Yanis (12)


Zweifelhaft erfreuliche Wiedersehen sind heute das Motto, oder so.
Viel Spaß!


Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.

Was heute geschieht

„Was soll das heißen, zwei? Du hast mir bestimmt 30 Stück einfach so geschenkt, wahrscheinlich mehr! Jetzt erzähl mir nicht, du hättest nur zwei!“
Yanis versuchte, ruhig zu bleiben, versuchte, sich zurückzuhalten. Sie schaffte es, die Hexe nicht zu packen und zu schütteln, und schämte sich dafür, schon darauf ein bisschen stolz zu sein.
„Die alte Ikrezia hat noch keine neuen gemacht, Mäuschen!“ Schon wieder dieses ekelhafte schrille Kichern. „Es ist auch Arbeit, und ich konnte schlecht wissen, dass so schnell wieder kommen würdest! Dachte, du würdest ich jetzt erst einmal in deinem Mauseloch verkriechen, zusammen mit der hübschen blonden anderen Maus!“
Janis knurrte und ballte beide Hände zu Fäusten.
„Denk nach, was du sagst, du alte …“
„Tsk, tsk!“
Ikrezia hob mahnend einen knorrigen faltigen Zeigefinger und wackelte ihn von links nach rechts.
„Die alte Ikrezia weiß immer, was sie sagt. Und du, Mäuschen? Was weißt du?“
Yanis hörte sich schwer atmen, spürte, wie ihr ganzer Körper sich anspannte, ihre Augen sich weiteten und etwas in ihrer vernarbten Ruine von einem Gesicht zu pochen begann. Sie zwang sich, weiter zu atmen, tiefer zu atmen, ruhiger zu atmen.
Sie versuchte, sich von sich selbst zu distanzieren und zu ihrer Disziplin zurückzufinden, wie sie gelernt hatte. Sie versuchte, nicht an die Demütigung zu denken und an ihre Scham. Sie versuchte, einfach nur zur atmen und zu tun, was sie tun musste, wie sie es gelernt hatte.
„Kann ich dann wenigstens die zwei haben?“, fragte sie leise.
Ikrezia grinste sie erwartungsvoll an und zeigte dabei ihre verwirrend vollzählig und strahlend weißen Zähne.
Yanis biss die ihren fest zusammen, sog Luft durch die Nase und ließ sie schnaubend wieder aus.
Ikrezias Grinsen verlor kein Jota seiner Strahlkraft.
„Naaaa…?“ Ihre brüchige Stimme klang, als würde sie eine Katze zu locken versuchen, die sich auf einen Baum geflohen hatte.
Yanis nahm noch einen tiefen Atemzug, ballte ihre Fäuste noch fester, schloss die Augen und schluckte ihren ganzen Stolz herunter. Zum Glück war nicht mehr so viel übrig, sonst wäre er ihr vielleicht im Hals stecken geblieben.
„Bitte!“, stieß sie hervor.
Ikrezia klatschte in die Hände und lachte, und hüpfte sogar zweimal auf der Stelle. So sehr genoss sie die Situation.
„Wenn du schon so l-“
„Halt!“
Jetzt flackerte das Grinsen der alten Frau doch.
„Nanu?“
Yanis hob eine Hand.
„Hufschlag!“, zischte sie.
Und so alt Ikrezia auch war, ihr Verstand war scharf. Sie begriff sofort.
„Zeit fürs Mauseloch!“, kicherte die alte Frau, nahm Yanis bei der Hand und führte sie in eine Ecke des Raumes.
Sie schob dort ein kleines Regal zur Seite und wandte sich dann wieder Yanis zu.
„Die alte Ikrezia ist schon ein bisschen steif, kann sich nicht mehr so gut bücken. Machst du bitte auf, Mäuschen?“
