Yanis (1)


Auf ein Neues! Tatsächlich ist diese Geschichte sogar so neu, dass sie noch keinen richtigen Namen hat, deshalb habe ich erst mal den Namen einer wichtigen Figur genommen. Mal gucken.

Und um es gleich noch mal schwerer zu machen: Ich finde, dieses Kapitel ist nicht so gut geworden. Das hat mehrere Gründe. Darüber reden wir in den Lesegruppenfragen.

Allen, die das nicht abschreckt, viel Spaß!

Was bisher geschah:

Noch nix.

Was heute geschieht:

„Papa, Mama, kommt schnell raus, kommt schnell, da sind Heilige oder sowas auf der Straße! Die blitzen und leuchten ganz doll!“
Godoan hüpfte buchstäblich ganz aufgeregt, während er das rief. Sein Vater lachte und wuschelte ihm mit einer Hand durch die Haare.
„Schon gut, und nicht so laut. Wir wollen Mama jetzt nicht stören, die … Oh.“
Papa umarmte Godoan und legte ihm dabei eine Hand auf den Mund.
„Pssst“, machte er. „Das sind Shiu’Hzim. Du darfst gucken, aber sei leise, ja?“
Er zog ihn noch ein paar Schritte weiter zurück hinter die offene Tür. Godoan versuchte, sich so weit wie möglich vorzulehnen, aber sein Vater hielt ihn fest, und ließ ihm nicht viel Spielraum.
Dennoch folgte Godoan, so gut er von hier aus konnte, mit weit aufgerissenen Augen den makellos weißen Schlachtrössern, den golden blitzenden Rüstungen, den im Wind wehenden Rosshaarbürsten auf den spiegelblanken Helmen.
„Mmmuummfuummmmm“, machte er durch die Hand seines Vaters, als er Ikrezia in ihrer löchrigen Kutte sah, die auf dem Weg kniete und mit eng zusammengekniffenen halb blinden Augen den Dreck durchwühlte.
„Pssst“, zischte sein Vater noch mal, und flüsterte: „Wir wollen sie nicht auf uns aufmerksam machen, ja? Sei bitte still, sonst mach ich die Tür zu.“
Die Hexe hörte nicht das Klappern der Hufe, und nicht das Lachen der Kriegerinnen, die unbeschwert miteinander scherzten, ohne die bäuerliche Bevölkerung eines Blickes zu würdigen.
Inzwischen hatten sich einige andere aus dem Dorf um die Straße versammelt und versuchten ähnlich wie Godoan und sein Vater, die Kriegerinnen zu beobachten, ohne dabei ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Alons der Schmied öffnete den Mund und hob eine Hand, verstummte aber im letzten Moment, als sein Gefährte Yessa ihm einen Ellenbogen in die Seite stieß und ihm eine Warnung ins Ohr zischte.
Auch unter den anderen Umstehenden hub nach und nach ein Zischen und Tuscheln an, aber niemand wagte, aus der Masse hervorzutreten und eine Warnung zu rufen.
Erst als die Stute einer der Reiterinnen ein nervöses Schnauben ausstieß, ohne allerdings in ihrem Schritt innezuhalten, bemerkte die Shiu’Hzim das Hindernis auf der Straße.
Die Reiterin – eine sehnige junge Frau, deren blonde Locken wie unter ihrem Helm hervorquollen wie Gold aus einer übervollen Schatzkiste – zog heftig die Zügel zu sich heran, worauf ihr Ross einen erschrockenen Satz zur Seite tat. Mit einem lauten Fluch schwang sie ein Bein über den Rücken der Stute und sprang vor der Greisin zu Boden, die erst jetzt zu begreifen schien, was geschehen war, und verwirrt zu der übermenschlichen Gestalt hinauf blinzelte, die plötzlich vor ihr aufragte.
„Hast du den Verstand verloren, alte Hexe?“ rief die Kriegerin und versetzte der alten Frau einen beiläufigen Tritt. Sie hatte nicht ausgeholt, und es war nicht viel Kraft hinter dem schweren Reiterstiefel, aber die alte Frau fiel trotzdem mit einem hörbaren Aufprall rücklings auf den harten Weg und schlug mit ihrem Kopf auf einen Stein. Reglos blieb sie liegen.
Die übrigen Krieger*innen waren in Richtung Gasthaus weitergeritten, bis auf eine – eine muskulöser gebaute größere Frau, die mit ihrer schimmernden roten Mähne, den wie aus Stein gemeißelten Gesichtszügen und den kalt blitzenden grauen Augen wie ein Ebenbild ihrer Göttin schien.
„Icara, sie ist wehrlos“, mahnte sie ihre Kameradin. „Lass es genug sein, und schaff sie aus dem Weg.“
Icara stand einige Herzschläge unentschlossen da.
Die Rothaarige lachte auf und schüttelte ihren Kopf. „Icara, musst du dich jetzt schon mit wehrlosen Bauernweibern schlagen, um Shiu einen Sieg schenken zu können?“
Icaras Kopf ruckte zu der riesigen Shiu’Hzim auf dem Pferd herum. Ihre Augen sprühten Feuer, ihre Hand lag auf dem Knauf ihres Säbels, und für einen Moment sah es so aus, als würde sie ihn ziehen. Doch schließlich zuckte sie mit einem Lachen die Schultern, hob die Greisin mühelos bei den Armen auf, trug sie wie ein Stück Unrat mit gerümpfter Nase an den Straßenrand und ließ sie dort fallen.
„Ich will nur nicht, dass das Ungeziefer übermütig wird!“, sagte sie.
„Gerade wegen des Ungeziefers würde ich die Finger von solchem Pack lassen“, erwiderte die rothaarige Kriegerin, und beide lachten.
Die blonde Kriegerin schwang sich wieder auf ihr Schlachtross, und die beiden ritten weiter. Endlich nahm Godoans Vater die Hand von seinem Mund, und Godoan hüpfte wieder auf und ab, diesmal vor Empörung.
„Sie hat Ikrezia getreten, OBWOHL sie am Boden lag!“, rief er.
Sein Vater nickte, mit zusammengekniffenen Lippen.
„Das darf sie doch gar nicht!“
Sein Vater zuckte die Schultern.
„Das darf sie nicht!“
Noch ein Schulterzucken.
„Wer soll etwas dagegen tun?“, fragte er. „Lass uns froh sein, dass die andere dabei war, und nichts Schlimmeres passiert ist.“
„Aber die andere war auch gemein!“
Sein Vater seufzte.
„Ich wünsche mir auch eine bessere Welt, Godoan. Aber wir haben nur diese, und es hilft Ikrezia auch nicht, wenn wir uns jetzt mit den Shiu’Hzim anlegen. Im besten Fall ignorieren sie uns, im schlimmsten Fall treiben sie das ganze Dorf zusammen und machen uns zum Exempel. Lass uns einfach hoffen, dass sie schnell weiterziehen.“
Godoan schaute mit bebender Unterlippe zu Boden.

