Yanis (3)


Läuft doch schon mal besser als beim letzten Mal, oder? Ich hoffe, es gefällt euch auch ein bisschen. Also. Dir. *Schulterzucken*

Viel Spaß!

 Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.

Im zweiten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.

Was heute geschieht

„Ich …? Oh nein, Herrin, ich bin nur eine Botin, kein Funken übernatürlicher Gaben. Und … wo ich es gerade sage: Ich muss dann auch weiter. Habe eine Botschaft zu überbringen!“
„Was für eine Botschaft denn?“, fragte Yanis. „Ich dachte, du willst nur einen Freund besuchen?“
Hatte das jetzt zu schroff geklungen? Sie war nie gut darin gewesen, Gespräche anzufangen.
„Es ist beides, Herrin“, sagte die Botin mit gesenktem Blick.
Yanis seufzte. Ja. War wohl zu schroff gewesen.
„Ich habe das Glück, eine Botschaft für die Universität überbringen zu dürfen, während ich sie ohnehin besuchen will. Und es tut mir wirklich sehr leid, Herrin, es ist eine wirklich eilige Botschaft, deshalb bin ich auch so früh aufgebrochen. Habt Ihr noch weitere Fragen?“
Yanis zögerte kurz. Sie hatte doch wirklich nur plaudern wollen. Die Botin war … Ja, irgendetwas an ihr machte sie Yanis sehr sympathisch. Und ja, es war natürlich auch, dass sie einfach eine sehr hübsche Botin war. Aber irgendwie …
Egal. Sie hatte klar gemacht, dass sie gehen wollte, und hoffentlich wenigstens auch wirklich gehen musste.
Yanis hatte es vergeigt.
„Hm“, machte sie. „Dann … gute Reise. Tut mir leid, dass ich dich aufgehalten habe.“
„Danke, Herrin!“
Sie hatte lange keinen Menschen mehr so erleichtert klingen hören wie die Botin jetzt gerade. Yanis war so wütend auf sich selbst, dass sie schreien wollte. Aber sie hatte so einen Verdacht, dass das die Situation nicht wesentlich verbessern würde.
„Warte bitte!“, rief sie der jungen Frau hinterher. „Ich … Ich halte dich nicht lange auf, versprochen! Ich wollte nur noch eins kurz sagen: Entschuldige bitte, dass ich dich so angesprochen habe. Ich wollte nur nett sein, aber ich bin nicht gut darin. Ich hab gestern Abend die ganze Zeit immer wieder zu dir rüber gesehen und ich wollte … Ich … Ich kann einfach nicht … Ich …“
Mit wachsendem Entsetzen sah Yanis zu, wie das Gesicht der Botin vor ihren Augen zu verbrennen begann, wie sich Blasen unter der Haut bildeten, die schnell schwarz wurden, und ihr Mund …
Mit einem Halb-Stöhnen-halb-Schrei erwachte Yanis.
Schwer atmend richtete sie sich in ihrem Bett auf, soweit sie konnte, und rümpfte die Nase. Inzwischen war es soweit, dass sogar sie selbst sich und die Wäsche riechen konnte.
Es war wieder dieser Traum gewesen. Den hatte sie oft gehabt, aber das war bisher das schlimmste Ende gewesen.
Gruselig.
Sie griff nach dem Lappen, der neben ihrem Bett lag, und wischte damit an dem herum, was von ihrer Nase übrig war.
Es tat weh, denn die Haut war immer noch empfindlich und wund, aber das juckig-kitzlige Gefühl ihrer permanent laufenden Nase machte sie rasend.
Sie fühlte sich danach nicht unbedingt trockener oder sauberer an, aber …
Yanis schloss die Augen und atmete tief durch, einmal, zweimal, dreimal.
Moment. Wurden Botinnen eingesetzt, die zu Fuß so weite Strecken zurücklegten? Hatten die nicht Pferde …?
Egal. Es war vorbei.
„Ikrezia?“, rief sie, „Bist du da?“
„Ich bin immer da, Mäuschen, ich bin immer da!“
Die alte Frau schlurfte in das Zimmer und hatte die Balsam-Pastille schon in der Hand.
„Hier“, sagte sie.
Yanis biss die Zähne zusammen – so gut sie das noch konnte – und widerstand dem Reflex, die eigene Hand danach auszustrecken.