Sie zeigte auf eines der Bretter, mit denen der Boden ausgelegt war. Yanis verstand nicht so richtig, kniete aber nieder und fummelte an dem Brett herum. Es war lose.
„Noch weiter!“
Yanis war vielleicht nicht ganz so schlau wie die alte Hexe, aber so allmählich verstand sie doch. Sie schob noch zwei weitere Bretter zur Seite, überwand den intensiven Widerwillen im Hinblick auf die immer näherkommenden Hufschläge, und jetzt hörte sie auch ganz sicher ein gelegentliches Hundebellen, und schlüpfte in den leeren Zwischenraum. Sie zog die Bretter wieder über sich, so gut sie konnte und Ikrezia schon den Rest mit dem Fuß zurecht. Dann brachte sie das Regal wieder in Position, und schon klopfte es an der Tür.
„Jaaaa? Hoher Besuch!“ Das Kichern. Yanis schauderte. „Was kann ich für die edlen Kriegerinnen tun?“
Yanis Atem stockte, und sie fühlte sich buchstäblich starr vor … Was auch immer genau dieses Gefühl war. Vielleicht nicht ganz Angst. Ehrfurcht, und das verwirrende Gefühl, plötzlich nicht mehr zu verstehen, wie sie jemals das Gefühl gehabt haben konnte, irgendeine Entscheidung, die hierher geführt hatte, könnte richtig gewesen sein.
Sie hörte die Stimme ihrer alten Lehrmeisterin.
„Wir suchen eine Person“, sagte Goma, „Sie ist sehr leicht zu beschreiben und sehr schwer zu übersehen. Sie hat schwere Brandverletzungen am ganzen Körper, insbesondere am Kopf. Ihr Gesicht ist fast vollständig zerstört.“
„Und wir wissen, dass sie bei dir ist!“, rief Icara, von etwas weiter weg.
Ikrezia kicherte wieder.
„Ooohhh… Ich weiß genau, wen Ihr meint, edle Kriegerin! Ich kenne sie sehr genau, jede einzelne Narbe, jede einzelne Wunde. Armes Mäuschen! Aber oh weh, sie ist nicht hier. Wie gern ich Euch geholfen hätte!“
„Lüg nicht!“, fauchte Icara. „Wir wissen genau, dass sie hier ist! Goma, soll ich die Hunde loslassen? Die finden Sie bestimmt!“
Ikrezia kicherte.
Yanis wagte kaum, zu atmen.
Sie wusste gar nicht genau, was sie fürchtete. Was konnten wir die anderen schon noch antun? Das Einzige, was sie wirklich vermeiden wollte, war die Scham. Wie sie sich schämen würde, wie eine Ratte zwischen Holzbrettern im Boden verkrochen gefunden zu werden. Yanis, die beste Rekrutin ihres Jahrgangs, die davon geträumt hatte, eines Tages die erste durch die Bresche zu sein bei einer großen Belagerung, gefangen wie ein in die Enge getriebener Dachs.
„Die Hunde schlagen nicht einmal an“, erwiderte Goma.
„Weil hier niemand ist!“, kicherte Ikrezia.
„Sie lügt! Bestimmt hat die alte Hexe irgend einen Trick, lass mich nur schnell, komm her!“
Ikrezias Kichern schlug um in erst wütendes, dann schmerzerfülltes Kreischen.
„Hzim!“, erklang Gomas durchdringende Kommandostimme, „Zurück, sofort! Das ist nicht unser Mandat!“
„Sie weiß-“
Ein hartes, sehr unangenehmes Geräusch und ein empörter Aufschrei von Icara.
„Ich werde es nicht noch einmal sagen, Hzim!“
Stiefelschritte, die die Hütte verließen.
„Ich erflehe Vergebung für diese unwürdige Rekrutin“, sagte Goma. „Sie wird lernen, unser Mandat zu achten, ich verspreche es Euch!“
