Yanis (13)


Heute wieder eine reine Yanis-Episode. Also, klar. Jede Yanis-Episode ist eine Yanis-Episode. Aber heute gibts nur Yanis-Kapitel. Also Ach ihr wisst doch, was ich meine!


Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.

Was heute geschieht

Yanis stand vor Ikrezias Hütte, mit erhobenem Haupt und vorgestrecktem Kinn und ohne Säbel, wirklich sehr ohne Säbel, und vielleicht noch nicht ganz ohne Stolz, aber das war auch in Arbeit. Immerhin hatte Ikrezia ihr noch eine alte, abgetragene, löchrige, müffelnde Gugel dreingegeben, die helfen würde, Yanis‘ sehr einprägsame Erscheinung zumindest oberflächlich zu verdecken.
Sie tat ihr Möglichstes, um das Zittern ihrer Lippen zu unterdrücken und die Tränen in den Augen wegzublinzeln, obwohl niemand ihr Gesicht sehen konnte.
Und fragte sich, was nun. Stets hatte sie einen Befehl gehabt, einen Auftrag, eine Person, die ihr sagte, was sie zu tun hatte. Sogar zu Beginn ihrer Flucht hatte alles noch halbwegs klar ausgesehen, die Richtung mehr oder weniger offensichtlich.
Jetzt nicht mehr.
Yanis blies Luft durch ihre wunden, rissigen Lippen, tupfte an ihrer schleimigen Ruine von einer Nase herum und blickte ratlos in die Landschaft, die sich vor ihr ausbreitete.
Sie nahm einen tiefen Atemzug, und als sie merkte, dass er sich in ihrem Hals verfing und eine der Tränen aus ihrem rechten Augen ihre Wange hinabzulaufen begann, schluckte sie, biss die Zähne noch härter zusammen und begann, der Straße zu folgen, die von Ikrezias Hütte weg führte.
In Richtung Lichternach. Einerseits, weil sie ja in irgendeine Richtung gehen musste, und weil dieser Pfad immerhin weiter weg von der Burg führte, und andererseits auch, weil das die größte Stadt war, die sie kannte, und sie hoffte, dort irgendwo mehr von den Pastillen kaufen zu können, wenn die von der alten Hexe ihr ausgingen. Sie war sehr entschlossen, nicht wieder zu Ikrezia zurückzugehen. Ihr Leben war schon so hinreichend voll mit Demütigungen, auch ohne dass die gehässige alte Hexe noch welche hinzufügte.
Sie hielt ihren Rücken gerade und ihren Kopf aufrecht und marschierte, wie sie es gelernt hatte, weil sie sehr das Gefühl hatte, dass Ikrezia sie beobachtete, solange sie noch konnte. Yanis gönnte ihr die Genugtuung nicht, so sehr sie auch mit hängendem Kopf schlurfen wollte.
Sie war kurz davor aufzugeben und nun, da sie darüber nachdachte, fiel ihr auch beim besten Willen nichts ein, was sie davon abhielt, was ihr Hoffnung geben könnte. Und sie konnte nicht einmal aufrichtig behaupten, den besten Willen zu haben. Nicht einmal einen besonders guten.
Sie hatte alles verloren. Ihr Orden hatte sie verstoßen und jagte sie nun. Ihren Stolz hatte sie zusammen mit ihrem Säbel an die alte Hexe verkauft, für ein paar von den verfluchten Pastillen. Sie wusste nicht, wohin sie gehen konnte. Sie hatte keine Ziele, keine Mission mehr. Goma mochte ihr aus Mitleid gesagt haben, dass sie die Gunst der Göttin nicht völlig verloren hatte, aber sie spürte wenig davon. Icara hasste und verachtete sie, und das Gefühl war gegenseitig, und Yanis konnte sich des unbestimmten Gefühls nicht völlig erwehren, dass ihre Liebe von vornherein auf tönernen Füßen gestanden hatte. Icara war immer eine schwache, kleine, rücksichtslose, egoistische Person gewesen, ohne Charakter, ohne Ehre. Yanis hatte es nur nicht sehen wollen. Trotzdem tat es weh, die eine Person verloren zu haben, die sie geliebt hatte. Sie hatten auch gute Zeiten gehabt. Wenn auch eigentlich gar nicht so viele …?
Alles tat weh in diesem Moment. Und natürlich konnte Yanis Schmerz ertragen, das gehörte zu den wenigen Dingen, die sie gelernt hatte. Sie hatte sich darauf gefreut, für ihr Mandat zu leiden. Opfer zu bringen, für den Orden und die Göttin. Aber dies war Leid und Schmerz ohne Sinn und ohne Ehre, ohne Hoffnung und ohne einen Grund, den sie verstehen konnte.
Es war nicht mal eine gerechte Strafe, denn was hatte sie getan? Sie hatte sich stets an die Gesetze der Göttin gehalten und doch war sie nun dieses erbärmliche, selbstmitleidige Bündel Lumpen
Yanis zuckte zusammen und sah sich erschrocken um, als ihr klar wurde, dass sie nun doch in sich zusammengesunken war, dass Tränen über ihr Gesicht liefen und sie schluchzte und schniefte. Zu ihrer Erleichterung sah sie niemanden und auch kein Gebäude mehr.
Yanis hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so verzweifelt, so kraftlos und so rundum ohne Sinn und Ziel gefühlt. Wimmernd taumelte sie an den Straßenrand, kniete hinter einem der Bäume nieder und biss auf die Finger ihrer linken Hand, während die rechte nach einer der kleinen Pastillen tastete, die Aufmunterung und eine Spur Gleichgültigkeit verhießen.

