Yanis (7)


Viel Vergnügen!


Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.

Was heute geschieht
Der Wind wehte auch auf Bodenhöhe, und Yanis fröstelte. Sogar jetzt noch stahl die verdammte Kälte ihre Konzentration, obwohl sie wahrhaftig wichtigere Sorgen hatte.
Sie stand vor den Mauern Yeshagas, hinter einem selten benutzten Ausgang für das Gesinde.
Sie hatte sich dagegen entschieden, die Kommandantin von dem Turm zu werfen und hatte ihr stattdessen kurzentschlossen einen Hieb gegen die Schläfe versetzt, mit dem Griff ihres Shiu-Yo. Sie war sich gar nicht sicher, warum sie hoffte, damit keine bleibenden Schäden hinterlassen zu haben, aber in jedem Fall hatte es gereicht, um ihr ein paar Minuten Zeit zu verschaffen, sich der glänzenden, klappernden Rüstung zu entledigen und aus der Burg der Shiu’Hzim zu entkommen. Daraus, dass hinter ihr immer noch keine Alarmrufe erklangen, schloss sie, dass es vielleicht sogar noch für ein paar weitere Minuten gereicht hatte. Das war gut. Sie kannte den Wald um Yeshaga gut von den Übungen, die sie regelmäßig dort ausgeführt hatten, und zur Ausbildung von Shiu’Hzim gehörte sogar ein Teil über verdeckte Missionen und die Flucht aus feindlicher Gefangenschaft, aber sie hatte nicht das Gefühl, dass das Entkommen vor Suchtrupps mit Spürhunden, geleitet von denen, die ihr alles beigebracht hatten, was sie wusste, eine Fertigkeit war, auf die sie ihr Leben verwetten sollte.
Ihr Leben? Ja … Eigentlich hatte Yanis keine Ahnung, was ihr bevorstand, wenn sie sie wieder einfingen, und sie musste sich eingestehen, dass das der wesentlich wahrscheinlichere Ausgang dieses unsäglichen Abenteuers war. Deswegen sollte sie sich wahrscheinlich darauf einstellen.
Aber da sie andererseits nicht einmal wusste, ob Icara morgen schon wieder kämpfen würde, ob sie tot war, oder vielleicht nur ein paar gebrochene Rippen und Gliedmaßen davongetragen hatte, und auch nicht, was genau ihr Dolchknauf mit dem Kopf ihrer Kommandantin gemacht hatte. Irgendetwas zwischen fünfzig Streichen mit der Geißel und Exekution. Lebenslange Einteilung zum Reinigen der Latrinen in Yag-Elim.
Aber jedenfalls hatte Yanis sich entschieden, dass sie genug hatte. Sie hätte die Strafe akzeptiert, wenn sie sie verdient gehabt hätte. Wenn sie noch Respekt für die Shiu’Hzim gehabt hätte. Aber sich erneut und immer wieder ohne Aussicht auf Besserung demütigen zu lassen von der Organisation, der sie alles gegeben hatte, was sie geben konnte?
Das war kein Leben, für das Yanis noch Geißelhiebe in Kauf nehmen würde.
Und so stand sie hier nun in ihrem Waffenrock mit nicht mehr als ihrem Koppel – Ja, der Säbel und die Ausrüstung daran klapperte auch, aber völlig wehrlos hatte sie doch nicht fliehen wollen – und einer kleinen ledernen Umhängetasche, die sie auf dem Wachturm bei sich gehabt hatte. Sie enthielt ein paar Silber- und Bronzemünzen, ihr Waffenpflegezeug, eine vorerst überflüssige Haarbürste, die sie noch nicht hatte herausnehmen wollen, eine Backkartoffel, einen Apfel, eine Feige und natürlich die verdammten Pastillen.
Sie fühlte sich nackt ohne ihre Rüstung, ohne ihren Helm, und ohne ihren Bogen. Der Gedanke daran, dass die Burgschmiede sie nun vernichten würde, schmerzte. Sie waren nur für sie maßgefertigt worden, und sie hatte sich wohl darin gefühlt.
Aber sie würde sich daran gewöhnen müssen, dass sie keine Shiu’Hzim mehr war. Nachdenklich betastete sie den vertrauten Griff ihres Säbels. Vielleicht sollte sie ihn doch direkt zurücklassen.
Nein. Eine Waffe wollte sie schon dabei haben, und wenn sie ihn jetzt hier fallen ließ, konnte sie genau so gut ein Schild aufhängen mit der Richtung, in die sie geflohen war.
Sie stand da mit dem Rücken zu der Burg, die ihr ganzes Leben lang ihre Heimat und ihr Leben und ihr Sinn gewesen war, und wusste nicht, wohin sie nun gehen sollte, und erinnerte sich an die Ausbildung, die sie in diesem Wald, in dieser Burg erfahren hatte. Die ihr ganzes Leben gewesen war.
Und dann lief sie.