Als Yanis erwachte, fand sie irgendetwas sehr lustig. Sie war nicht ganz sicher, was, aber sie hörte sich leise kichern, deshalb musste es so sein.
Als Nächstes kam der Schmerz.
Yanis hatte Schmerz empfunden, in vielen verschiedenen Arten. Das Leben einer Shiu’Hzim bestand aus Kampf. Gegen andere, gegen sich selbst, gegen die eigenen Schwächen und gegen die Welt um sie herum. Das Leben einer Shiu’Hzim kannte keine Bequemlichkeit und keine Erholung.
Dennoch hatte Yanis nie solchen Schmerz kennengelernt, wie sie ihn nun empfand. Es fühlte sich an, als würde sie gehäutet, am ganzen Körper gleichzeitig. Ihre Beine schrien, ihre Arme schrien, ihr Hals schrie, ihr Gesicht und ihr Bauch und jedes einzelne Körperteil.
Es war ein blendender Schmerz, ein heller, strahlender, ein alles begrabender Schmerz, der einherging mit völliger Hilflosigkeit. Alles, was Yanis in ihrem Leben zuvor erlitten hatte, war eine Herausforderung gewesen, ein Kampf, etwas, dem sie sich entgegenstellen und über das sie triumphieren konnte.
Gegenüber diesem Schmerz war sie ein hilfloses Opfer, das nicht einmal verstand, was eigentlich geschah.
Das Kichern erstarb und wich erst leisem Wimmern, dann lautem Schluchzen.
Faltige, dürre Finger mit langen ungepflegten Nägeln schoben etwas in ihren Mund und massierten vorsichtig ihren Hals, was eine neue Welle unerträglichen Schmerzes auslöste. Vielleicht war es der Schmerz, der sie erneut in tiefe Bewusstlosigkeit fallen ließ, vielleicht die Medizin der alten Hexe, aber auf jeden Fall war es eine Gnade.