**********************************

Als sie erwachte, war es dunkel. Zumindest zum großen Teil. Ein Lichtschein schimmerte hinter dem Baum hervor, an dem sie eingeschlafen war. Während sie noch benommen blinzelte und sich ein bisschen zu orientieren versuchte, hörte sie Stimmen aus der Richtung, aus der auch das Licht schien:
„Das hat sich richtig gelohnt, du Witzfigur! Guck, ganze zwei Silberstücke! Und die nimmt wahrscheinlich auch niemand, weil wir sie nie wieder sauber kriegen, nachdem sie diesen stinkenden Abfall berührt haben, der vielleicht mal eine Tasche war.“
„Ach halt doch einfach die Fresse! Konnte ich doch nicht wissen!“
Dröhnendes Gelächter.
„Konntest du doch nicht wissen, dass ein*e stinkende*r Landstreicher*in keine Diamanten und goldenes Geschmeide bei sich trägt!“
„Naja, was haben wir denn verloren? Zwei Silberstücke, für nichts!“
„Ich frag mich, woher sie die überhaupt hat. Sah nicht aus wie jemand, die Silber bei sich trägt. Roch auch nicht so.“
„Was weiß ich, aber zwei Groschen sind zwei Groschen!“
Yanis fühlte sich immer noch nicht völlig klar. Sie war auch nicht sicher, wie lange sie geschlafen hatte. Eine Weile musste es schon gewesen sein, schließlich war es stockfinster, aber andererseits … andererseits …
Jetzt fiel ihr nicht mehr ein, wie der Gedanke angefangen hatte. Stattdessen fiel er aber etwas anderes ein, nämlich der Sinn der Worte, die sie dort hörte. Hastig tastete sie nach ihrer Umhängetasche und fand sie nicht. Sie trug sie nicht mehr und war sich eigentlich sicher, sie nicht abgenommen zu haben. Auch neben ihr lag sie nirgends am Boden. Ein weiterer hastiger Griff und ein erleichtertes Seufzen: Den Beutel mit den Pastillen hatte sie an ihrem Koppel festgebunden; denn mussten die beiden Dieb*innen übersehen oder für nicht wert befunden haben, gestohlen zu werden. Merkwürdig eigentlich, weil er da wie ein Geldbeutel hing.
„Hörst du das? Ich glaub, sie ist aufgewacht!“
Wieder das dröhnende Lachen.
„Heda! Guten Morgen, Schönheit! Nichts für ungut, aber versprochen, wir können das besser gebrauchen als du. Bleib am besten einfach liegen!“
Yanis gab ein wütendes Knurren von sich und rappelte sich umständlich auf, deutlich mehr an den Baum gelehnt, als ihr lieb gewesen wäre, aber sie schaffte es immerhin.
„Verdammtes Gesindel …“, zischte sie. „Muss wirklich euer Glückstag sein! Ihr habt genau die richtige erwischt!“
Und sie war auch gerade in genau der richtigen Stimmung für die beiden. Voller Vorfreude taumelte sie hinter dem Baum hervor auf das flackernde Licht zu.