Ikrezia kicherte schon wieder unbeschwert.
„Oh ich bin ganz sicher. Und jetzt lasst mich bitte in Frieden, eine alte Frau verträgt so viel Aufregung nicht!“
„Sofort.“
Die Tür schloss sich. Ikrezia wartete eine Weile, die Yanis unendlich lang vorkam, bevor sie das Regal wieder zur Seite schob. Yanis warf die Bretter von sich und tauchte aus ihrem Versteck auf wie eine Ertrinkende aus dem Wasser.
„Danke!“, sagte sie.
Ikrezia lächelte huldvoll.
„Schuldest mir was, Mäuschen.“
Yanis nickte, noch immer keuchend, jetzt, da sie wieder durfte.
„Es ist wahr!“
„Ich weiß auch schon, was!“
Jetzt erst wurde Yanis klar, dass das Gespräch eine besorgniserregende Wendung genommen hatte. Sie schaute fragend zu der Greisin auf.
„Was meinst du?“
Ikrezia kicherte.
„Einen schönen Säbel hast du da! Ist bestimmt einiges wert.“
„Aber das ist …“
„Ein sehr schöner Säbel! Sicher nicht mehr wert, als dein Leben, und deine Gesundheit. Sagt dir was, Mäuschen: ich lege auch noch zehn Balsam Pastillen drauf.“
Yanis spürte, wie die Hitze in ihr Gesicht schoss. Das Keuchen war leiser geworden, aber ihr Atem ging schnell und flach. Der Säbel war alles, was sie noch mit ihrer Herkunft verbannt. Das Zeichen ihrer Stellung. Eine Waffe, die nur für sie angefertigt worden war. Der Orden, der sie zu eine Shiu’Hzim machte. Ihr ganzes Leben hatte sie mit ihm und für ihn geübt.
„Vorhin waren es nur zwei?“, sagte sie, einfach, weil sie keine Ahnung hatte, was sie sagen sollte.
Ikrezia kicherte.
„Hab mich geirrt. Alter Kopf, wie ein Sieb. Verliert so vieles, mit der Zeit. Gib ihn mir.“
Yanis zögerte.
„Du weißt genau, was er mir bedeutet.“
„Ikrezia weiß vieles. Weiß auch, wie sehr du den Balsam willst.“
Yanis hätte weinen können in diesem Moment. Die Angst vor der Scham war wieder das einzige, was sie davon abhielt. Selbstmitleid – auch ein Zug, von dem sie nicht gedacht hätte, dass er einmal konstitutiv für sie werden würde.
Aber es war auch nicht gerecht. Es war nicht richtig. Sie war doch … Sie war doch …
Sie nickte.
„Ich hab dir geholfen!“ stieß sie zwischen bebenden Lippen und beinahe klappernden Zähnen hervor. „Ich hab dir geholfen, als du am Boden lagst, und als Icara dich trat und ein Exempel an dir statuieren wollte! Weißt du, was sie mit dir gemacht hätte? Du kennst sie nicht! Ich hab dir geholfen!“
Ikrezia grinste, und sah in diesem Moment fast so aus, wie Yanis sich Dämonen immer vorgestellt hatte, in dem Moment, in dem der Pakt geschlossen wurde.
„Und ich helfe jetzt dir, Mäuschen. Es ist eine wunderbare Harmonie, findest du nicht? Ich helfe jetzt dir.“
Ikrezia streckte ihre krallenartige Hand aus, und kicherte fröhlich.
Yanis sank ein bisschen in sich zusammen.
Ihr Säbel war sowieso zu sperrig, zu groß und schwer, zu protzig und zu auffällig, als dass sie ihn sich in ihrer Situation leisten können und hatte insofern bemerkenswert viele Ähnlichkeiten mit ihrem Stolz. Wahrscheinlich war es das Beste, das möglichst früh einzusehen.

