Yanis (2)


So, heute wirds ernst, heute kann ich mich nicht verstecken, mit dem heutigen Kapitel bin ich ziemlich zufrieden. Wenn euch das auch nicht gefällt, lest ihr wahrscheinlich am besten nicht weiter. Aber schön Feedback geben trotzdem, ja?

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.

Was heute geschieht
Laia lief ein Schauder über den Rücken, als sie die Schritte hörte, einfach aus alter Gewohnheit. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie hier in der Gegend gerade niemand suchte, aber dieses verflixte Stiefelklacken ließ sie immer sofort an die Garde denken. Aber sogar wenn sie nicht ihretwegen hier waren, konnte das eigentlich nicht sein. Dieses Kaff hatte höchstens 30 Bewohner*innen. So kriminell konnten die gar nicht sein, dass sie acht Gardist*innen gebraucht hätten.
Als die Tür sich öffnete, musste Laia sich trotzdem sehr zusammenreißen, um nicht zu offensichtlich zu gaffen.
Gardist*innen waren das nicht, aber sie wollte trotzdem ganz sicher nicht ihre Aufmerksamkeit erregen.
Natürlich hatte Laia von den Shiu-Hzim gehört. Einmal sollte sogar ein Zug von ihnen in Lichternach gewesen sein, um eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem Bürgermeister und der Fürstin aufzulösen, aber davon hatte sie nur gehört. Vielleicht hatte Larek damals auch nur was Aufregenderes erzählen wollen, als dass er einen Trupp Söldner*innen gesehen hatte.
Aber dies war das erste Mal, dass sie leibhaftig welche sah. Gleich die ersten zwei waren aber auch wirklich grotesk heroische Gestalten. Zwei junge Frauen mit wallenden Haaren, die eine blond, die andere rothaarig, in diesen absurd glänzenden Rüstungen mit den vielleicht lächerlichsten Helmen, die Laia je gesehen hatte. Sie mussten sich bücken beim Eintreten in den Schankraum, und trotzdem streiften ihre peinlichen Haarbüschel da drauf trotzdem noch den Türrahmen.
Die Stiefel, die Laia schon von draußen gehört hatte, sahen geradezu skandalös unbequem aus. Sie reichten bis zu den Knien und … Irgendwas goldbronzeglänzendes war da auch noch dran? Laia war nicht sicher, ob es nur mit Scharnieren drumherum gelegt war, oder fest mit den Stiefelschäften verbunden, aber jedenfalls stellte sie es sich als einen Albtraum vor, die Dinger an- und auszuziehen.
Das einzige, was diesen beiden Abziehbildern ihrer Kriegsgöttin noch fehlte, waren mächtige Schwingen an den Schultern und so flackernde Feuerauren, oder gleißende Flammen, die ihnen aus Augen und Mund schlugen, oder sowas.
Die sechs anderen, die ihnen nachfolgten, sahen nicht alle so übertrieben absurd perfekt aus, waren aber naturgemäß in die gleichen Rüstungen gehüllt, von denen wahrscheinlich schon eine gereicht hätte, um Laia für die nächsten zehn Jahre ein luxuriöses Leben zu finanzieren.
Sie bemerkte mit einer gewissen Genugtuung, dass immerhin beim sechsten die Rosshaarbürste (oder was das halt war) auf dem Helm ein bisschen seitlich zusammengesackt war, und die Shiu-Hzim nach ihm hatte sogar ein bisschen Schlamm am rechten Stiefel.
Laia erinnerte sich an ihren Vorsatz, die legendären Krieger*innen nicht zu offensichtlich anzugaffen.
Zwar war sie ziemlich sicher, dass sie daran gewöhnt waren, angegafft zu werden, aber andererseits war Laia wie alle Kleinen Leute auch sehr daran gewöhnt, dass die Größeren Leute sie manchmal aus guten Gründen bestraften, oft aus schlechten, und oft sogar ganz ohne, und dass es deswegen am sichersten war, gar nicht von ihnen wahrgenommen zu werden.