Stattdessen schüttelte sie den Kopf.
„Nein“, sagte sie, und es widerte sie ziemlich an, wie schwer ihr das fiel, wie ihr Hals enger wurde dabei, wie sie zu schwitzen begann, während sie … Nein. Nicht jetzt. „Zeig mir einen Spiegel. Bitte. Ich will es sehen.“
Die alte Frau kicherte.
„Die alte Ikrezia hat keinen Spiegel. Nicht mehr viel Eitelkeit übrig, hier in meiner Hütte … Aber ich kann dir deinen Helm bringen, Mäuschen. So schön blitzeblank, der wirds doch sicher auch tun.“
„Mhm. Ja.“
Yanis graute davor, sich ausgerechnet in ihrem Helm zu sehen, aber sie wollte es vor der alten Heilerin nicht zugeben.
„Ich hol ihn dir.“
Es dauerte nicht lange, bis Ikrezia wieder in das Zimmer watschelte. Der Helm wirkte grotesk riesig, wie sie ihn so in beiden Händen vor sich schleppte.
„Hier, Mäuschen. Aber erschrick dich nicht. Hast dich ein bisschen verändert, weißt du.“
Yanis atmete noch einmal tief durch, nahm Ikrezia den Helm ab, schloss noch einmal die Augen … und schaute hinein.
Sie wusste nicht recht, was sie eigentlich fühlte.
Es war eine Art … kaltes Entsetzen.
Der Anblick war auf der einen Seite nicht ganz so schlimm, wie das unbestimmte Schreckensbild ihrer Angst. Das war die Realität ja selten.
Aber er war sehr nah dran.
Yanis sah aus wie ein Spanferkel. Ihre einst gerade, perfekt geformte, königinliche Nase war ein Krater, ihre Lippen waren ein paar rissiger, ausgefranster, eitriger Raupen, ihre Stirn und Wangen ein bunt schillerndes Netzwerk nässender Brandnarben. Von ihrer lockigen rote Löwinnenmähne war nichts mehr übrig als ein paar verkohlte Stoppeln, und ihr rechtes Ohr war nichts mehr als ein zerschlissenes hautenes Segel, das schlaff an ihrem Kopf herunterhing. Ihre Nase war nur noch ein nässender Krater, aus dem ein kleines Rinnsal rötlichen Schleims lief.
Sie wusste nicht, ob sie es mehr ihrer Geistesgegenwart oder ihrer Verzweiflung zuschreiben sollte, dass sie sich an etwas … Vernünftiges, nicht schreckliches klammerte, während sie in dieses Elend schaute, das einmal ihr Gesicht gewesen war.
„Meine Augen“, murmelte sie. „Warum kann ich noch sehen? Warum sind meine Augen nicht wie meine Nase?“
Ja, Yanis sah nicht scharf, ihr Blick war milchig und verschwommen. Aber sie sah.
Ikrezia kicherte.
„Kluges Mäuschen. Sehr kluges Mäuschen. Die alte Ikrezia ist eine groooße Heilerin, weißt du?“ Sie breitete die Arme aus und wedelte spöttisch mit ihrem zerfransten alten Umhang. „Eine mächtige Heilerin, mit altem, geheimem Wissen. Deshalb kann die alte Ikrezia vieles, was andere Heiler*innen nicht können.“
Sie machte eine Pause, zuckte bedauernd die Schultern und ließ den Umhang fallen.
„Aber nicht alles. Auch die alte Ikrezia muss sich entscheiden, was sie tut, und was sie lässt. Und wegen deines großen Schwerts hat die alte Ikrezia gedacht, dass die Augen dir wohl wichtiger sind als die Nase.“
Yanis seufzte.
„Was glaubst du, wann ich … Nein, ich … Nicht jetzt.“ Ikrezia hatte ihr schon wieder die Pastille hingehalten. Verdammt, es fiel ihr so schwer, sie abzulehnen, und es gefiel ihr überhaupt nicht, sie musste das in den Griff kriegen, das ging so nicht. Obwohl … Sie war ja wirklich sehr schwer verletzt. Später. Gleich. „Was glaubst du, wann ich weiter reisen kann? Ich … will nicht undankbar sein, aber ich will auch deine Gastfreundschaft nicht überreizen, und ich bin eigentlich auf einer Mission unterwegs.“
Ikrezia schaute mit einem vorsichtig provokanten Lächeln zu ihr auf.