Eine*r der beiden betrachtete sie, zunächst nur mit einem überraschten Lächeln, das zu einem Grinsen und schließlich zu einem lauten Lachen wurde. Es war die*rjenige, die*r die Fackel hielt.
„Was jetzt?“, fragte er. „Willst du sie dir wiederholen? Kschsch! Ksch! Mach dich vom Acker, bevor deine Läuse auf uns überspringen!“
Yanis öffnete und ballte die Fäuste – und dann geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte.
Die Fackel.
Ihr Blick hing an der Fackel fest, die er in ihre Richtung wedelte, an den lodernden Flammen, die an dem brennenden, pechgetränkten Lappen leckten. Und so sehr sie es auch versuchte, es gelang ihr nicht, ihn zu lösen. Ihr Atem wollte schneller gehen, aber etwas in ihrem Hals hatte sich verschlossen. Sie merkte gar nicht, dass sie zurück taumelte, bis der Baum erschreckend heftig gegen ihren Rücken und ihren Hinterkopf schlug und ihr so noch weiter den Atem und die Orientierung raubte. Langsam sank sie an dem Stamm herab in die Hocke und schaut zu den beiden lachenden Dieb*innen mit der Fackel auf.
„Siehst du!,“ rief die andere Person, die ohne Fackel. „So ist richtig! Setz dich da erst mal hin und ruh dich aus. Wir gehen solange nach Hause, und dann vergessen wir die ganze Sache, ja?“
Beide lachten.
Und Yanis hockte immer noch da, den Rücken am Baumstamm, und wollte aufstehen, wollte ihnen die Fackel entreißen und ihre Mäuler damit stopfen, aber sie schafft es nicht. Sie wagte es nicht.
Die Flamme.
Das Feuer.
Sie konnte ihre Augen nicht von dem Feuer lösen, das in ihre Richtung loderte und immer größer zu werden schien, wenn die eine Person mit der Fackel wedelte.
Sie wagte es nicht, dem Feuer zu nahe zu kommen.
Sie konnte kaum atmen. Sie konnte nicht aufstehen.
Lachend wandten die beiden sich ab und gingen, während Yanis gegen die eigene Panik kämpfte, um Luft rang und gleichzeitig vor lauter Wut, Verachtung und Ekel vor sich selbst schreien wollte.
Und so ging es ihr, auch als das flackernde Licht schließlich hinter den Bäumen verschwunden und die Stimmen der beiden Dieb*innen längst verklungen waren.
Noch ein Tritt ins Gesicht.
Genau das, was sie gebraucht hatte.
Noch eine Bestätigung, wie nutzlos, wie hilflos, wie schwach sie geworden war. Wie tief sie gefallen war.
Eine Fackel. Eine lächerliche kleine Flamme. Und jetzt saß sie hier, noch Minuten später, keuchend und schnaufend mit zugeschnürtem Hals und zitternden Gliedern an diesem Baum.
Sie fragte sich kurz, wie viele von den Pastillen sie wohl nehmen müsste, um gar nicht mehr aufzuwachen.

