Yanis (8)


Heute beginnt ein neuer Plotbestandteil. Wenn ihr so wollt.

Viel Spaß!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.

Was heute geschieht

„Eure Durchlaucht? Ich habe das Frühstück gebracht, seid Ihr schon bereit?“
Yoseqa gähnte, streckte sich, zog die Decke zurecht und blinzelte in das Licht der Morgensonne, die in seine Gemächer fiel.
„Ja!“, antwortete er schließlich, und fügte hinzu: „Ich gedenke, in meinem Bett zu speisen“, als Fengu mit dem großen Tablett herein kam.
Natürlich stellte Fengu das Tablett ohne eine erkennbare Regung über höfliche Freude an der Erfüllung von Yoseqas Wünschen hinaus auf der Decke ab. Er war ein sehr professionelles Faktotum.
„Danke“, murmelte Yoseqa.
„Kann ich noch etwas für Eure Durchlaucht tun?“
„Nein, vielen Dank. Ich läute, wenn ich etwas brauche.“
Fengu entschwand, und Yoseqa blickte zufrieden auf das wunderbare Tablett vor sich hinab.
Gewiss wünschte er sich manchmal mehr Bewegungsfreiheit oder überhaupt mehr Gewalt über sein eigenes Leben, aber er konnte nicht leugnen, dass es Schlimmeres gab als das Leben als Geisel im Haushalt derer von Orenin.
Er streckte sich noch einmal und köpfte sein Ei.