„Mach dir keine Sorgen, Mäuschen“, antwortete sie, „Ikrezia freut sich über zahlende Kund*innen, und Ikrezia weiß, dass du bezahlen wirst für alles, was die alte Ikrezia für dich getan hat!“
Ach ja? Yanis‘ erster Reflex war Trotz, aber sie musste zugeben, dass die Heilerin ihr Leben gerettet hatte. Natürlich sollte sie dafür den gerechten Lohn erhalten. Die Legion würde sie sicher gut bezahlen.
„Aber“, fuhr die Greisin fort, „um deinetwillen solltest du bald aufbrechen. Heute noch, wenn du kannst. Tut einem Körper nicht gut, lange im Bett zu bleiben, und gerade so einem schönen, kräftigen wie deinem. Wäre schade um all die Muskeln.“
Warum hatte Yanis permanent das Gefühl, dass Ikrezia sich über sie lustig machte? Was war denn das für eine Haltung für eine Heilerin?
Aber sie wagte nicht, es anzusprechen. Die Pastille in Ikrezias Hand … Nicht jetzt.
„Meinst du denn … Ich kann heute schon …?“
Sie schaute an sich herab.
Ikrezia nickte.
„Wird Zeit. Wird noch dauern, bis alles ganz heil ist, wird lange dauern.“ Behutsam strich sie über Yanis‘ Kopf, und es war nicht nur wegen der Wunden eine der widerlichsten Liebkosungen, die Yanis je erhalten hatte. „Aber die Bewegung wird dir gut tun, und s Liegen ist auch nicht gut. Wirst schon wieder.“
„Kamete“, murmelte Yanis, als es ihr einfiel. Sie schämte sich, dass sie jetzt zum ersten Mal daran dachte. „Mein Pferd! Ist sier …?“
Die Alte strich wieder über ihren Kopf, und Yanis erschauderte.
„Ist im Stall der Schänke, hat’s warm und trocken, und wahrscheinlich besseres Essen als du!“
Ikrezia kicherte.
„Wartet nur darauf, dass du wieder aufsteigst.“
„Dann … steige ich wohl besser auf.“
Vorsichtig schob Yanis die Beine über die Bettkante und stemmte den Oberkörper hoch.
Die alte Heilerin zog einen Beutel aus einer Tasche hervor und hielt ihn ihr hin.
„Hier, Mäuschen, die nimm noch mit, geschenkt von der alten Ikrezia, weil du so tapfer warst und den kleinen Godoan retten wolltest, aber nimm sie nur, wenn’s de wirklich musst, gewöhnst dich sonst schnell dran und kommst nicht mehr los, Mäuschen, armes Mäuschen, hässlich, armes Mäuschen, steig schnell aus dem Bett und auf dein Pferd, bevor die alte Ikrezia weinen muss.“
*****************************
Yanis strampelte die Decke von sich und stöhnte und fluchte zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch und stand auf, um wenigstens hin und her tigern zu können.
‚Es tut nicht mehr weh‘, sagte sie sich.
‚Es tut nicht mehr weh. Es juckt nur noch ein bisschen hier, und es brennt noch ein bisschen da, aber es tut nicht mehr weh.‘
Aber sie konnte trotzdem nicht schlafen.
Natürlich half es nicht, dass sie im Wald auf dem Boden lag, aber sie hatte einfach keine Lust gehabt auf die Gesichter und das Getuschel, wenn sie in ein Gasthaus eingekehrt wäre.
Zumindest was die Gesichter anging, wahrscheinlich ein Gefühl auf Gegenseitigkeit, dachte sie mit einem bitteren Auflachen.
Yanis hatte sich vorgenommen, keine von den verdammten Pastillen mehr zu nehmen.
Sie schämte sich dafür, dass sie die alte Kräuterhexe so darum angebettelt hatte. Es gefiel ihr nicht, dass sie sich den ganzen Tag darauf gefreut hatte, abends wieder eine von den kleinen violetten Pillen essen zu können und diese Wärme und Geborgenheit und… Zufriedenheit in sich aufsteigen zu fühlen.
Da hatte sie entschieden, keine zu essen.