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Yanis genoss den Sonnenschein, während sie durch den Wald lief, auch wenn die Hitze ihr in der Rüstung ein wenig zu schaffen machte, und der Waffenrock durch den Schweiß an ein paar Stellen unangenehm scheuerte.
Und sogar der Sonnenschein hatte seine Tücken, denn er malte zwar wunderschöne Muster durch das Blätter- und Nadeldach, verschleierte damit aber auch Unebenheiten und auf dem Boden liegende Stöcke und Steine, die ihr, wie sie mal gehört hatten, schwere Verletzungen zufügen konnten, wenn sie nicht aufpasste.
Sie hatte hinter sich schon lange kein Geräusch von Icara und den anderen mehr gehört, aber das überraschte sie nicht.
Ein Eichhörnchen floh vor ihr auf einen Baum, und sie schaffte es gerade noch, ihren rechten Fuß neben einen sonderbar schillernden Käfer zu setzen, als Goma vor ihr hinter einem Baum hervortrat.
„Glückwunsch!“, sagte die Ausbilderin, mit wenig Begeisterung in der Stimme. „Wieder erste. Wo sind deine Kameradinnen, Soldatin?“
„Hinter mir!“, antwortete Yanis mit einem breiten Grinsen, das schnell wieder erstarb vor Gomas ernster Miene.
„Es ist gut, dass du schnell bist, aber denk auch daran, dass in einer echten Kriegslage auch die beste Soldatin alleine nutzlos ist. Fast immer.“
„Jawohl, Waffenmeisterin!“
Yanis salutierte, und weniger später kam der nächste, Herun, und mit ihm auch der Rest des Feldes einschließlich Icara.
Yanis mied den Blick ihrer Gefährtin, aber Icara kam auf sie zu, und am Ende konnte Yanis nicht mehr ausweichen.
„Mein Säbel saß nicht richtig“, murmelte Icara. „Ich … hab ihn dann neu angehängt, aber da wars schon zu spät. Aber … guter Lauf.“
„Danke!“, antwortete Yanis mit einem Blick auf Icaras Säbelgehänge, von dem sie hoffte, dass er nicht zu offensichtlich skeptisch war.
„Wir sollten später noch mal einen Lauf mit gerechten Bedingungen machen“, sagte Icara.
Yanis nickte. Es kostete sie nichts, und sie wusste aus Erfahrung, dass Icara nicht darauf zurückkommen würde.
Dann merkte sie, dass Goma angefangen hatte, etwas zu erklären.
„… wenn ihr von draußen reinkommt, seht ihr nichts, aber die anderen sehen euch und warten nur auf euch, und wenn ihr von drinnen rauskommt, könnt ihr sicher sein, dass aus genau dem Grund irgendjemand irgendwo versteckt auf der Lauer liegt, deshalb merkt euch einfach: An Waldrändern wartet Kararos auf euch, also verhaltet euch unauffällig, vielleicht übersieht er euch dann.“
„Wir sind doch nicht Shiu’Hzim, um uns zu verstecken! Ist das ehrenhaft?“