***************************

Laia war sich gar nicht sicher, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte, dass Aki nie erfahren würde, wie sie hergekommen war, als sie ganz einfach wie alle anderen vor ihr auch durch die Tür in den … Wie hieß das Ding jetzt? Festsaal? Große Halle? Feierliche Bude? … eintrat.
Auf der einen Seite war sie natürlich stolz darauf, am Turm entlang geklettert zu sein und hätte es auch nett gefunden, wenn Aki gewusst hätte, was sie alles auf sich genommen hatte, um dabei zu sein.
Auf der anderen Seite war es natürlich schon sehr albern, dass sie ziemlich konkret ihr Leben riskiert hatte, während sie einfach nur zwei Korridore weiter durch die Tür hätte gehen müssen.
Warum hatte die rücksichtslose Wachperson ihr auch nicht gesagt, dass die Feier direkt nach der Verleihung problemlos zugänglich war und sie die eigentliche Zeremonie sowieso verpassen würde?
Egal. Es ging jetzt nicht um sie. Das war Akis Tag, und sie hatte sich vorgenommen, ihn zu einem möglichst guten Tag für ihre*n Freund*in zu machen. Zumindest ab jetzt, denn den ersten Teil hatte sie nun schon vergeigt.
Immerhin war es von nun an kein Problem mehr, Aki zu finden, und zu Laias Verwirrung hatte sie nicht einmal Probleme, eingelassen zu werden.
Ja, sicher, sie hatte ihre besten Kleider angezogen. Aber auch ihre besten Kleider waren wahrscheinlich nicht halb so kostbar wie die, die Aki für eine Wanderung durchs Moor anzog. Und sie hatte über eine Woche hierher gebraucht, und ohne Pferd und ohne Wagen gab es eine klare Grenze dafür, wie viel Gepäck und Kleider zum Wechseln sie dabei haben konnte.
Aber hier in der Universität schien es darauf weniger anzukommen als in Lichternach, und es half Laia fast ein bisschen, doch zu verstehen, warum Aki sich hier wohl zu fühlen schien.
Sier stand inmitten sierer Eltern – und wirkte zu Laias Überraschung gar nicht besonders stolz, zufrieden, glücklich und entspannt, sondern eigentlich sogar eher ziemlich frustriert, enttäuscht und missmutig.
Hatte er etwa doch nicht …? Nein, da war ja die Kugel.
Aki trug ein großes, festliches Gewand aus grünem Stoff – die Farbe der illusionsmagischen Fakultät, hatte sier ihr erklärt – mit eingestickten Symbolen, von denen Aki ihr versichert hatte, dass sie Sinn ergaben, wenn sie auch völlig egal waren und nur die Dekoration dienten. Sieren Kopf verzierte ein grob zylindrischer krempenloser Hut aus Wolle mit festerem, leicht überragenden Dach, das nach vorne eine leichte Spitze andeutete, nach oben aber flach war. Die Magier*innen der Universität trugen niemals spitze Hüte, hatte Aki ihr mal erklärt, um sich eindeutig von den Hexer*innen der Annäischen Republik und den Thaumaturg*innen des Imperiums zu unterscheiden.
Die Wolle des Huts war im gleichen Grün gefärbt wie das Gewand, aber die Schnabelschuhe waren leuchtend gelb. Laia hatte mal einen Scherz darüber gemacht, dass Magier*innen ein bisschen wie giftige Käfer durch ihre leuchtenden Farben davor warnten, wie gefährlich sie waren. Aki hatte nicht so richtig laut drüber gelacht. Aber sier hatte sich ein Lächeln nicht ganz verkneifen können, das hatte sie als Erfolg gewertet.
Außerdem hielt sier natürlich sieren Stab in der Hand. Es war ein hoher schlanker Stab, wie auch Schäfer*innen einen trugen, aber ohne die Spirale am oberen Ende, dafür mit einer Astgabelung, in der nun die kleine kristallene Sphäre ruhte.
Der Stab war sehr schlicht gehalten, einfach nur ein langer Stecken aus dem Holz einer Ulme, nicht mal lackiert oder geölt, ein interessanter Kontrast zu Akis wirklich beinahe lächerlichem Gewand, das nur gerade so noch diesseits der Schwelle bleiben konnte, weil sier umgeben war von anderen Magier*innen, die zwar teilweise andere Farben trugen – Schwarz für Kampfmagie, Gelb für Hellsicht, Blau für Heilung, Rot für Elementarmagie, die anderen wusste sie gerade nicht mehr, aber es war wirklich sehr bunt im Saal – aber jedenfalls alle ähnlich überkandidelt gekleidet waren wir Aki selbst.
Und dann waren da natürlich noch die Besucher*innen, so wie Akis Eltern. Die Sensor*innen der Universität machten ihre Arbeit gut genug, dass sogar ein paar darunter zu sehen waren, die offensichtlich über ähnlich wenig Geld verfügten wie Laia selbst, aber der Anteil an reichen und adligen Familien unter den magisch Begabten war doch verdächtig hoch.
Laia fragte sich, ob das in der Republik auch so war. Ihre Propaganda behauptete natürlich etwas Anderes, aber etwas sagte ihr, dass sie diesen Behauptungen genau so wenig vertrauen konnte wie den Proklamationen der Herold*innen ihres eigenen Landes.
Vielleicht war Aki ja doch einfach nur die Albernheit sierer Aufmachung bewusst geworden und hatte sier die Laune vermiest.
Aber Laia würde sich nun einen Ruck geben und es herausfinden, auch wenn sie sich selbst hier auch nicht wohlfühlte.
„Hallo! Ich habs geschafft!“
Aki wirbelte zu ihr herum und schaute fast ein bisschen so ähnlich wie jemand, dier eventuell für vorstellbar hielt, in Erwägung zu ziehen, sich darüber zu freuen, sie wiederzusehen.
Siere Eltern reagierten gewohnt unterschiedlich.
Der Baron von Orenin nickte ihr wie immer mit professioneller Höflichkeit zu und bewegte die Lippen so, dass der Verdacht plausibel wirkte, er könnte eine Begrüßung gemurmelt haben, und lächelte sie halb freundlich halb huldvoll-herablassend an. Auf rätselhafte, beinahe magische Weise schaffte Laia es nie, sich seinen Vornamen zu merken, und sogar sein kantig geschnittenes, aber sonderbar faltenfreies Gesicht löste sich merkwürdig schnell wie ein Traum auf, sobald sie es nicht mehr direkt ansah. Vielleicht war es wirklich so eine Art Zauberei? Immerhin war Aki sein Kind.
Der zweite Vater hieß Tarma, das konnte sie sich immer ohne Probleme merken, strahlte sie begeistert an und trat mit ausgebreiteten Armen zwei Schritte auf sie zu, wartete aber ab, ob sie in seine Umarmung kommen oder sie ablehnen würde.
„Laia!“, rief er. „Oh wie schön! Wir hatten uns schon Sorgen gemacht, weil du nicht da warst! Ich fand sowieso, wir hätten uns abstimmen wollen, dann hätten wir dir eine Droschke geschickt, und du hättest nicht den ganzen Weg alleine zu Fuß laufen müssen. Wir hätten sogar zusammen fahren können!“
„Und dann hätten wir gemeinsam ein Lied geübt, das wir singen, um Aki zu beglückwünschen …“, kommentierte der dritte Vater mit einer so dicken Schicht Sarkasmus, dass Laia sich wunderte, dass das Zeug ihm nicht aus Ohren und Nase lief, während er sprach.
Wie verkörperter Sarkasmus wohl aussehen würde? Laia stellte sich intuitiv immer eine stinkende weißliche dicke Flüssigkeit vor, wie Eiter, aber sie würde das beizeiten noch einmal gründlicher durchdenken, um sich auf etwas Passenderes festzulegen.
Den Namen des dritten Vaters, der sie offenkundig hasste und verachtete, konnte Laia sich auch immer gut merken. Er hieß Jakuwe und schien wild entschlossen, die Rolle des Bösewichts zu spielen, der findet, dass sein Kind zu schade ist für eine Freundschaft mit dem Mädchen aus der Gosse. Einmal hatte er ihr sogar ernsthaft Geld angeboten, falls sie versprach, abzuhauen und sich nie wieder blicken zu lassen.
Sie war so sehr versucht gewesen, es zu nehmen und einfach trotzdem zu bleiben, und hatte intensiv darüber nachgedacht, was es schaden konnte, weil Jakuwe von Orenin ja ohnehin schon ihr Feind war.
Schließlich hatte sie aber entschieden, dass die paar Goldmünzen es nicht wert waren, ihn so sehr zu provozieren, dass er am Ende behauptete, sie hätte sie gestohlen, oder auch direkt eine*n Schattenrichter auf sie ansetzte. Obwohl es gar nicht so wenig Goldmünzen gewesen waren, und obwohl sie ihm zutraute, das trotzdem zu machen, wenn sie ablehnte.
Aber so anständig war sie halt, und Jakuwe hatte bisher auch nichts weiter Konkretes unternommen, außer den ständigen Sticheleien.
Natürlich hatte sie es Aki erzählt. So selbstlos war sie dann auch wieder nicht. Aki hatte nur gelacht.
Sier kannte siere Väter halt.