Aber nun lief sie hier im Halbdunkel des Mondes auf und ab und konnte nicht schlafen. Seit Stunden konnte sie nicht schlafen. Weil alles juckte und brannte, und weil sie sich sorgte, weil sie wusste, dass sie viel zu spät kam mit der Botschaft und weil sie nicht wusste, ob die Schriftrolle in dem rußgeschwärzten Metallkästchen überhaupt noch lesbar war. Sie fürchtete sich vor der Missbilligung der Offizier*innen und vor der Schande, bei ihrer ersten Mission so vollkommen versagt zu haben.
Aber sie wusste, dass morgen ein weiterer harter Tag mit weiter Strecke vor ihr lag, und dass sie alle ihre Kraft brauchen würde, um trotz ihrer noch nicht ganz geheilten Wunden ihr Ziel erreichen zu können.
Kraft, die ihr fehlen würde, wenn sie nicht schlafen konnte.
Sie hatte bei ihrer kurzen Mittagsrast einen Blick in eine Pfütze geworfen, und ihr war beinahe schlecht geworden
Das Bild in ihrem Helm im Bett in Ikrezias Hütte war schrecklich gewesen, aber es hatte sich … anders angefühlt. Sie hatte im Bett einer Heilerin gelegen. Sie hatte ihre Wunden begutachtet. Sie hatte zum ersten Mal ihre Verletzungen selbst gesehen.
Aber jetzt, danach unter freiem Himmel, am Rand einer Straße, kurz vor dem Essen, begann in ihre die Erkenntnis zu reifen, begann Yanis wirklich zu verstehen, dass das nicht eine Verletzung war wie ein verstauchter Knöchel oder ein Schnitt an der Schulter, die verheilen würde und die sie dann vergessen konnte, sondern dass das jetzt ihr Gesicht war.
Dass sie für den Rest ihres Lebens jemand sein würde, von dem Menschen sich angeekelt-mitleidig abwenden würden. Dass sie niemals wieder in der Lage sein würde, Ehrfurcht und Respekt vor den Shiu-Hzim zu wecken. Dass …
Oder?
Vielleicht …
Sie lachte noch einmal auf. Ihre Nase war ein verwachsenes Loch in ihrem Gesicht, aus dem ein beständiges Rinnsal aus Rotz lief. Sie war nicht blind, aber sie würde nie wieder ein Ziel auf 200 Schritte treffen.
Sie wusste nicht einmal, ob sie noch eine Shiu-Hzim sein konnte. Ihr graute vor dem Gedanken, in die Burg einzutreten und unter die Augen der anderen zu treten.
Und an Icara konnte sie noch nicht einmal denken.
Icara …
Mit einem fransigen feuchten Seufzen, das nicht ganz ein Schluchzen war, öffnete Yanis den Beutel mit den Balsam-Pastillen, nahm eine heraus, zögerte, nahm eine zweite und zerkaute die beiden harten kleinen Kügelchen hastig, als müsste sie es vor jemandem verstecken.
Aber Yanis war alleine.
*****************************
Am nächsten Tag brachen einige ihrer Wunden auf und begannen, übelriechende Flüssigkeit zu suppen. Es schmerzte fürchterlich, und es wurde nicht besser dadurch, dass sie sich selbst unbarmherzig antrieb und keine Pause gönnte. So nahm sie auch an diesem Abend wieder eine der Pastillen – aber nur eine! -, um schlafen zu können, um sich ein wenig zu beruhigen, und um die Schmerzen erträglich zu machen. Vier weitere Tage vergingen, bis Yanis schließlich ihr Ziel erreicht hatte.
Vier weitere Tage brauchte sie für den Ritt zurück.
An jedem Abend gab es einen Grund, eine oder zwei Pastillen zu essen, und Yanis fand im Laufe der Tage auch viele Gründe, aus denen das kein Problem war.
*****************************
„Ist dir klar, Yanis, wie viele Leben deine Saumseligkeit hätte kosten können, wenn diese Botschaft etwa eine Warnung vor einem Angriff gewesen wäre? Oder ein Marschbefehl dier Präsident*in?
„Ich… ja, aber…“
„Aber? Aber? Aber was?“
Die Kälte und Verachtung in der Stimme und den Augen der Kommandantin überraschte und verwirrte Yanis. Sicher, sie hatte nicht unbedingt mit einem Lob dafür gerechnet, dass sie ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt hatte bei dem Versuch, ein anderes zu retten. Das war zwar sicher im Sinne der Göttin, aber es hatte ihre Mission gefährdet, und die Mission war, worauf es ankam.
