Yanis (6)


Und heute hat Laia kein Glück. Oder doch. Wie ihr wollt.


Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.

Was heute geschieht

In das richtige Stockwerk des Turms zu gelangen, war so einfach gewesen, wie Laia gehofft hatte.
Na gut, „einfach“ vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne. Es war ausgesprochen spannend und aufregend und verwirrend gewesen. Und teilweise auch anstrengend. Laia hatte eine ganze Weile die Treppen gesucht und benutzt, und es war nur ein kleiner Teil der Strecke gewesen, aber trotzdem viele, viele, viele, viele, viele Stufen. Laia hielt sich für gut in Form, aber sie war trotzdem … Es waren viele Stufen gewesen.
Dann hatte ihr ein*e freundliche*r Magier*in die Levitatoren erklärt. Zumindest nahm Laia an, dass es ein*e Magier*in gewesen war, denn die Person hatte ähnlichen Roben getragen wie Aki oft, und einen Stab, und eine Kristallkugel, letztere ulkigerweise am Gürtel hängend. Hatte aus Laias Perspektive sehr gefährlich ausgesehen für die Kugel, aber sicherlich war es eine magische Kugel, und vielleicht gingen die nicht so leicht kaputt.
Jedenfalls hatte die Person ihr gezeigt, wie die Plattformen funktionierten, von denen aus Besucher*innen der Universität zu beliebigen Stockwerken levitieren konnten, indem sie einfach die Nummer aussprachen, und das war wahrscheinlich gleichzeitig das wunderbarste, das aufregendste, und das gruseligste gewesen, was Laia je gefühlt hatte.
Ebenfalls wunderbar, aufgrend und gruselig fand Laia, wie frei sie sich hier bewegen konnte, und wie niemand sich daran zu stören schien, dass sie ganz offensichtlich nicht hierher gehört.
Vielleicht lag es nur daran, dass heute der Tag der Zeremonie war, zu der sicher immer sehr viele Besucher*innen in der Universität herumliefen, die offensichtlich nicht hierher gehörten. Aber sogar dann war es noch bemerkenswert. Niemand fragte sie, was sie her wollte, niemand durchsuchte sie, um zu prüfen, was sie gestohlen hatte – sie hatte tatsächlich noch gar nichts gestohlen, weil sie befürchtete, dass die Sorglosigkeit der Organisation ein Zeichen war:
Die Magie war das Sicherheitssystem. Die paar Wachleute, die sie gesehen hatte, standen auch schon so gelangweilt herum, dass auf den ersten Blick offensichtlich war, dass sie sich nur als bewaffnete Empfangsmitarbeiter*innen empfanden.
Die einzige plausible Erklärung dafür, dass der Nabel der magischen Welt, voller unfassbar mächtiger Kleinode und voller Menschen, die mit einem Winken Erdbeben auslösen und mit einem Niesen Orkane verursachen konnten, nicht besser geschützt war, konnte nur sein, dass er keinen Schutz brauchte, weil er sich selbst schützte.
Daraus folgte aber immerhin auch, dass sie sich keine Sorgen um die Wachleute machen musste.
Das Problem an dieser Überlegung war offensichtlich: Wenn sie falsch war, standen Laia unerfreuliche und potentiell auch sehr gefährliche Überraschungen bevor. Und wenn sie richtig war, auch.
Aber sie war bereit, das Risiko in Kauf zu nehmen. Die Verleihungszeremonie und der anschließende Empfang würden ja sicherlich nicht in einem Teil des Turms stattfinden, in dem überall tödliche Fallen lauerten, deshalb hoffte sie, dass sie schlimmstenfalls doch irgendeiner Wache oder Magier*in in die Hände fallen würde und dann erklären müsste, dass sie zu Aki gehörte, und das wäre dann ein bisschen peinlich, aber kein Beinbruch.
… und so stand sie nun auf einem riesigen Balkon des riesigen Turms und war sich gar nicht sicher, ob sie nicht einfach ihr Vorhaben aufgeben sollte, Akis Zeremonie doch noch mitzuerleben, und stattdessen einfach nur weiter dieses unfassbare Wunderding von einem Gebäude zu erkunden.
Oder einfach hier stehen zu bleiben, sich an die Brüstung zu lehnen und nach unten zu schauen.