***************************

Yoseqa genoss sein Frühstück. Das Ei war genau richtig gewesen, pflaumenweich, wie es sich gehörte, das Brot war frisch und fluffig, mit knuspriger Kruste, und noch warm, sodass die herrliche gelbe Butter darauf schmolz. Es war einfach ein Traum. Er war die womöglich zufriedenste und bestbehandelte Geisel aller Zeiten.
Er wusste, dass das seiner Mutter egal war, solange er noch lebte, aber wenn er auch nur den leisesten Verdacht gehabt hätte, dass es sie interessierte, hätte er ihr vielleicht sogar eine kurze Depesche geschrieben, in der er sie darüber informierte, wie gut er von der Familie von Orenin behandelt wurde und dass sie ihre Truppen erst einmal nach Hause schicken konnte. Das Risiko eines Krieges bestand ganz eindeutig nicht, solange so wunderbaren Käse auf frisches Brot legen konnte. Und die Gänseleberpastete war … ihm fehlten die Worte. Ein Traum, mal wieder.
Nur … Dieses Stück Karotte hier, in dem Möhrengemüse. Das war schon ziemlich fest. Merkwürdig.
Aber niemand war perfekt. Auch in einer hervorragenden Küche wie der derer von Orenin konnte so etwas passieren.
Yoseqa beschloss, sich nicht weiter daran zu stören und setzte die Gabel an, um das widerspenstige Stück harter Möhre zu besiegen. Nicht zu weit in der Mitte, sonst bliebe kein Platz mehr für das Messer, am besten hier, perfekt, und jetzt beherzt zugesto-
Oh.
Das vermaledeite Stück Karotte rollte unter seiner kraftvoll betätigten Gabel hervor, entkam und flog in hohem Bogen über den Rand seines Tellers.
Mit ungläubig offenem Mund sah Yoseqa zu, wie das kleine orange Ding durch den Raum segelte und schließlich und wahrhaftig auf einem der Schränke neben der Ritterrüstung landete.
„Das darf doch nicht …“, murmelte er. „Das glaubt mir doch niemand.“
Kurz entschlossen zog er an dem Seil, das die Bedienstetenklingel betätigte.