Ganz bestimmt hatte sie nicht mit Trost für ihre Verstümmelung und ihr Leiden gerechnet. Sie hatte sogar durchaus Tadel erwartet dafür, dass sie die Botschaft eine Woche zu spät überbracht hatte.
Sie hatte sogar mit Konsequenzen gerechnet. Natürlich würde sie bestraft werden.
Aber der Tonfall der Kommandantin, die Mimik der Kommandantin, der Ekel in ihren Augen ließen Yanis frösteln.
Sie hatte kein Mitglied erwartet. Sie wollte kein Mitleid. Tatsächlich war Mitleid wahrscheinlich das einzige, was noch schlimmer gewesen wäre als die Abscheu.
Aber sie hatte auf ein bisschen Verständnis gehofft, das schon. Sie hatte nicht erwartet, dass die Kommandantin sie ansehen würde wie irgendein Ungeziefer, und mit ihr reden würde, als hätte sie sich aus reiner Pflichtvergessenheit und aus schierem Jux verspätet. Natürlich konnte sie ihr das nicht sagen.
„Kein Aber, Kommandantin. Ich habe versagt und erbitte eine harte Bestrafung.“
Die Kommandantin nickte.
*****************************
Zwei Monate nächtlicher Wachdienst. Nach der harten Maßregelung war die Strafe beinahe eine Erleichterung gewesen. Heshija hatte ihr erklärt, dass sie die Verstümmelung ihres Gesichts auf die Strafe angerechnet hatte. Immerhin.
Yanis kaute nervös auf ihrer Unterlippe herum, während sie voller Zweifel und Sorge und – ja, auch vager Hoffnung – die Treppe hinaufstapfte.
Yanis graute sehr vor dem Ausdruck in Icaras Gesicht, wenn sie sah, was mit ihr passiert war. Icara war immer sehr bedacht gewesen auf Äußerlichkeiten, und sie würde gewiss sehr erschrecken. Sie würde … Yanis‘ Atem geriet ins Stocken, nicht wegen der Stufen, als sie darüber nachdachte, dass Icara gewiss auch Ekel empfinden würde. Natürlich würde sie das. Wäre die Situation umgekehrt, würde Yanis selbst sich über die Aussicht freuen, in Zukunft diesen Krustenbraten zu küssen, der jetzt ihr Antlitz war?
Aber … Vielleicht wäre da ja auch ein bisschen Raum für Freude. Sicher hatte Icara sich Sorgen gemacht. Yanis mehr als doppelt so lange fort gewesen wie für ihre Mission geplant gewesen war. Und sicher, es war nicht die gefährlichste Reise in der Geschichte des Ordens, aber Gefahr lauerte überall.
Sicher würde Icara auch erleichtert sein, sie wiederzusehen.
Und Yanis brannte auch darauf, jemandem von ihren Erlebnissen erzählen zu können. Jemandes Meinung zu hören. Vielleicht sogar ein bisschen Zustimmung zu bekommen, weil sie ihr Bestes getan hatte. Ein bisschen Verständnis. Das reichte ihr schon.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ihr so richtig klar wurde, dass sie jetzt schon eine ganze Weile einfach vor ihrer Tür stand und mit großen Augen das Holz angaffte.
„Genug“, murmelte sie, und zwang sich, sie zu öffnen, das Beste hoffend.
Das schüchterne Lächeln in Yanis’ Gesicht starb einen kurzen, aber schmerzhaften Tod, als sie Icaras Augen sich weiten sah. Für einen Moment zog sie sogar angewidert die Nase kraus und ihre Oberlippe empor.
„Was willst du, scher dich ra-“, begann Icara, und stockte.
Sie zog die Brauen zusammen.
Sie trat einen Schritt näher, und ihr Gesicht durchlief in schneller Folge Verwirrung, Zweifel, plötzliches fassungsloses Verstehen, Entsetzen, dann wieder Ekel, vielleicht einen kurzen Moment sogar so etwas wie Trauer, blieb aber schließlich bei Ekel und Verachtung hängen.
„Tombras Schwert, was ist mit dir passiert?“ zischte sie.