**********************************************

„Was soll das heißen 5, das kann doch nicht dein Ernst sein! Die ist mindestens 20 Groschen wert!“
Orno zuckte die Schultern.
„Ich geb dir sieben, weil du‘s bist. Aber mehr geht wirklich nicht.“
Laia hielt ihm die kunstvoll gefertigte Pendeluhr im dunkelbraunen hölzernen Gehäuse noch einmal direkt vors Gesicht, und die riesige Hehlerin schmunzelte belustigt darauf hinab.
„Die ist nicht mal heiß! Mein*e Freund*in sie mir geschenkt, einfach weil sier sie nicht mehr gebrauchen kann, nachdem sier in der Universität ausgezogen ist. Alles sauber, du kriegst garantiert keine Probleme damit! Und guck dir an, wie das Ding aussieht! Klar ist die gebraucht, aber das merkt doch niemand!“
„Acht“, grummelte Orno, „und fünf Heller. Aber wenn ich rauskriege, dass das Ding doch heiß ist, dann komme ich zu dir und klau deine Schuhe.“
Laia atmete tief durch und schaute zum Fenster.
Ornos Laden hatte gläserne Fenster, aber sehr schmutzige. Sie konnte durch die völlig verdreckten Scheiben absolut nichts sehen, was sich draußen abspielte, aber die Sonne schien sehr hell hindurch, und ihre Strahlen lagen wie ein heißer Lappen auf Laias Gesicht, was ein ausgesprochen widerlicher Vergleich war, wenn Laia bedachte, durch wie viel uralten Schmodder diese Sonnenstrahlen auf dem Weg bis zu ihrem Gesicht gedrungen sein mussten.
„Fünfzehn!“, schlug sie schließlich vor, nachdem sie ihre innere Mitte wiedergefunden hatte. „Aber weniger geht wirklich nicht. Dann behalte ich sie lieber selbst oder verkauf sie woanders.“
Orno seufzte und griff die Uhr einfach aus ihren Händen. Laia ließ es geschehen, weil sie die Hehlerin lange genug kannte, um ihr zu vertrauen. Zumindest soweit, dass sie nicht einfach hämisch kichernd mit dem Eigentum einer Kundin abhauen würde.
Orno öffnete die Klappe auf der hinteren Seite, spähte hinein, ein Auge zugekniffen, drehte es, um es von allen Seiten zu betrachten, zuckte schließlich die Schultern und sagte: „Acht Groschen acht Heller.“
Laia schnaubte ein Lachen, schnappte die Uhr aus den riesigen Wurstfingern der Hehlerin und wandte sich von ihr ab.
„Ich hab‘s dir gesagt! So verzweifelt bin ich nicht, und das Ding ist wirklich nicht heiß!“
Orno zuckte noch mal die Schultern und machte eine „Mämämä“-Bewegung mit dem Mund.
„Komm schon, du weißt, dass du die für mindestens zwei Taler verkaufen kannst, wenn nicht drei oder vier, falls du eine*n gute*n Kund*in dafür findest!“
„Falls“, grummelte Orno.
„Gib mir zwölf, und wenn du’s nicht in zwei Wochen für mindestens das Doppelte verkauft hast, gebe ich sie dir wieder!“
Orno lachte leise, schüttelte aber den Kopf. Wahrscheinlich glaubte sie einfach nicht, dass Laia die verflixte Uhr wirklich nicht geklaut hatte. Verständlich, wenn auch in diesem Fall ein für Laia sehr ärgerlicher Irrtum.
„Dann halt nicht.“
Sie verließ kopfschüttelnd den Laden, noch so frustriert von dem gescheiterten Geschäft, dass sie vergaß, die Luft anzuhalten, bevor sie die Tür öffnete, und deshalb das volle Miasma der gegenüberliegenden Gerberei einatmete. Sie blieb zuerst mal ein paar Momente hustend stehen, bevor sie sich nach rechts wandte und auf den Weg zum*r nächsten potentiellen Käufer*in machte.
Zumindest hatte sich das so vorgestellt, denn auf halbem Weg fiel ihr auf, dass jemand sie beobachtete und ihr folgte. Irgendein*e vermumte*r Bettler*in, zumindest dem Augenschein nach.
Vielleicht war es auch ein*e ganz gefährliche*r professionelle*r Uhrenräuber*in.
Laia blieb vor einer Bäckerei stehen und tat so, als würde sie die Auslage bewundern, während sie in Wahrheit ihre*n Verfolgeri*nn beobachtete.
Während sie sich noch fragte, ob dies vielleicht sogar etwas mit Akis Geiselproblem zu tun haben konnte und es sich um eine*n Spion*in der Gräfin handeln könnte, kam die Person bereits auf sie zu und sprach sie einfach an.
Damit nahm Laia erst einmal an, dass es wirklich nur ein*e Bettler*in war, die*der sie verwechselt hatte mit einer reichen Person. Aber dann
„Hallo, seid… gegrüßt!“
Diese Stimme … Laia konnte sie nicht genau zuordnen, aber sie kam ihr bekannt vor. Sie hatte das vage Gefühl, dass die Stimme beim letzten Mal weniger rau und heiser geklungen hatte, aber irgendwo klingelte ein Glöckchen.
„Ihr erinnert euch wahrscheinlich nicht an mich, und selbst wenn, würdet Ihrr mich nicht wiedererkennen, aber … Wir haben uns vor einer Weile unterhalten. Und ich dachte … Ich weiß nicht, ob das lächerlich ist, aber … Ich dachte, vielleicht werden ja noch weitere Bot*innen gebraucht. Ich … glaube, ich könnte das machen. Ich kann reiten. Aber ich kann auch laufen, sehr ausdauernd. ich bin schnell. Ich kann mich wehren. Und um ganz direkt zu sein, ich brauche Geld. Und ich kann sonst nicht so viel.“