Was es tatsächlich auch noch mal mehr wie eine gute Idee erscheinen ließ, ihr Vorhaben aufzugeben, denn Heilige Handerra, war das Ding hoch. Es war ganz buchstäblich, wenn auch zum Glück nur für ein paar Herzschläge, atemberaubend, hinabzublicken, und zu sehen, wie winzig alles erschien, was sie dort unten erkennen konnte, und auch der Blick in die Weite war für sich genommen schon ein Erlebnis, für das sich die Reise gelohnt hatte.
Zum Glück war Laia schwindelfrei. Und wusste, dass es ziemlich egal war, ob sie zehn Schritte fiel, oder hundert, oder tausend, oder wieviel auch immer das nach da unten war. Die liebevolle, wenn auch etwas unterkühlte Umarmung Kararos‘ war ihr in jedem Fall sicher.
Aber a propos Schwindel: Warum hatte Aki ihr eigentlich nie erzählt, in was für einem nicht beschreibbaren Mirakel von Mirakeln er lebte und lernte? Vielleicht gerade weil es nicht beschreibbar war. Und ganz vielleicht erinnerte sie sich auch vage, dass sier am Anfang ein paar Mal von ein paar Details erzählt hatte, und dass sie betont gelangweilt gegähnt hatte, teils weil sie dachte, sier würde übertreiben, teils weil sei nicht wie das unerfahrene Mädchen dastehen wollte, dem dier große weise Magier*in von der weiten Welt erzählte.
Trotzdem nahm sie es Aki ein bisschen übel. Sier hätte sich nicht so leicht einschüchtern lassen dürfen. Ließ sier sich doch sonst auch nicht.
Die Wand bestand aus beeindruckend riesigen Blöcken aus einem rötlichen Stein, der aussah, als wäre er recht brüchig, aber nicht einmal mit ihrem Messer hatte sie etwas davon abkratzen können. Das war auch besser so, denn sie hatte nicht gehofft, sich hindurchgraben zu können. Sie ging vielmehr davon aus, dass sie würde klettern müssen, und sie wusste gerne möglichst genau, wie die Konsistenz des Materials war, das ihr Halt geben sollte.
Ob diese unfassbar beeindruckende Aussichtsplattform immer so verlassen war, weil einfach alle sich daran gewöhnt hatten, oder ob wegen der Zeremonie gerade besondere Umstände galten, wusste Laia nicht, aber sie war jedenfalls froh, ungestört zu sein, und sich in Ruhe vorbereiten zu können.
Sie hatte sogar ein paar Dehn- und Aufwärmübungen gemacht, obwohl sie dafür normalerweise zu ungeduldig war und sich zu albern dabei vorkam.
Nachdenklich betastete sie noch einmal die Wand, während sie tief durchatmete und abwechselnd ihr Bestes tat, nicht nach unten zu gucken, und nach unten guckte.
Die Konsistenz der Steine war in diesem Fall zwar überraschend, aber eigentlich gut brauchbar. Durch die leicht poröse Oberfläche waren die Kanten der Blöcke griffig, und teilweise boten sogar kleine Unebenheiten auf den Frontflächen noch ein bisschen Unterstützung. Und dass nichts abbröckelte, wenn sie sich daran festhielt, war natürlich auch erfreulich.
Sie schaute sich noch einmal um und entschied, dass es dunkel genug war, um es zu versuchen. Sie zog die Schuhe aus, band sie an ihren Rucksack und kletterte auf die Brüstung des Balkons.
Die Wachperson hatte ihr im Verlauf einiger Minuten Geplauder verraten, in welchem Stockwerk sich der Große Saal befand – ein weiteres Indiz dafür, dass die Universität keine hohe Priorität auch grundlegende Sicherheitsvorkehrungen zu legen schien –, aber es war ihr nicht gelungen, auf unverdächtige Weise Details über die Lage der Fenster und sonstigen Zugänge zu erfragen, deshalb musste sie hoffen, dass er sich nicht gerade direkt auf der gegenüberliegenden Seite befand, denn sie war sich nicht ganz sicher, wie groß der Umfang des Turms wirklich war, und wie weit sie es seitlich schaffen würde, bevor sie ihre Kräfte verließen.
Ja. Schon richtig. Sie war sich auch nicht sicher, ob das hier eine besonders gute Idee war. Aber die Herausforderung war unwiderstehlich, und sie würde für den Rest ihres Lebens damit prahlen können, auf die Universität geklettert zu sein. In der Hoffnung, dass ihr Leben nicht nur noch ein paar Minuten dauern würde.