Laia lebte davon, nicht wahrgenommen zu werden.
Sie versank in den Schatten der Ecke des Schankraums, aß ihren Gersteneintopf und erlaubte sich für den Rest des Abends nur noch gelegentliche Blicke zu dem Heiligengemälde am besten Tisch des Hauses.
Der Gersteneintopf war aber auch wirklich gut. Laia verstand nicht viel vom Kochen, aber jedenfalls schmeckte die Brühe richtig schön aromatisch, der Speck war nicht nur labberig und/oder zäh, sondern es hing richtig Fleisch dran, die Graupen waren gar, aber nicht völlig zerkocht …
Was auch immer man Schlechtes über dieses Kaff sagen konnte, das Gasthaus war gut.
Und heute Abend sogar mit kostenlosem Theater.
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Alles war perfekt.
Sie hatte genau im richtigen Moment den Geldbeutel des Pfeffersacks leicht angehoben, damit der Unterschied nicht so deutlich spürbar war, wenn er verschwand. Sie hatte den Lederriemen, an dem er am Gürtel hing, genau richtig mit zwei Fingern erwischt, um ihn ein bisschen anzuspannen, in genau dem perfekten Maß, und das Messer, das sie zumindest ihrem Gefühl nach die Hälfte eines jeden Tages schärfte und pflegte, glitt durch den Riemen wie durch warme Butter, weil sie es mit genau der richtigen Bewegung am genau richtigen Ort in genau der richtigen Geschwindigkeit hindurch zog – und dann rempelte die verdammte Fleischerin mit ihrer Kiepe voller Würste Laia und den Pfeffersack an und klemmte Laias Hand ein – auf der einen Seite ein talgiger Schinken, auf der anderen die Kiepe mit Würsten, hähä.
Doch der Anflug von Humor flog schnell wieder ab, als Laia den erstaunlich spitzen Schrei des Pfeffersacks hörte und erkannte, dass ihr Versuch, an seinen Geldbeutel zu kommen, nicht nur gerade wesentlich weniger unauffällig geworden war, sondern sogar auf sehr dramatische Art gescheitert, denn die Kiepe hatte nicht nur Laias Hand gegen, sondern auch das herrlich scharfe schlanke Messerchen in den talgigen Schinken des Händlers gepresst.
Kein Wunder, dass der Kerl gekreischt hatte wie … Naja.
Laia musste nicht lange überlegen, was zu tun war. Das war eigentlich das Schöne an ihrer Profession. Wenn etwas nicht geklappt hatte, gab es eigentlich immer nur eins: Schnell weg.
Und eigentlich galt das sogar auch dann, wenn etwas doch geklappt hatte, nur mit ein bisschen weniger Betonung auf dem „Schnell“ und ein bisschen mehr auf dem „weg“, aber im Prinzip war es das gleiche.
„Ein Attentat! Ein Anschlag! Hilfe! Hilfe! Wache!“, hörte sie den weinerlichen Wicht hinter sich noch krähen – ihr Messer war wirklich winzig, aus verschiedenen guten Gründen, sie hätte ihn wahrscheinlich nicht einmal ernsthaft verletzen können, wenn sie es ihm ins Auge gerammt hätte.
Na gut, immerhin hatte er noch nicht gemerkt, dass sie sein Geld hatte. Oder es war ihm vor lauter akuter Todesangst noch nicht wichtig genug.
…und da waren auch schon die Stiefel.
Natürlich.
Wenn im Grund jemand Hilfe brauchte, musste er*sie eine schriftliche Depesche per Reitendem Boten an die Garde schicken und konnte im Idealfall innerhalb weniger Wochen mit einer Reaktion rechnen.
Und so ein Bonze, der sich problemlos seine eigenen Söldner*innen leisten konnte und es wahrscheinlich sogar tat, musste nur einmal quieken, und schon kamen die anderen Schweine angerannt, um ihn zu beschützen.
Laia wunderte sich manchmal, dass sie es immer noch schaffte, enttäuscht zu sein von der Welt.