Die heisere Stimme lachte ein bitteres, etwas verschämtes Lachen.
Und Laia stand da, völlig verblüfft, und blickte in das vernarbte, nasenlose, fremde Gesicht.
Wieso Botin? Was für eine Botin? Was hatte Laia mit Botinnen …
Oh.
Und dann klickte es.
Laia konnte fühlen, wie ihre eigenen Augen plötzlich groß wurden wie Teller, und ihr ganzes Gesicht fühlte sich an, als würde es auf Schulterhöhe hinabfallen.
„WAS!??“, stieß sie hervor. „Bist du etwa die, soll das heißen, willst du sagen, das würde ja, WAS??? DU bist die Kriegerin hinter dem Gasthaus, die mich ausgefragt hat??“
Schon während sie sprach, war es Laia unangenehm, wie sie sich anstellte. Der Person ging es offensichtlich nicht gut, und sie war seit dem Gespräch schwer verletzt worden. Bestimmt brauchte sie niemanden, die sie jetzt angaffte und fassungslos darüber staunte, wie tief sie gefallen war.
„Ich mein das nicht…“, beeilte sie sich deshalb, zu versichern, aber sie wusste selbst nicht richtig, was sie eigentlich nicht meinte. „Das soll nicht heißen … Entschuldigung, ich war so überrascht, ich habe Unfug geredet. Lass mich mich kurz sammeln.“
„Natürlich, kein Problem.“
Die heisere Stimme klang nicht direkt unfreundlich, aber sehr nach Selbstbeherrschung und Resignation.
Laia atmete, dachte kurz nach, ordnete ihre Gedanken, so gut sie konnte.
„Also“; sagte sie. „Ich hab das richtig verstanden? Du warst diese Rothaarige Kriegerin in der glänzenden Rüstung, die ich bei ihren Übungen hinter der Gaststätte in diesem Kaff getroffen habe?“
Die Person nickte.
„Ich heiße … Ach was solls. Ich heiße Yanis. Es hat sich … Einiges geändert, seit wir gesprochen haben. Also … Ich will niemandem zur Last fallen. Sucht Ihr noch eine Botin?“
Laia wollte die Person in den Arm nehmen und fest drücken. Laia wollte davonlaufen. Laia wollte stundenlang fasziniert die Narben und Verletzungen der Person angaffen. Laia wollte sich angewidert von ihr abwenden. Laia schämte sich irgendwie für all diese Impulse.
„Ich musste etwas gestehen“, sagte sie. „Ich kann dir tatsächlich leider überhaupt nicht helfen.“
Die Schultern der Klägerin sanken zusammen mit ihrem Blick hinab, und sie begann sich abzuwenden, und genau in dem Moment erkannte Laia, wie verwirrt sie gewesen war, um die offensichtliche Gelegenheit zu übersehen, die ihr hier geradezu ins Gesicht sprang. Ungünstige Metapher.
„Warte!“, rief sie, viel zu laut, und schaute sich reflexartig erschrocken um. Es schien aber niemanden zu stören.
„Was?“
„Du warst doch … Also, diese Rüstung, und der Helm, und diese Übungen …? Du warst doch … Wie heißt ihr noch mal? Shiu-Hum?“
Die Gesichtszüge der Person waren etwas merkwürdig zu deuten, weil sie so verändert waren, aber Laia war sich ziemlich sicher, dass sie in diesem Moment so aussah, als hätte sie in einen noch überhaupt gar nicht reifen Apfel gebissen.
„Shiu’Hzim“, presste sie zwischen ihren Zähnen hervor. „Mein Orden heiß, hieß, was weiß ich, wir sind Shiu’Hzim. Ich bin … Ich … Ach ich weiß doch auch nicht!“
Der Atem der Person ging schnell, ihr Blick irrlichterte, ihre Hände ballten sich immer wieder zu Fäusten und entspannten sich, und ihr Oberkörper drehte sich nervös von links nach rechts, als würde sie jemanden oder etwas suchen, das sie schlagen konnte.
Laia wich nun doch einen Schritt zurück.
„Schon gut“, murmelte sie, so beruhigend sie konnte. „Der Name spielt ja eigentlich gar keine Rolle, vergiss es ruhig einfach wieder. Es geht einfach nur darum … Ihr seid doch so ein Krieger*innen-Orden, oder?“
Die Person nickte, noch immer hörbar schnaufend vor Aufregung und Wut und … ziel- und konzeptloser wilder Emotion.
„Gut“, sagte Laia, die sich jetzt noch weniger sicher war als jemals zuvor, ob sie wirklich eine Gelegenheit gefunden hatte, oder in eine tödliche Falle gelaufen war. „Gut. Weil … Wenn du an so Schaukämpfen teilnehmen würdest, wie zum Beispiel sagen wir auf einem Turnier … Oder so. Ich mein nur, so als Beispiel, wenn du verstehst, also, so Kämpfe und sowas … Da wärst du doch bestimmt ziemlich gut, oder?“

 

Lesegruppenfragen

  1. Wie deutet ihr Ikrezias Verhalten? Was denkt ihr, was ihre Motivation ist?
  2. Kam euch die Durchsuchung bzw. deren Abwesenheit irritierend vor, oder schlüssig (genug)?
  3. Hättet ihr gerne mehr Beschreibung des Hehlerladens gehabt?
  4. Und schließlich das Gespräch zwischen Yanis und Laia am Schluss – war euch das zu konfus? Hätte ich das schriftsprachlicher machen sollen?

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