Dass sie schon ganz oben angefangen hatte zu klettern, musste sie beim Erzählen der Geschichte ja nicht zu deutlich herausstellen.
Laia nahm einen tiefen Atemzug, rieb sich ein wenig Puder in die Hände, streckte und dehnte sich, und griff in die erste Fuge.
Die Felsblöcke waren wirklich riesig, aber eine Fuge verlief knapp über ihrem Kopf, an der konnte sie sich gut festhalten. Zwar waren sie auch ein bisschen zueinander versetzt, aber dafür auch in sich uneben genug, dass sie sich mit den Füßen noch ein wenig zusätzlichen Halt verschaffen konnte. So traute sie sich zu, ohne große Probleme bis zu einem Fenster klettern zu können, oder zu einem anderen Balkon oder einer der Statuen, die in zu ihrer Überraschung unregelmäßigen Abständen den Turm verzierten. Auf diese Weise war sichergestellt, dass sie sich ausruhen konnte und nicht einfach aus Erschöpfung in die Tiefe stürzte.
Laia schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf – vorsichtig, um nicht den Halt zu verlieren. Sie dachte zu viel darüber nach, in die Tiefe zu stürzen. Das war immer der beste Weg, es tatsächlich zu tun. Weniger an die Tiefe denken, mehr an Greifen, Halten, Bewegen, Konzentrieren.
Es lief zu Beginn so gut wie erwartet, und sie erreichte das erste Fenster, zufrieden mit ihrem Fortschritt, und damit, dass noch kein verzauberter Adlerdämon sie geschnappt und zum Adeptus Hartus Bestrafikus geschleppt hatte, oder so.
Laia war durchaus bewusst, dass sie keinen so richtig klaren Plan dafür hatte, was passieren würde, wenn sie den Saal tatsächlich erreichen sollte. Sie empfand das nicht als Problem. Laia hatte die Erfahrung gemacht, dass Pläne sie nur einschränkten und dass kein Einbruch jemals so lief, wie sie sich vorstellte. Wenn sie dann einen Plan im Kopf hatte, verschwendete sie Zeit damit, ihm nachzutrauern und drüber nachzudenken, wie sie ihn noch retten konnte.
Darin war sie nicht gut.
Ohne Plan suchte sie einfach Lösungen, und darin war sie ziemlich gut, fand sie zumindest selbst, auch wenn ihr Vater immer meinte, sie wäre einfach nur faul. Da hatte er natürlich Recht, aber es hatte trotzdem nichts mit ihrer Überzeugung zu tun, dass Pläne ein Hindernis waren.
Jemand tippte von drinnen gegen das Fenster, auf dessen äußerer Bank sie kurz stehen geblieben war, um ihre Finger zu entspannen und durchzuatmen.
Für einen Moment durchzuckte sie die Furcht, sowohl vor dem Gedanken, sie hätte vor Schreck das Gleichgewicht verlieren können, als auch vor dem, die Person drinnen könnte auf die Idee kommen, das Fenster zu öffnen; beides zum Glück unrealistisch, denn sie war nicht schreckhaft, und das Fenster ließ sich gar nicht öffnen.
Sie tippte von draußen zurück, machte eine beschwichtigende Geste und vertraute darauf, dass die Person drinnen annehmen würde, es wäre schon alles in Ordnung. Das funktionierte erstaunlich oft und erstaunlich gut, wenn man es nur schaffte, glaubwürdig freundlich entspannt zu reagieren.
Es war schon einigermaßen nicht mehr richtig hell hier draußen, deswegen konnte Laia durch das Fenster ganz gut hineinschauen und war sich deshalb sicher, dass dieses Fenster zumindest nicht ganz das richtige war. Das da drinnen war ganz sicher kein großer Saal, mehr eine kleine Bibliothek, oder … ein Labor?
Besser, nicht zu lange zu verweilen und zu spähen. Das würde nur Verdacht erregen.
Sie griff wieder in die nächste Fuge, unzufrieden damit, wie sehr ihre Finger schon gegen die erneute Kraftprobe protestierten, und wie wenig sie mit den Füßen nachhelfen konnte, aber sie schob und zog sich tapfer wieder, nicht nach unten schauend, nicht drüber nachdenkend, was unter ihr wartete, und bemüht, gelegentliche, teilweise unerwartet heftige Windstöße zu ignorieren.