***************************

„Ich find das eigentlich sogar wirklich schön, das mit dem Lied?“, sagte Tarma, und sah Jakuwe dabei so provokant grinsend an, dass Laia ihn gleich noch mal um ein Fünftel mehr mochte.
Kurz hoffte sie, dass Aki auch mitspielen würde, aber sier schaute bloß weiterhin grimmig drein und verdrehte vielleicht sogar ein bisschen die Augen.
„Was wird denn üblicherweise auf Sphärenverleihungen gesungen?“, fragte sie trotzdem, erstens weil sie Tarma nicht im Stich lassen wollte, zweitens um Jakuwe zu ärgern, und drittens in der Hoffnung, dass es Aki vielleicht sogar aufheitern würde, bis sier doch auch etwas dazu sagte.
Aber vorerst musste sie mit Tarma zusammen die Last tragen, während der Baron mit höflichem Interesse und Jakuwe mit sichtbarer Genervtheit zuhörte und Aki so tat, als würde sier gar nicht mitbekommen, was geschah.
„‚Die Mauern von Yad‘ könnte passen“, schlug Tarma vor.
„Oder ‚Lyniarus Stab und Kliras Bart‘?“, sagte Laia.
„‚Zehntausend stürmten Barabor‘?“
„Ihr wisst aber schon, dass ich kein*e Kampfmagier*in bin, oder?“, grummelte Aki.
„Na gut“, sagte Tarma, „Dann halt mehr etwas wie ‚Weise war Kalirere‘ oder ‚Meister*in und Lehrling‘?“
„Vielleicht hätte Yeto ja sogar ein Lied schreiben können. Zeit genug hättet ihr ja gehabt.“
Laia freute sich, dass Aki tatsächlich ein bisschen auftaute, und … Richtig! Yeto hieß der Baron. Sie nahm sich fest vor, den Namen nicht gleich wieder zu vergessen.
Den Namen …
Welchen Namen?
Naja egal. Aber … Moment!
„Er dichtet??“, fragte Laia völlig konsterniert.
Sie konnte sich den stocksteifen, stets perfekt förmlichen überkorrekten Baron so gar nicht als Poeten vorstellen.
Ob seine Lieder dann auch alle stocksteif, perfekt förmlich und überkorrekt waren?
‚Erlauchtigkeit, schrieb ich an ihn,
ich muss mich an Euch wenden,
Doch halt, schon war mein Brief dahin!
Ich konnt ihn nicht absenden!
Erlauchtigkeit ward er genannt,
Obwohl ich wusst, dass Graf er war.
Ich fühlte mich ganz blümerant
Und schrieb nichts mehr in diesem Jahr.‘
„Was gibt es denn da zu kichern?“, mäkelte Jakuwe.
„Gar nichts“, antwortete Laia, noch immer kichernd. „Es hat mich nur … an was erinnert.“
„Yeto schreibt sogar sehr gute Gedichte!“, rief Tarma aus, sichtbar begeistert davon, einen positiven Ansatz für eine Fortsetzung des Gesprächs gefunden zu haben, „Und manchmal improvisiert er sogar ziemlich beeindruckend. Yeto, weißt du noch, was du gerade gestern zu der Pferdebediensteten sagtest, als sie …“

***************************

„Ich schwöre es dir! Direkt da oben auf das Regal!“
Fengu war zu gut erzogen, um seine Zweifel offen zu zeigen, aber Yoseqa kannte ihn lange genug, um es trotzdem ohne jeden Zweifel erkennen zu können.
„Ich weiß, wie weit es ist, aber … Ach komm, ich zeig es dir einfach.“
Yoseqa zog den Stuhl unter seinem Schreibtisch hervor, stellte ihn neben den Schrank und streckte eine Hand in Richtung seines Leibdieners aus.
„Hilf mir bitte mal auf!“
„Durchlaucht, verzeiht bitte die unverschämte Widerrede, aber bitte erlaubt mir den Hinweis, dass dieser Stuhl mehr Kunstwerk als Nutzgegenstand ist und möglicherweise nicht zur Leiter taugt. Nichts würde ich mehr bedauern, als wenn Ihr Euch …“
„Papperlapapp!“, unterbrach Yoseqa ihn mit einem Handwedeln. „Ich bin doch nicht aus Porzellan. Hilf mir auf, dann zeig ich dir die verhexte Möhre!“
„Selbstverständlich, Durchlaucht.“
Fengu verneigte sich, ergriff Yoseqas ausgestreckte Hand mit seiner weiß behandschuhten und gab ihm den nötigen Gegendruck, um auf dem Stuhl zu stehen.
„Danke!“
Yoseqa lehnte sich vor und konnte noch nicht ganz auf den Schrank schauen. Kurz tastete er, fand aber keine Karotte. Es schien ihm auch weiter zur Mitte hin gelandet zu sein.
Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um die letzten paar Fingerbreit zu gewinnen, die ihn noch von der Möhre trennten.