Yanis hörte Icara neben sich schnauben und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Icara zuckte die Schultern, schaute aber zumindest in bisschen bedauernd dabei.
„Wenn ihr euch nicht vor Zaubern, Pfeilen, Bolzen und Hinterhalten in Acht nehmt, seid ihr nicht lange Shiu’Hzim. Und weil ich will, dass ihr Shiu’Hzim blebt, bis ihr mindestens so alt seid wie ich, werdet ihr euch jetzt gleich einmal von hier zu dem Waldrand da drüben bewegen, sich schnell ihr könnt, und dann wieder zurück, und dann wieder hin, und zurück, das machen wir so lange, bis ich es leid bin. Tiefste Gangart natürlich.“
Icara warf Yanis einen Blick zu, als wollte sie fragen: ‚Musste das sein?‘
Yanis warf einen ‚Was kann ich dafür?‘-Blick zurück.
Sie glaubte eigentlich nicht, dass Goma den Befehl nur wegen ihrer Frage gegeben hatte. Aber wenn Icara das meinte, dann konnte sie zumindest einen Versuch unternehmen, es in Ordnung zu bringen.
„Sollten wir wirklich üben, zu kriechen, statt zu kämpfen?“, rief Yanis ihr zu.
Vielleicht freute sie sich auch ein bisschen über die Gelegenheit, vor Icara zu zeigen, dass sie sich von der Waffenmeisterin nicht einschüchtern ließ.
Goma lachte auf, und Icara … verdrehte die Augen, stöhnte, und formte ein ‚Kindisches Kalb!‘ mit den Lippen.
„Vielleicht …“ sinnierte Goma mit einem bedeutungsschweren Blick in die Runde, „machen wir es ja sogar noch ein bisschen weiter, wenn ich es schon leid bin. Ich will ja sicher sein, dass ihr es wirklich gelernt habt. Ausführung!“
„Hast du toll hinbekommen“, murmelte Icara ihr zu, während sie sich auf den Boden warfen.
„Ich dachte …“
„Ja, genau, damit solltest du aufhören.“
„Wenn du … mit allem aufhören aufhören würdest, worin du schlechter bist als ich … dann … würde nicht mehr viel von dir als Shiu’Hzim übrig bleiben, oder?“
Yanis fluchte innerlich, dass ihr nichts Besseres eingefallen war, und dass sie sogar diesen armseligen Spruch noch so unsicher zusammengestammelt hatte, einfach weil sie bei jedem Wort noch gehofft hatte, dass vielleicht doch was Besseres kommen möge.
Aber die Wirkung auf Icara schien er nicht verfehlt zu haben. Sie biss sichtbar die Zähne zusammen, und ihre Augen bekamen diesen harten, fast abwesenden Ausdruck, während sie stur nach vorne zu blicken und so schnell über den unebenen Waldboden und das Unterholz zu robben begann, so schnell sie konnte. Es war fast schon wieder niedlich. Yanis ließ sie einen kleinen Vorsprung erarbeiten, in der Hoffnung, dass sie sich dann wieder beruhigen würde, bevor Yanis sie überholte und hinter sich zurückließ.