**********************************

Als Yanis das Stadttor von Lichternach vor sich auftauchen sah, und davor den Stau aus Wagen, Karren, Pferden und Menschen, die Einlass begehrten, wurde ihr klar, dass sie einen wichtigen Teil ihres Vorhabens nicht bedacht hatte: Sie musste irgendwie Einlass erhalten. Sie hatte sich bis dahin keine Gedanken darum gemacht, und sie wusste nichts über diese Dinge, denn in der Rüstung einer Shiu’Hzim erhielt sie überall Einlass und wurde nirgends aufgehalten.
Nun, da sie die Stadtwachen die Menschen vor den Toren kontrollieren sah, beschlich sie allerdings der Verdacht, dass es diesmal nicht so einfach sein könnte. Sie wusste, dass sie nicht aussah, wie ein Mensch, den man in seiner Stadt haben wollte.
Das Gute an dieser Situation war, dass sie immerhin wieder eine klare Mission vor sich hatte. Das Schlechte war, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie am besten erfüllen konnte. Da es ihr aber sehr unwahrscheinlich vorkam, dass sie eingelassen würde, beschloss sie, die Stadt einmal zu umrunden und nach Schwachstellen in der Mauer zu suchen, die sie in der Nacht nutzen konnte, um hinein zu klettern oder anderweitig heimlich in die Stadt zu gelangen. Sie hatte in der Burg sogar ein bisschen was darüber gelernt, Mauern zu erklettern oder anderweitig zu überwinden, wenn auch er unter anderen Bedingungen und mit Hilfsmitteln wie Leitern oder von oben hinabgeworfenen Seilen. Sie ging davon aus, dass sie damit heute nicht rechnen konnte, und dank der beiden verdammten Dieb*innen mit ihrer Fa… Fackel hatte sie nicht einmal mehr Geld, um in einem der umliegenden Dörfer zu fragen, ob ihr jemand eine Leiter verkaufen würde.
Lichternach zu umrunden, dauerte länger, als sie gedacht hatte, und es dämmerte schon wieder, als sie schließlich etwas sah, das ihr Hoffnung machte.
Sie hatten das in den wenigen Strategie-Stunden gelernt, die sie bis zu diesem Punkt ihrer Ausbildung erhalten hatten: Städte wuchsen schneller als Stadtmauern, immer, und in Zeiten langen Friedens erst recht. Lichternach war keine Ausnahme.
Sie fand eine Gruppe von eher traurig wirkenden, windschiefen Häusern und Hütten, die aus der Mauer herauswucherten und ihr eine gute Basis lieferten, hinüberzuklettern.
Sie zog ihre Gugel tiefer ins Gesicht und stapfte auf die Siedlung zu.
Vor einer der Hütten hockte eine junge Person, vielleicht 16 Jahre alt, kräftig gebaut, und schnitzte etwas mit einem sehr abgenutzten Messer. Neben ihr saß eine sehr alte Person mit wallenden weißen Haaren, die wie ein Heiligenschein um ihren Kopf wolkten, und einem ebenso außer Kontrolle geratenen Bart, der bis mindestens zu ihrem Gürtel reichte, und schaute mit zusammengekniffenen Augen dem Sonnenuntergang zu.
„Heilige Bertina, bist du hässlich!“, rief der junge Mensch mit dem Messer ihr entgegen, als er sie aus der Nähe gesehen und imponiert gemustert hatte. „Oder liegt das am Licht?“
„Ksst!“, zischte die ältere Person aus ihrem Schaukelstuhl. „Nimm nicht die Namen der Heiligen leichtfertig in den Mund, Soloquian!“
Soloquian prustete ein Lachen.
„Sie kann gerne herkommen, wenns sie stört. Ich hätte eh etwas mit ihr zu besprechen.“
„Als ich so alt war wie du … Ach. Da wollte ich auch nie hören, was Leute mir drüber erzählen wollten, wie es war, als ich so alt war wie sie.“
„Guten Abend“, sagte Yanis zu den beiden. „Ich will gar nicht stören. Ignoriert mich einfach. Und erzählt niemandem, dass ich hier war. Sonst komm ich wieder.“