***************************

„Darf ich Euch eine Erfrischung anbieten?“
Laia starrte die Dienstperson für einige Herzschläge nur verwirrt an, bevor sie verstand, dass tatsächlich sie gemeint war.
Dann lächelte sie und schaute zum ersten Mal auf das Tablett, das die Person ihr hinhielt.
Während sie sich noch schalt dafür, sich nicht die Zeit zu nehmen, die verschiedenen Gefäße genauer anzuschauen oder sogar zu fragen, was das denn war, griff sie einfach zu, damit die ihr unvertraute und peinliche Situation nicht noch länger dauerte und hauchte ein: „Danke!“
Die Dienstperson knickste, lächelte und setzte ihren Weg durch die Gäste fort.
„Was hab ich da jetzt in der Hand?“, fragte sie Aki.
Nach einem kurzen Blick auf das Glas, das Laia gegriffen hatte, erwiderte Aki: „Das ist Schlehensaft. Süßlich, säuerlich, ein bisschen bitter, ich mag ihn ganz gerne. Sollte dir keine Probleme machen.“
„Danke!“
Sie überlegte kurz, Aki zu fragen, was sier so die Laune verdorben hatte, entschied sich aber dagegen, weil sie sier nicht daran erinnern wollte und sich auch nicht sicher war, ob sier gerne vor sieren Vätern drüber sprechen würde. Aus demselben Grund entschied sie sich auch gegen Fragen darüber, was sie verpasst hatte und wie die Zeremonie gelaufen war, weil es ihr sehr offensichtlich vorkam, dass siere schlechte Stimmung damit zusammenhing. Es musste also ein anderes Thema her, und zwar schnell, weil sie auch keine langen Pausen lassen wollte, die Jakuwe schlimmstenfalls nutzen würde, um sie wieder anzugiften. Aber welches wohl? Sie überlegte kurz, worüber sie zuletzt mit ihm gesprochen hatte, und …
„Wie geht es denn diesem Menschen, der bei euch als Pfand lebt? Du sagtest, er wäre ganz nett?“
Aki zögerte kurz und nickte dann.
„Yoseqa! Ja, dem gehts gut. Ein bisschen zu gut, wenn du mich fragst Ich wünschte, mir wärs mal so gut gegangen, als ich noch im Schloss wohnte.“
„Welche Interna der Baronie willst du dieser … Person von zweifelhaftem Status eigentlich noch verraten, Aki?“, fragte Jakuwe.
Das hätte Laia kommen sehen sollten. War vielleicht keine so gute Wahl für ein Thema gewesen.
„Ich fürchte, Jakuwe hat Recht“, urteilte der Baron – wie hieß er doch gleich? „Auch wenn du Laia vertraust, ist dies nicht der Ort, über solche Themen zu diskutieren.“
Tarma nickte ein bisschen leidend und nur mit Mühe einsichtig.
„Staatsgeschäfte“, raunte er ihr zu. „Soooo sensibel.“
Aki schnitt eine Grimasse und murmelte: „Also jedenfalls gehts ihm gut. Darauf achten wir. Wir mögen meinen Onkel, und ich glaub nicht, dass die Gräfin von Kelthofen lange zögern würde, wenn es drauf ankäme.“

***************************

„Da! Was hab ich gesagt?“, rief Yoseqa triumphierend, während er sich zurück auf den Stuhl schob, das Stück Karotte in der Hand, und dann direkt darauf: „Aaaaahhhverd…“, als der Stuhl tatsächlich erstaunlich langsam in sich zusammenzuklappen begann.
Yoseqa ruderte mit den Armen und Fengu sprang natürlich sofort vor, um ihm zu helfen, griff aber unglücklich daneben und gab nur einen zusätzlichen Impuls.
Yoseqa kippte nach hinten über, sein Schrei fiel zusammen mit dem Knacken des Stuhls, und beides verstummte jäh, als die Sitzfläche schließlich zusammen mit den umgeknickten Beinen den Boden berührte und Yoseqas rücklings mit dem Hals auf das Schwert fiel, das die Ritterrüstung drohend in der linken Hand hielt.
Dafür gab es wenig später noch mal einen ziemlich beeindruckenden scheppernden Krach, als die Rüstung ihrerseits zusammenbrach und so immerhin den gebrochenen Blick von Yoseqas glasigen Augen gnädig verhüllte, auch wenn sie es nicht ganz vermochte, die sich schnell ausbreitende Blutlache zu verbergen.
Fengu stand immer noch mit ausgestreckter Hand nach vorne gelehnt da und starrte ungläubig auf das Desaster, und auf das kleine Stück Möhre, das von neben der Stuhlruine höhnisch zu ihm hinaufstarrte.
„Meiner Treu“, murmelte er. „Er hatte tatsächlich Recht!“

 

Lesegruppenfragen

  1. Wie findet ihr Akis Väter? Bisschen Klischee, ich weiß, aber ich dachte, wenn schon, denn schon.
  2. Fandet ihr das zu plump, dass Laia nach Yoseqa fragt?
  3. War Yoseqa euch sympathisch?
  4. Mögt ihr Schlehensaft?

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