Yanis nahm einen tiefen Atemzug, und wollte beginnen, es zu erzählen.
„Ich habe…“
„Das ist ja grauenvoll!, rief Icara, als hätte sie gerade einen Krug in der Küche geöffnet und vergorene Milch darin gefunden.
„Icara, ich… Ich dachte, wir könnten vielleicht…“
„Du hast da was an Oberlippe, Yanis.“
Der Tonfall. Es war der gleiche angewiderte, hasserfüllte Tonfall wie bei Heshija. So kalt. So entsetzlich kalt, dass Yanis zitterte.
Seit ihre Nase zerstört war, lief ihr permanent Rotz übers Gesicht. Sie spürte es oft nicht, weil ihr Gesicht fast nur noch aus Narben bestand, aber sie wusste es. Und oft kitzelte es ganz schrecklich. Sie wischte sich mit einem Arm über den Mund und betrachtete mit einem Schulterzucken den Schleim auf ihrer Haut.
„Uäh!“ Icara schauderte und wandte ihren Blick ab.
„Sind Narben jetzt etwas, für das wir uns schämen müssen?“, fragte Yanis, aber sie klang dabei nicht halb so stolz und trotzig, wie sie gerne gewollt hätte. Sie klang unsicher und weinerlich, als wüsste sie es wirklich nicht, als hätte sie Angst vor der Antwort.
Icara sah sie an, mit geschürzten Lippen, und wandte sich schließlich ab.
„Auf Narben aus einer Schlacht können wir stolz sein“, antwortete sie, aus dem Fenster blickend, „Aber so was… Du bist eine Vogelscheuche! Kannst du nicht wenigstens eine Maske aufsetzen?“
Noch bevor ihr richtig bewusst geworden war, was sie vorhatte, hatte Yanis ihr einen wuchtigen Kinnhaken versetzt, der Icara gegen die Wand schleuderte.
Es war immerhin sehr einfach gewesen, sie zu treffen. Wer seinen Blick abwandte, sah den Angriff nicht kommen.
Icara schlug hart mit ihren Kopf gegen den Granit und sah Yanis mit glasigen Augen an. Yanis setzte ihr nach, packte sie, hob sie an und schlug sie noch einmal kräftig gegen die Wand.
„Nimm deine Finger weg, du Untier“, zische Icara und trat nach Yanis.
Sie versuchte nicht einmal, auszuweichen und spürte den Schmerz des Tritts kaum.
Icara war wie jede Shiu’Hzim eine Kriegerin, die von Kindheit an gelernt hatte zu kämpfen, und jede wache Stunde jedes Tages damit verbracht hatte, ihren Körper zu trainieren, aber vor Yanis war sie wehrlos, nur ein Spielzeug in ihren Händen.
Icara war gut. Aber das war viel zu wenig.
Sie zappelte, und stöhnte, sie trat und fluchte, aber Yanis hielt sie wie eine Erwachsene einen wütenden Säugling.
Erst als Icara sie anspuckte, warf Yanis sie schließlich zu Boden, und sie war frei. Rücklings krabbelte Icara weg von ihr, in Richtung Ausgang.
„Wenigstens kann jetzt jeder gleich sehen, was für eine ekelhafte Sau du bist“, stieß Icara hervor, bevor sie aufsprang und die Tür hinter sich ins Schloss warf.
Yanis stand sehr lange einfach nur da und starrte die Tür an, und fragte sich, was geschehen war. Warum …? Wie …?
Erst als sie bereits eine der Pastillen hervorgeholt hatte, bemerkte sie, dass ihre Rechte Hand in ihre Tasche geglitten war, als hätte sie einen eigenen Willen.
Sie wollte das verdammte Ding. Sie wollte das gute Gefühl, sie wollte die Entspannung, und sie wollte nicht mehr über das nachdenken, was aus ihrem Leben geworden war.
Aber sie durfte nicht.

Lesegruppenfragen
1. Hättet ihr es besser gefunden, wenn ich genauer gesagt hätte, was in dem Beutel ist, den Ikrezia Yanis gibt?
2. Sympathisiert ihr einiegermaßen mit Yanis?
3. Hat euch der Perspektivwechsel zum Gespräch mit Laia am Anfang des Kapitels eingeleuchtet?
4. Wie seht ihr Icara?

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