Soloquian schnaubte.
„Glaubst du, ich lass mir von dir drohen, du Vogelscheuche? Aber schicke Stiefel. Wem hast du die geklaut? Tote*n Ritter*in im Wald gefunden?“
Die Stiefel. Stimmt.
Yanis musste etwas mit den Stiefeln machen. Die waren zu auffällig, und auch nicht besonders praktisch beim Klettern.
Andererseits waren gar keine Schuhe wahrscheinlich auch ein Problem …
„Du siehst so aus, als könntest du meine Größe haben“, antwortete sie in spontaner Inspiration. „Willst du tauschen?“
„Pffrch! Lass mich mal gucken!“
Soloquian stand auf und legte die Schnitzerei zur Seite. Das Messer behielt si*er in der Hand.
‚Shiu, lass ihn nicht auf gefährliche Ideen kommen!‘, dachte sie, während sie ostentativ gleichgültig die Mauer betrachtete.
Sie wollte nicht die ganze Familie am Hals haben, falls sie Soloquian weh tun musste. Sie wollte unauffällig sein.
Die Mauer und der Weg hinauf sahen in Ordnung aus. Sie konnte auf die Hütte, dann auf das Dach des Hauses dahinter, von da aus sollte sie es bis zu den Zinnen schaffen. Sie war nicht die beste Kletterkünstlerin der Welt, aber die Steine da oben waren grob und sahen aus, als würden sie guten Halt bieten. Und es fehlte nicht mehr viel vom Dach des Hauses.
„Könnte wirklich meine Größe sein“, sagte Soloquian. Mit einem nachdenklichen Blick auf s*ihr Messer fügte si*er hinzu: „Kann ich sie anprobieren?“
„Ja“, antwortete sie. „Wenn du das Messer wegpackst.“
Si*er grinste zu ihr auf – si*er war ein bisschen kleiner als sie, und stand recht gebückt.
„Angst?“
„Will nicht, dass du dich verletzt. Ist ja sicherlich scharf.“
Immer noch mit diesem provokanten Grinsen sagte Soloquian: „Dann zieh sie aus.“
Yanis seufzte.
„Ich will die Dinger loswerden, und sie sind zehnmal so viel wert wie deine erbärmlichen Treter. Ist sicher nicht die Chance deines Lebens, aber es ist eine kleine Chance. Du kannst sie kaputtmachen, indem du hier weiter den Gockel spielst, oder wir können das einfach machen. Was ist dir lieber?“
Sie schaute zu der bärtigen älteren Person.
„Hör auf sie, Soloquian“, sagte die. „Sind wirklich schöne Stiefel.“
Soloquian grinste immer noch, aber si*er dachte nach. Zuckte die Schultern. Trat einen Schritt zurück, kniete sich hin, legte das Messer auf den Boden neben sich und zog die Schuhe aus.
Yanis nickte anerkennend, setzt sich ihm*r gegenüber auf den Boden und streckte das rechte Bein in s*ihre Richtung.
Vertrauen für Vertrauen.
Si*er schaute sie fragend an.
„Was soll das denn jetzt?“
Yanis lachte auf. Es war eine wirklich kleine Gelegenheit, aber es tat gut. Beinahe schämte sie sich schon wieder dafür, wie gut ihr diese Situation tat. Dieses winzige So-gut-wie-Erfolgserlebnis.
Bettlerinnen können nicht wählerisch sein.
„Na, hilf mir da raus!“, sagte sie. „Ist einfacher so, ohne Stiefelknecht.“
Si*er zögerte kurz, lachte dann auf und nickte. Si*er stemmte einen Fuß in den Boden, griff ihren Stiefel mit beiden Händen, und zog.

Lesegruppenfragen

  1. Wie steht ihr zu solchen Rückblickkapiteln, sozusagen, in denen wir chronologisch zurückspringen?
  2. Kamt ihr  in dem Moment mit der Fackel einigermaßen mit?
  3. Wie nehmt ihr die Stimmung der Geschichte wahr, so insgesamt?
  4. Ich bereue ein bisschen, nicht einfach alle Charaktere von Anfang an nichtbinär gegendert zu haben und erwäge, das nachträglich anzupassen. Was meint ihr?

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