Aber sie schaffte es sogar während einer halsbrecherischen Flucht über den Marktplatz, während sie sich um Passant*innen herum schlängelte, sich grabschenden Händen entwand, Blockaden von mehreren beherzten Marktbesucher*innen umlief, indem sie unter Verkaufsständen hindurch hechtete und schließlich in eine schmale Gasse flitzte.
Laia war sehr stolz auf sich und ihre Fähigkeit, sich auf mehrere sehr fordernde Aufgaben gleichzeitig zu konzentrieren.
Weniger stolz war sie nach ein paar Schritten in der Gasse auf ihre Flucht. Auf dem belebten und nicht zuletzt wegen der zahlreichen „Haltet die Diebin!“ „Mord!“ „Meuchler überall!!“-Rufe auch sehr lauten Marktplatz war sie noch ziemlich zufrieden gewesen mit sich, aber in der wesentlich leiseren Gasse und im Hall der Häuserwände, die sie eingrenzten, hörte sie unverkennbar die Stiefel der Garde hinter sich. Gar nicht so besonders weit hinter sich.
Wie war denn das überhaupt möglich? Wie konnte ein Mensch von dem Verlangen, einen anderen Menschen zu fangen, der ihm nichts getan hatte, motiviert werden, genau so schnell zu rennen wie der andere Mensch, der um sein Leben lief?
Laia fühlte sich wieder einmal bestätigt in ihrem Verdacht, dass Gardist*innen keine besonders guten Menschen sein konnten.
So schnell sie konnte, rannte sie die Gasse entlang, und erreichte schließlich mit, wie sie hören konnte, etwas vergrößertem Vorsprung vor ihrem Verfolger*innen wieder eine größere Straße, in der die Passant*innen noch nicht alarmiert waren.
Noch nicht.
Natürlich riefen die Gardist*innen hinter ihr: „Haltet die Diebin!“, „Stop!“, „Haltet sie!“, und: „Lasst sie nicht entkommen!“, und stellten sie damit vor die unglückliche Wahl, weiter zu rennen, so schnell sie konnte, oder langsamer und damit auch weniger auffällig zu werden.
Aber immerhin hatte sie ein paar Sekunden, in denen sie sich unter die anderen mischen konnte, bevor die verstanden hatten, was los war.
Dadurch gewann sie wertvolle Strecke vor der hinter ihr her polternden und schnaufenden Garde, die sie noch ein wenig ausbauen konnte, bis sie schließlich das Backsteinhaus mit dem Fachwerk-Obergeschoss und den zwei spitzen Erkern erreicht hatte.
Inzwischen selbst auch ein wenig außer Atem stemmte sie die Arme in die Hüfte und erlaubte sich einen kurzen Blick zurück. Knapp 100 Meter Vorsprung. Zu wenig, um zu klopfen. Sie seufzte, nahm Anlauf, schwang sich über den Zaun, schob sich zwischen dem Haus und seinem Nachbarn hindurch in den schmalen Hinterhof, stieg über zwei Hühner zur Tür zur Küche, drückte dagegen – und fand sie zu ihrer Erleichterung unverschlossen.
„Ey, was willst d-“ begann Hagomir, sie anzublaffen, bevor er sie erkannte.
Seine Brauen zogen sich zusammen, und sein Mund schien nicht richtig zu wissen, ob er lächeln oder einen vorwurfsvoll-abweisenden Bogen in die andere Richtung bilden sollte.
Der vorwurfsvoll-abweisende Bogen errang einen schnellen Sieg, als das Pochen an der Tür und die Rufe begannen.
„Aufmachen, im Namen des Bürgermeisters! Sofort aufmachen!“
„Äääääh ignorier mich einfach, ich bin für Aki hier, vorne war zu. Sier … ist doch bestimmt da, oder?“
Hagomir stand kurz unentschlossen da und blickte von der Tür zu Laia. Er atmete sehr laut durch die Nase und schaute, als würde er nur noch kurz überlegen, wohin er jetzt den Feuerball spucken wollte.