****************************

„Weißt du, was das Einzige ist, was ich noch erniedrigender finde, als wenn du mich gewinnen lässt?“
Yanis schmunzelte. Sie wusste, dass es nicht viel gab, was Icara noch wütender machte, als wenn sie wütend war und Yanis es nicht ernst nahm, aber sie war es leid, sich von ihr fortwährend sagen zu lassen, wie dumm sie war. Sie war gar nicht so dumm. Sie war nur weniger gerissen als Icara, und sich nicht völlig sicher, ob das eine Schwäche war, oder vielleicht sogar noch ein Grund, stolz auf sich zu sein.
„Was?“
„Wenn es eine Weile so aussieht, als würdest du mich fast gewinnen lassen, und mich dann in den Staub wirfst. Das ist noch erniedrigender. Es ist keine Kunst, schneller voranzukommen, wenn man so viel größer ist. Das heißt gar nichts!“
Yanis runzelte die Stirn, aufrichtig verwirrt.
„Wie soll Größe denn ein Vorteil sein, wenn es darum geht, durch einen Wald zu kriechen …?“
Icara schnaubte und machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Du weißt genau, wie ich das meine. Ich meine, allgemein.“
„Natürlich. Weißt du noch, wie das mit dem Zelt war? Hier muss ich …“
„Warte lass mich mal, ich zeigs dir …“
„Nein, ich will das machen, ich muss es doch auch lernen!“
„Yanis, in drei Minuten kommt Goma und befiehlt Angriff oder … irgendwas, und wenn dann unser Zelt nicht steht, können wir beide uns auf die nächsten drei Nachtwachen freuen, mindestens, also mach jetzt Platz und lass mich das schnell erledigen!“
„Ich hab dir gerade gesagt, dass ich das nicht mache, und du weißt ganz genau, dass du mich –
„JA YANIS du bist die größte und mächtigste Shiu’Hzim aller Zeiten und wenn du das Zelt aufbauen willst, dann baust du es auf, bitte, nur zu, aber wenn wir für die Nachtwachen eingeteilt werden, bleibst du wach, und ich schlafe, das ist dir hoff-“
„Gibts hier einen Streit, in den ich eingreifen muss?“
„Nein, Waffenmeisterin!“, antworteten beide in ganz verblüffender Harmonie.
Goma wirkte groß und träge, und wurde nicht müde, zu betonen, wie alt sie war, aber sie konnte sich trotzdem mit besorgniserregender Lautlosigkeit bewegen, wenn sie wollte, und tat es manchmal, so schien es Yanis zumindest, sogar ganz unwillkürlich, ohne sich etwas dabei zu denken.
Sie nickte zufrieden.
„Bau das Zelt zu Ende auf, Icara. Yanis, komm mit, ich brauche dich für einen Hinterhalt für Gruppe Romud.“
Icara hob eine Hand und öffnete den Mund, Aber bevor der erste Laut herausgekommen war, hatte Goma die Hand ergriffen und wieder gesenkt.
„Das war kein Vorschlag“, sagte die Ausbildering. „Und ja, ich weiß, wer deine Mutter ist. Sie weiß auch ziemlich gut, wer ich bin.“ Ihr Gesicht entspannte sich plötzlich, und sie grinste und schaute von Yanis zu Icara. „Und wir alle wissen, dass Befehle bei den Shiu’Hzim nicht wiederholt werden, richtig?“
„Jawohl, Waffenmeisterin!“, antwortete Yanis, salutierte, und sah im Weggehen noch aus den Augenwinkeln, wie Icara ihnen hinter her starrte.