So erreichte sie gerade noch die nächste Statue, als ihre Finger schon fast nicht nur zu müde waren, um sie noch zuverlässig zu halten, sondern auch zu feucht. Sie hatte begonnen zu schwitzen, und zu allem Übel fror sie auch noch, wegen des Windes.
Immerhin hatte sie jetzt einen Punkt gefunden, an dem sie sich fast beliebig ausruhen konnte. Niemand würde sie hier stören, während sie auf diesem merkwürdigen Echsenadler hing, oder was das sein sollte, und atmete, und fror, und ihre schmerzenden Finger und Zehen öffnete und schloss, öffnete und schloss.
Vielleicht war das hier doch wirklich eine genau so unvernünftige Idee gewesen, wie der Teil ihres Verstandes ihr zu sagen versucht hatte, den sie für einen Avatar ihres Vaters hielt.
Verdammt.
Aber gerade weil sie ihn für einen Avatar ihres Vaters hielt, war sie überhaupt nicht bereit, sich mit seiner freundlichen und oh so vernünftigen Bemerkung auseinanderzusetzen, dass es keineswegs zu spät war, zu dem Balkon zurückzukehren, oder sogar zu dem Fenster, und von dort aus um Hilfe zu bitten.
Sicher, es wäre peinlich, es würde vielleicht sogar in irgendeinen Kerker führen, aber alles war besser als die grauenvolle, endlose Tiefe unter ihr.
Fand die verdächtig alte, besserwisserische, männliche Stimme in ihrem Kopf.
„Geh nach Yorangan“, zischte sie der Stimme zu. „Ich kann das. Ich schaff das.“
Sie rieb sich eine neue Portion Puder in die Hände, atmete tief durch – und ließ das Beutelchen mit dem Puder fallen
(nicht nachsehen nicht nachsehen nicht nachsehen nicht nachsehen nicht nachsehen)
als der Schlangenadler den Kopf zu ihr umdrehte und sie mit halt geöffnetem Schnabel anschaute. Der rechte Flügel, auf dem eine von Laias Händen lag, sank ein Stück hinab, und der ganz Körper schien auch ein wenig nachzugeben, vielleicht weil der Adler in die Knie ging. Falls Adler Knie hatten. Echsenadler. Keine Ahnung.
„Was …? Aber reden kannst du nicht, oder? Weil ich sonst gleich einfach springe und den Flug genieße, bis ich aufwache.“
Der Adler streckte seinen Kopf nach vorne, streckte eigentlich den ganzen Körper, und schüttelte die Flügel aus. Laia griff um und hielt sich fest, so gut sie konnte. Noch war sie leider nicht sicher genug, zu träumen.
„Schon gut“, murmelte sie, „Ich lass dich in Ruhe.“
Sie kam nicht einmal dazu, Angst zu empfinden, weder vor der lebendigen Statue, noch vor dem Abrutschen in den Abgrund, so surreal fühlte sich das alles an. Der Adler schüttelte sich noch einmal, wurde sie aber nicht los, weil sie ihre Arme fest um seinen Hals und die Beine fest um seinen Torso darunter geschlungen hatte, aber als drei kleine Trippelschritte auf seinem kleinen Vorsprung nach vorne tat und die Flügel weiter ausbreitete, ahnte sie, noch immer mit dieser sonderbaren Überlagerung von Klarheit und traumhafter Absurdität, was die Stunde geschlagen hatte, und ließ sich langsam von dem Steinungetüm auf den Vorsprung dahinter gleiten.
Zum Glück bestand der Adler aus einem glatteren Gestein als der restliche Turm, sonst hätte sie sich beim Gleiten sicher ein paar Schürfwunden und Löcher in ihrem Wams zugezogen.
Und dann saß sie auf dem leeren Vorsprung und sah mit offenem Mund und fast genau so weit offenen Augen da, wie der Steinadler davon flog und in einer eleganten Kurve um den Turm der Universität zu kreisen begann.
„… Magier*innen …“, murmelte sie.
Ein paar Minuten später hatte sie sich körperlich wie geistig genug erholt, oder hoffte das zumindest, und hängte sich wieder in eine der Fugen. Wie ihre Finger jetzt sofort schon wieder schrien und jammerten, sowohl ob der Belastung ihrer Muskeln und Sehnen, als auch des Schmerzes von dem scheuernden porösen Stein, war kein gutes Zeichen. Aber sie wollte auch nicht warten, bis das Adlermonster zurückkehrte und vielleicht doch noch entschied, dass sie ein gutes Abendessen abgab.