„Im Salon“, spuckte er schließlich statt eines Feuerballs.
„Danke!“
Laia flitzte an ihm vorbei und traf Aki statt wie angekündigt im Salon im Flur.
„Warum wusste ich, dass sie deinetwegen da sind?“, fragte sier. „Ich schwöre, Laia, wenn ich dich noch öfter verleugnen muss, nehmen sie irgendwann einfach mich mit.“
„Dier große Akkado von Orenin ist doch viel zu wichtig, um einfach so abgeführt zu werden!“
„SOFORT AUFMACHEN!“
Aki verdrehte die Augen und schnaubte.
„Klingen die, als würden sie mich erst erklären lassen, wie wichtig ich bin?“
„Mmmmmhh… Nicht unbedingt?“
Aki nickte.
„Zum Glück“, erklärte sier, „habe ich Mittel und Wege, es Leuten schwer zu machen, mir nicht zuzuhören.“
Sier schritt beschwingt auf die Tür zu.
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Am nächsten Morgen beschloss Laia auf ihr Frühstück zu verzichten, obwohl sie Hunger hatte, und obwohl sie es mit dem Bett sogar schon bezahlt hatte.
Die verdammten Shiu’Hzim machten sie nervös. Leute in Uniform machten sie nervös. Leute mit Stiefeln machten sie nervös. Leute mit Helmen machten sie nervös. Leute großen, sichtbaren Waffen machten sie nervös. Und Leute, die einfach ganz natürlich davon ausgingen, dass jeder Raum, in dem sie sich befanden, ihnen gehörte, machten sie … Ja, auch nervös, aber sie erzeugten auch eine besondere Art Hass, mit der sie sich nicht wohlfühlte und die sie gerne vermeiden wollte.
Und ja, all die Rüstungsteile und Waffen waren sicherlich eine ganze Menge wert, nicht nur weil sie die besten der Welt waren und aussahen, sondern auch weil sie von echten Shiu’Hzim getragen waren.
Und der Gedanke an all das Silber war verlockend.
Aber Shiu’Hzim-Ausrüstung war auch nicht zufällig unbezahlbar: Eine Diebin, die sie stahl, musste entweder wirklich sehr gut, wirklich sehr verzweifelt, und wirklich sehr bald tot sein, und Laia fand maximal eines davon passend für sich, und auch das nicht genug, um tatsächlich den Zorn der Unbesiegbaren Legion zu riskieren.
Laia hatte generell gute Erfahrungen damit gemacht, nur Leute zu bestehlen, die nicht zu Organisationen gehörten, deren Name König*innen erschaudern ließen.
Hochmut war ein gefährliches Gift, und Laia wusste, dass sie gut war, aber … Sie versuchte, es nicht zu sehr zu wissen.
Außerdem machten die verflixten Shiu’Hzim sie nervös, und wenn sie nervös war, machte sie Fehler.
Außerdem würde sie eine ganze Menge Zeit sparen, wenn sie jetzt direkt aufbrach, und wenn sie sich auch sonst beeilte, konnte sie vielleicht einen halben Tag sparen, und damit eine Übernachtung unterwegs, und überhaupt sprach bemerkenswerterweise wirklich alles sehr dafür, jetzt sofort hier abzuhauen und diesen albernen Figuren hoffentlich nie wieder zu begegnen.
… und dann turnte natürlich eine von denen direkt hinter dem Gasthaus rum, keine zwanzig Schritte vor dem Ausgang, aus dem Laia unbemerkt hatte schleichen wollen. Die komplett unrealistische mit den roten Haaren, die als zweite reingekommen war. Und „Rumturnen“ war nicht nur eine flapsige Formulierung, sondern beschrieb tatsächlich einigermaßen, was die Kriegerin da machte.
In voller Rüstung, sogar mit dem lächerlichen Helm, fuchtelte sie mit ihrem Säbel herum, vollführte Sprünge, Schläge, Stiche, Ausweichbewegungen, sogar Rollen.