************************************************

Yanis rannte. Es erforderte Konzentration, denn sie hatte sich dagegen entschieden, einem der Pfade zu folgen, und je weiter sie sich von der Burg entfernte, desto dichter wurde das Unterholz. Aber vorerst genoss sie es noch. Es fühlte sich … richtig an.
Nicht nur, weil Yanis schon immer gerne lief. Sogar Reiten konnte mit der schieren Freude, die ihr ein guter Lauf bereitete, nicht mithalten, obwohl das Pferd natürlich schneller war. Es fühlte sich einfach befriedigender an, selbst zu laufen. Sogar der Schweiß machte es irgendwie noch besser.
Yanis erinnerte sich, dass es Tage gegeben hatte, als sie von diesem Moment geträumt hatte. Das siebenjährige Waisenmädchen, das zusammen mit vielen anderen von zwei wortkargen Kriegerinnen in die Burg gebracht worden war, hatte sich in den ersten Wochen oft genug gewünscht, dem ewigen Drill, der Erschöpfung, der Erniedrigung und den endlosen Befehlen und Bestrafungen zu entkommen. Doch im Laufe der Monate und Jahre hatte sie gelernt, stolz zu sein auf die Kraft, die Geschicklichkeit, die Fertigkeiten, auf alles, was das Leben als Shiu’Hzim ihr gegeben hatte. Sie hatte gelernt, besser zu sein als alle anderen, stärker und geschickter.
Und sie hatte gelernt, Befehle zu befolgen, sich unterzuordnen, zu gehorchen, der Göttin und dem Orden zu dienen, und all das als den Sinn ihres Lebens zu empfinden.
Und jetzt rannte sie vor all dem davon, oder genauer: vor all denen, die diese Widmung mit ihr teilten.
Sie war sich nicht einmal ganz sicher, wohin sie rannte, zumindest am Ende. Kurzfristig wusste sie es: Sie hatte die Tochter der Kommandantin von einem Wachturm geworfen, die Kommandantin selbst niedergeschlagen und war dann desertiert.
Sie würden die Hunde einsetzen.
Und sogar ohne Hunde: Yanis trug die Stiefel. Jede*r halbwegs erfahrene Fährtensucher*in würde ihr völlig problemlos folgen können. Es regnete nicht mal. Hatte für ihren unmittelbaren Komfort natürlich auch Vorteile, hätte aber ihre Spuren zumindest ein bisschen hinter ihr verwischt.
Aber die Stiefel auszuziehen, schien ihr auch keine gute Idee. Gerade hier mitten im Wald wäre sie barfuß viel langsamer, und wenn sie sich am Ende sogar noch etwas eintrat und dann nur noch humpeln konnte, war ihre Flucht unrettbar verloren.
Jedenfalls wusste sie deshalb, was ihr erstes Ziel sein musste: Die Ferbe, der kleine Fluss, der in den Manövern meistens die Grenze markierte.
Eine Zeitlang würde sie ihm folgen, und irgendwann musste sie dann natürlich auch wieder abweichen, ansonsten war es natürlich auch ohne Fährte offensichtlich, wohin sie geflohen war.
Sie würde sich noch entscheiden müssen, wie genau sie dem Fluss folgen würde, denn natürlich ging es nicht, ohne nass zu werden. Einfach am Ufer entlangzulaufen, würde nicht helfen, ihre Verfolger*innen abzuschütteln. Yanis freute sich nicht darauf, in das kalte Wasser einzutauchen und dann in nasser Kleidung weiter zu fliehen, während sie sowieso schon fror, aber das Leben war nun einmal nicht immer warm und kuschelig.
Yanis war eine schnelle Läuferin und erreichte den Fluss bald – und wäre beinahe rücklings umgefallen, so plötzlich hielt sie an, als sich vom Ufer eine vertraute Form in Shiu’Hzim-Rüstung erhob.
„Goma!“
Yanis tat etwas, was sie in gefährlichen Situationen sonst nie tat, und wovon sie hoffte, dass sie nicht dabei war, eine Gewohnheit zu etablieren: Sie wich zurück und hob abwehrend die Hände.
„Goma, ich will nicht gegen dich kämpfen!“