Zu schade, dass auch ihr Kletterpuder nicht mehr da war. Aber erst einmal waren ihre Finger auch so noch trocken genug.
Mussten sie ja sein.
Laia biss die Zähne zusammen, versuchte, an etwas Schönes zu denken, verlagerte Gewicht auf die rechte Hand und, so gut es ging, den rechten Fuß, dessen nackte Zehen sich verzweifelt nah an einem Krampf in eine Wölbung des vermaledeiten Felsens krallten, um den Händen ein bisschen Last abnehmen zu können.
Und dann konnte sie mit etwas Schwung die linke Hand ein kleines Stück weiter schieben.
Laia stöhne.
‚Und jetzt das Gleiche abwechselnd nur noch rund 287mal, dann hast du’s geschafft.‘
Vielleicht war sie einfach die unvernünftigste Einbrecherin der Welt, vielleicht musste sie sich den Tatsachen stellen. Aber es nützte nichts. Er stöhnend, dann schnaufend, dann schluchzend und zwischendrin schreiend schob sie sich weiter die Wand entlang, und als sie den nächsten Balkon sah, war das das Schönste, was sie je gesehen hatte, und die Erleichterung, die sie durchflutete, vielleicht die größte, die sie je empfunden hatte.
Nur noch ein paar Meter. Nur noch ein paar Meter.
Ihre Finger waren jetzt nass. Sie fühlte den Schweiß ihre Ärmel und überhaupt überall hinablaufen. Sogar ihre Haare waren nass.
Aber sie schaffte es. Gerade so. Mit letzter Kraft schleppte sie sich über die Brüstung des neuen, riesigen, wunderschönen, dankenswerterweise auch völlig menschenleeren Balkons, ließ sich von dort auf den Boden fallen und lag dort erst einmal nur atmend, in den Sternenhimmel über sich sehend, und streckte ihr schmerzenden, kreischenden Hände und Füße, und lachte und war stolz auf sich.
Sie wusste nicht genau, wie lange es gedauert hatte, bis sie die Gestalt wahrnahm, die über ihr stand, und die durch die offene Tür auf den Balkon herausgetreten sein musste. Sie stand über Laia und schaute auf sie hinab.
Es war zu dunkel, um Einzelheiten zu erkennen, aber sie trug eine Robe mit glühenden magischen Symbolen drauf – natürlich – und im Gesicht anscheinend eine Art Maske, die es so aussehen ließ, als würden ihre Augen gelblich leuchte.
‚Magier*innen ….‘
„Hallo“, keuchte Laia, „Ich … Ich suche die Verleihungszeremonie?“
Der Kopf und die Schultern der Gestalt bebten in einer Reaktion, die ein leises Lachen hätte sein können, aber Laia hörte noch zu laut das eigene Blut rauschen. Sie hob eine Hand und wies in Richtung der offenen Balkontür.
„Die Zeremonie ist vorbei“, antwortete sie in einer freundlichen hellen Stimme, die sonderbar nah und klar klang, als spräche sie direkt in Laias Ohr, „Die öffentliche Feier findet in der Festhalle statt. Folge einfach den Geräuschen und den Bediensteten mit den Tabletts.“
„Danke …“
Laia rappelte sich auf, obwohl sie eigentlich lieber noch ein paar Wochen hier liegen geblieben wäre, und stakste davon, von ihrem Stolz getrieben, sich nicht zu deutlich anmerken zu lassen, wie sehr ihr alles weh tat.
An der Balkontür hielt sie noch einmal inne und drehte sich nach der Person auf dem Balkon um. Die stand immer noch so da wie zuvor und schaute nachdenklich auf den steinernen Boden vor sich.
‚Magier*innen …“, dachte Laia, und eilte davon, hoffentlich in Richtung der richtigen Festhalle.

Lesegruppenfragen, die eh niemanden interessieren, ich mich aber verpflichtet fühle zu machen, weil Interaktivität ist doch das Spannende an diesem Internet-Dingens

  1. Da ist ja jetzt eigentlich nichts passiert. Hats euch gestört?
  2. Hättet ihr gerne mehr klettermechanische Details gehabt?
  3. Was denkt ihr so von Laia?
  4. Wie findet ihr das Design der Universität?

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