Laia stellte es sich als einen Albtraum vor, den Dreck und die Schrammen jeden Morgen aus der Ausrüstung rauszupolieren, aber sie musste zugeben, dass es ziemlich gekonnt aussah.
Sie hatte ihre eigenen Übungen und konnte deshalb ganz gut einschätzen, wie viel Kraft und Geschick für manche dieser Bewegungen nötig war. Sehr viel. Und die Kriegerin sah so aus, als würde sie eine gute halbe Laia mehr wiegen als Laia selbst. Und der Säbel war auch ein ziemlicher Trümmer. Trotzdem bewegte sie sich kein bisschen unbeholfen oder schwerfällig.
Götterverflucht, und jetzt hielt sie inne. Laia widerstand der Versuchung, sich selbst gegen den Oberarm zu boxen oder eine frustrierte Grimasse zu schneiden, und biss sich stattdessen nur auf die Zunge.
Sie hatte zu lange zugesehen, und jetzt hatte die Shiu’Hzim sie bemerkt. Und oh Himmel nein, jetzt kam sie sogar zu Laia rüber.
„Guten Morgen!“, sagte die Kriegerin, nur ein bisschen hörbar außer Atem.
„Seid gegrüßt, äh … edle … Kriegerin?“
Zu Laias Erleichterung lachte sie nur auf und ignorierte den Etikette-Unfall ansonsten.
„Ich hab dich gestern schon in der Schänke gesehen, oder? Da hinten in der Ecke?“
Sie gestikuliert vage in Richtung des Gebäudes.
„Ähm. Ja.“
Diesmal versuchte Laia gar nicht erst, die richtige Anrede für eine Shiu’Hzim zu benutzen. Ihr Vater hatte ihr auch die mal beigebracht, aber sie kam einfach nicht mehr drauf. Sie beschloss, sich stattdessen darauf zu konzentrieren, sich aus dieser noch unbestimmt bedrohlichen und außerdem auch extrem peinlichen Situation zu befreien.
„Wohin reist du?“
Was sollte das denn werden? Was ging sie das an? Shiu’Hzim waren keine Gardist*innen, es war nicht die Aufgabe dieser Witzfigur, Laia zu verhören! Und sie hatte nicht mal irgendwas gemacht oder sich auch nur verdächtig verhalten. Also, außer direkt zu Sonnenaufgang zur Hintertür rauszuschleichen … zu versuchen.
„Zur Lhysischen Universität“, antwortete sie trotzdem ganz folgsam und wahrheitsgemäß. Keinen Streit anfangen. Nicht auffallen. Nicht die Leute mit den Stiefeln provozieren. „Eine*e Freund*in von mir erhält in Kürze siere Kugel.“
Die Kriegerin sah Laia mit einem schwer zu deutenden Ausdruck in die Augen, aber jedenfalls beobachtete sie sie sehr intensiv.
‚Ich lüg doch nicht mal, geh jemand anders ankläffen!‘
„Bist du auch eine Magi?“
Laia lachte auf, bereute es sofort wieder und tat ihr Bestes, überhaupt nicht so auszusehen, als wolle sie sich über die falsche Vermutung und die Unwissenheit ihrer Gesprächspartnerin lustig machen.
„Ich …? Oh nein, Herrin, ich bin nur eine Botin, kein Funken übernatürlicher Gaben. Und … wo ich es gerade sage: Ich muss dann auch weiter. Habe eine Botschaft zu überbringen!“
„Was für eine Botschaft denn?“, fragte die Shiu’Hzim. „Ich dachte, du willst nur einen Freund besuchen?“
‚Ach hab mich doch gern! Es gibt vielleicht Leute, die es sich nicht leisten können, einfach zum Spaß 150 Läufe zu reisen, und es deshalb irgendwie mit ihrem Beruf verbinden müssen?‘
„Es ist beides, Herrin“, sagte sie mit gesenktem Blick und so unterwürfig, wie sie irgendwie konnte. „Ich habe das Glück, eine Botschaft für die Universität bringen zu dürfen, während ich sie ohnehin besuchen will. Und es tut mir wirklich sehr leid, Herrin, es ist eine wirklich eilige Botschaft, deshalb bin ich auch so früh aufgebrochen. Habt Ihr noch weitere Fragen?“
Die Kriegerin musterte sie abschätzend. Kurz schien sie zu überlegen, ob sie Laia nicht doch noch weiter auf den Zahn fühlen sollte, aber dann entspannte sich ihr Gesicht.
