin?“
Die Kriegerin zögerte, auf sonderbare Art. Laia nahm an, dass es etwas Persönliches von emotionalem Wert war, worüber sie nicht gerne sprach.
„Ja, das kann man so sagen“, antwortete die Kriegerin schließlich, als Aki gerade – jetzt wieder als sier selbst – aus der Kutsche stieg.
Sier winkte ihnen zu.
Laia ging zwei Schritte zur Kutsche und drehte sich zu der Kriegerin um.
„Ich schlage vor, wir versorgen jetzt erst einmal deine Wunden, ziehen dir was Ordentliches an, und dann sprechen wir beim Abendessen noch mal über diese Aufgabe, die wir für dich hatten?“
Der maulig abweisende Gesichtsausdruck der Kriegerin veränderte sich beim Wort „Abendessen“ sehr plötzlich. Ihre Augen wurden groß, und sie sog die wunde Unterlippe ein und klemmte sie zwischen die Vorderzähne, während sie da stand und zögerte und überlegte. Sie schaute von Aki zu den Pferden zu Laia zu Aki zu Laia, immer noch auf die Lippe beißend, und presste schließlich hervor:
„In Ordnung, gut. Aber erst die Tasche, dann Essen, dann der Rest.“
Laia schnaubte ein Lachen.
„Mir solls recht sein.“

Lesegruppenfragen

  1. Ging euch das zu schnell, mit Yanis‘ Festnahme und Bestrafung, oder hat es sich halbwegs natürlich angefühlt?
  2. Hättet ihr die Szene mit der Bestrafung gerne ausführlicher gehabt? Weniger ausführlich? Anders?
  3. Wie steht ihr zu Akis und Laias Moraldiskussion?
  4. Sind die drei Protagonist*innen Aki, Laia und Yanis euch sympathisch? Gleich, unterschiedlich, wie?

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