Yanis staunte, wie kleinlaut, beinahe flehend, sie klang. Aber es war nicht Angst, die sie trieb, zumindest nicht direkt. Sie fürchtete nicht, dass Goma sie besiegen und verletzen würde, oder gar töten.
Im Gegenteil. Yanis graute am meisten vor der Vorstellung, jetzt die Person, die für sie immer alle Ideale der Shiu’Hzim verkörpert hatte und vor der sie in der ganzen Burg am meisten Respekt, eigentlich sogar Ehrfurcht, gehabt hatte, töten zu müssen, nur um vor der Strafe für ihre eigenen Fehler fliehen zu können.
Sie wollte nicht auch noch das auf ihrem Gewissen haben. Es war schwer genug. Und ihr Herz schlug ihr sowieso schon im Hals nach dem langen schnellen Lauf, und natürlich der aufwühlenden Gründe, aus denen sie überhaupt laufen musste.
Deshalb musste sie sich beherrschen, um nicht vor Erleichterung auf die Knie zu fallen, als Goma mit einer beschwichtigenden Geste und – am wichtigsten – leeren Händen einen Schritt auf sie zu tat.
Und lachte.
„Keine Sorge, Soldatin. Wir finden jetzt nicht heraus, ob ich schon zu alt bin, dir noch eine finale Lektion zu erteilen. Vielleicht ein ander Mal. Hoffentlich nie, weil ich so einen nagenden Verdacht habe, dass das mit einem Säbel irgendwo in diesem erlahmenden Fleisch enden würde, und ich mag es bei aller Unzufriedenheit immer noch lieber ohne.“
Yanis nickte, ein bisschen ratlos und ein bisschen besorgt, wie es jetzt weitergehen würde.
„Und … warum bist du dann hier?“, fragte sie, unter anderem um der Befürchtung entgegen zu arbeiten, dass sie sich gerade zu einer Person entwickelte, die vor Probleme davon lief. „Und wie bist du überhaupt vor mir hierher gekommen, wie kann das sein?“, fügte sie dann noch hinzu, einfach weil sie in dem Moment erkannte, wie unglaublich das war.
Goma schmunzelte.
„Ich hab euch noch nicht alle meine Tricks beigebracht. Ein bisschen Vorsprung will ich mir schon erhalten.“
„Ein bisschen.“
Goma zuckte die Schultern.
„Shiu schützt die, die sich selbst schützen.“
Yanis lachte auf und sah sich vielsagend in der Situation um, in der sie sich befand.
Goma folgte ihm Blick und nickte ihr mit einem ‚Sag ich doch‘-Blick zu.
„Ich will mich von dir verabschieden“, sagte sie, „Und das muss ich schnell machen, wenn es einen Sinn haben soll.“
Als wäre es dramaturgisch abgestimmt, hörte Yanis genau in diesem Moment in der Ferne die Hunde – oder bildete sie sich die nur ein, weil es so gut gepasst hätte?
„Shiu beobachtet dich mit Wohlwollen“, sagte Goma in ungewohnter Feierlichkeit, „Da bin ich mir ganz sicher. Ich weiß, wie ungern du fliehst, aber hier und jetzt … Ich glaube, es ist deine beste Wahl. Machs gut, Soldatin. Und vergiss nicht, was du gelernt hast; das meiste ist gut.“ Sie machte eine kurze Pause und fügte hinzu: „Das von mir. Aber das andere konntest du dir eh nie so gut merken.“
Yanis‘ Atem ging immer noch ein bisschen schwer, und ihr Hals war immer noch ein bisschen eng. Und ihre Augen tränten und ihre Nase lief, aber das taten sie immer.
Jedenfalls hatte dieses Bisschen sehr zurückhaltender Freundlichkeit sich unglaublich gut angefühlt, einfach weil es die erste war, die ihr seit langer Zeit ein Mensch gezeigt hatte.
Yanis schluckte und kämpfte den Impuls nieder, Goma zu umarmen.
„Danke!“, sagte sie stattdessen, salutierte, und sprang in den Fluss.

Lesegruppenfragen:

  1. Wie findet ihr die eingestreuten Rückblenden? Eher gut, eher schlecht?
  2. Findet ihr, dass die hinreichend abgegrenzt sind, oder hättet ihr gerne klarere Information wie z.B. eine Zeile mit dem jeweiligen Datum?
  3. Glaubt ihr, Goma meint es ehrlich?
  4. Wie gefällt euch die Kapitellänge?

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