„Hm“, machte sie. „Dann … gute Reise.“ Nach einer Pause brummte sie noch, während sie sich abwendete: „Tut mir leid, dass ich dich aufgehalten habe.“
„Danke, Herrin!“
Laia war lange nicht mehr so schnell gelaufen.
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„Aki wieder, hm?“
Vater schaute halb-schmunzelnd-halb-missbilligend aus seinem Rollstuhl zu ihr auf.
„Dieser Zauberer wird eine schlechte Gewohnheit.“
„Aki ist nichtbinär. Sier ist ein*e Magi.“
„Auch gut. Diese*r Magi wird eine schlechte Gewohnheit.“
Laia ließ sich missmutig auf den Stuhl gegenüber ihrem Vater fallen und breitete die Arme aus in einer Geste der Ratlosigkeit.
„Was genau kritisierst du? Es war ein Unfall! Sowas passiert.“
„Aber vorsichtigeren Dieb*innen passieren viel weniger Unfälle. Du weißt das so gut wie ich.“
„Ich war nicht unvorsichtig!“
„Warum hast du dann die Fleischerin nicht rechtzeitig bemerkt?“
„Weil meine Augen vorne in meinem Gesicht sind statt an meinem Arsch!“
Die Augen ihres Vaters weiteten sich, und er legte den linken Zeigefinger an seine Lippen, mit einem mahnenenden Blick auf die Wände um sie herum.
„Ja, schon gut“, raunte sie, „Aber ich glaube eigentlich, die Nachbar*innen wissen alle schon, dass ich keine Augen am Arsch habe.“
Er sah sie an.
„Schon gut, ich sehs ja ein. Aber es ist wirklich nicht fair. Du warst nicht dabei, aber ich schwöre dir, ich hab alles richtig gemacht. Es war perfekt. Es war wunderschön. Wenn Bitollek es gemalt hätte, würde es auf alle Zeiten eine tragende Säule unserer kulturellen Landschaft werden, und die Leute würden voller Bewunderung die Gärten von Lomani, den Turm auf Haderug, die Brücke über das Grüne Meer, die Unbesiegbare Legion und die Perfekte Diebin von Lichternach in einem Atemzug als Glanzpunkte der menschlichen Errungenschaften nennen, so war das!“
„Und doch musste die Perfekte Diebin von Lichternach zu dem*r Magi fliehen und sich hinter siehrer Robe verstecken.“
„Najaaaa das ist ungerecht. Zu einer perfekten Diebin gehört die perfekte Flucht, und … Naja, perfekt war meine Flucht vielleicht auch wieder nicht, aber ich bin entkommen, oder nicht?“
„Mh“, machte ihr Vater. „Du weißt, was ich meine.“
Sie nickte.
Er nickte.
Beide nickten.
Gutes Gespräch.
„Und wenn du dich dann selbst schon als Die Perfekte Diebin von Lichternach siehst …“, begann er, und sie tat ihr Bestes, nicht zu sehr das Gesicht zu verziehen, „… dann wirst du mir sicher zustimmen, dass es Zeit wird, für einen ambitionierten Plan.“
Und dieses Lächeln erschien in seinem Gesicht.
Laia kannte dieses Lächeln. Es erschien immer, wenn er etwas vorhatte, wovon er wusste, dass es für sie sehr, sehr anstrengend werden würde. Das letzte Mal hatte sie es gesehen, bevor er ihr das Walkner&Lindt-Schloss hingehalten hatte.
Sie hatte die ganze Nacht an dem götterverhexten Ding gesessen, aber kurz bevor die Sonne anfing, ihre latent bedrohlichen Griffel über den Horizont zu schieben, hatte sie es endlich aufbekommen.
Sie hatte lange kein Objekt mehr so gehasst, aber sie hatte auch lange keine so extreme Befriedigung mehr empfunden wie in dem Moment, als der letzte Stift endlich an seine Position glitt und sie den Riegel zurückschieben konnte.
Kurzum: Laia war sich sicher, dass ihr Vater jetzt etwas sehr, sehr Schlimmes mit ihr vorhatte. Aber sie war sich auch sicher, dass es am Ende etwas sehr, sehr Gutes werden konnte.
„Und ich nehme an, dass du da auch schon was im Kopf hast?“, fragte sie mit einem vorsichtigen Antwortlächeln.
Er nickte.
„Aki. Es wird Zeit, dass du aus der Verbindung mehr machst als nur eine teure Robe mit einem langen dunklen Schatten.“
Laia seufzte und sank in sich zusammen.
„Nein, Papa!“
„Wie, nein?“
„Aki ist … ein langfristiger Kontakt.“
„Ja natürlich! Ich bin alt und kann nicht mehr laufen, aber mein Kopf funktioniert noch.“
„Du bist nicht so a…“
Er winkte sehr nachdrücklich ab.
„Schon gut, schon gut, es ist schon gut.“
„Aber was meinst du denn? Was glaubst du, wie viel wir aus der Freundschaft noch machen können, wenn wir sieren Stab klauen und an Habi verscherbeln?“
„Sier hat wirklich einen Stab?“
„Natürlich hat sier einen Stab, sier ist ein*e Magi!“
Er hob die Brauen und zuckte die Schultern.
„Ich war immer zu schlau, um Magi zu beklauen. Hatte nie was mit denen zu tun. Tragen die die nicht nur als Dekoration? Oder meinst du als Dekoration?“
„Naja … Irgendwo kenn ich mich dann auch nicht mehr aus“, gab sie zu, „Aber die Dinger sind so eine Art Focus für die Magie oder so, und ich bin ziemlich sicher, dass sie auch selbst magisch sind. Also … Kurzfristig wär das schon fette Beute, aber ich könnts halt genau einmal machen.“
Er nickte.
„Und deshalb wäre es auch ein Fehler. Deshalb, und weil du dann ein*e ziemlich wütende*n Magi an dir dran hättest.“
Sie schüttelte verwirrt den Kopf und breitete die Hände aus.
„Und? Was meinst du dann?“
„Ich meine, dass ich zwar sehe, dass du dich hin und wieder bei ihm versteckst, aber nicht, dass du den Kontakt weiter entwickelst. Lass die was einfallen, Laia! Du willst nicht so enden wie ich, wenn du in meinem Alter bist, ich bin mir ganz sicher.“
Er blickte vielsagend um sich, und dann hinab auf seine dürren, reglosen Beine.
„Ich glaube nicht, dass die Muhmen dich gebrochen haben, weil du deine Freunde nicht genug ausgenutzt hast.“
Es tat ihr ein bisschen leid, schon während sie es aussprach, aber wenig machte sie so sauer wie diese Besserwisserei. Ihr Vater war ein toller Einbrecher, ein sagenhafter Dieb, er war sogar ein ziemlich guter Bogenschütze, und als Vater insgesamt auch nicht schlecht, aber jedenfalls war er nicht dabei gewesen, weder heute früh, noch bei ihren Gesprächen mit Aki.
Zu seinen Gunsten konnte sie vermerken, dass er als Antwort lächelte. Ein bisschen wehmütig, aber immerhin.
„Ist was dran“, murmelte er. „Sie haben mir das … anders erklärt.“
Laia nickte. „Aber ich versuchs trotzdem. Er macht bald seinen Abschluss, und dann … red ich mal mit ihm. Ich hab schon einen Plan.“
Das Gesicht ihres Vaters hellte sich auf.
„Das ist meine Tochter!“, sagte er.
Er meinte es ein bisschen ironisch, aber sie knuffte ihn trotzdem gegen die Schulter, sicherheitshalber.

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