Im letzten Moment parierte Yanis den Säbel ihrer Gegnerin mit ihrer eigenen Klinge. Der Hieb hätte ihren Oberschenkel getroffen, und er wäre tief genug gewesen, um eine lebensbedrohliche Wunde zu reißen. Icara führte ihren Säbel mit viel Kraft und Zielsicherheit, und oft mit auffällig wenig Rücksicht auf ihre Übungspartner*innen.
Yanis lenkte Icaras Klinge ab und holte selbst zu einem Schlag aus, der ihre Gegnerin zwei Schritte zurück gegen die Mauer hinter ihr trieb. Icara unternahm noch einen letzten verzweifelten Versuch, das Blatt zu wenden, aber Yanis wich ihrem Hieb mühelos aus und schlug ihr mit einer geübten Bewegung den Säbel aus der Hand. Keuchend ließ sie auch ihre eigene Waffe fallen und presste ihre Gegnerin mit beiden Armen gegen die Wand, ihr Blick auf Icaras lodernden dunkelbraunen Augen.
„Revanche!“
„Nicht jetzt“, widersprach Yanis leise und küsste Icara. Als sie spürte, wie die Zähne ihrer Gegnerin sich tief in ihre Unterlippe gruben, stieß sie ein überraschtes Stöhnen aus und wich lachend zurück, als Icara sie schließlich wieder losließ.
Sie funkelte Yanis voller Leidenschaft an, voller … komplexer Leidenschaft. Ein Teil von Icara hasste sie, Yanis konnte es spüren. Weil sie gewonnen hatte. Weil sie meistens gewann. Manchmal ließ sie Icara gewinnen, aber sie fürchtete, dass ihre Geliebte das wusste, und es machte sie noch wütender.
Icara lachte mit, auch wenn es nicht besonders fröhlich klang. „Erstes Blut!“ rief sie, „Ich habe gewonnen!“
„Betrug!“, rief Yanis, noch immer lachend, während sie sich das Blut aus dem Gesicht wischte. Was war schon Liebe, ohne ein bisschen Hass? Lau und langweilig, oder?

Die Schmerzen waren immer noch furchtbar, als Yanis das nächste Mal erwachte. Sie erfüllten immer noch ihren ganzen Körper und begruben jeden klaren Gedanken unter sich. Trotzdem waren sie vielleicht nicht mehr ganz so messerscharf wie beim letzten Mal. Ein wenig dumpfer. Ein wenig älter. Ein wenig schwächer und abgenutzter. Oder nur gewohnter?
Trotzdem war Yanis dankbar, als die schrumpeligen Finger mit den langen Nägeln sich wieder in ihren Mund schoben und sie zwangen zu schlucken.
Es war erst einmal immer unangenehm, weil sie nicht durch ihre Nase atmen konnte. Sie wusste nicht, warum. Irgendetwas war … komisch mit ihrer Nase …?
Ein wohliges Gefühl von Glück und Taubheit und Abstand von der Wirklichkeit spülte über ihr Bewusstsein, bevor sie abermals in der Dunkelheit versank.

Icara lag auf ihrem gemeinsamen Bett und betrachtete Yanis nachdenklich beim Packen ihres Rucksacks.
„Du findest aber schon auch, dass die Mission eigentlich mir zugestanden hätte, oder?“ fragte sie mit dieser langsamen, viel zu hohen Stimme, mit der sie sprach, wenn sie eigentlich keine Frage stellte. Sie sprach in letzter Zeit oft mit dieser Stimme, und es ging Yanis gehörig auf die Nerven.
„Und warum sollte ich das finden, hm?“ entgegnete sie deshalb, vielleicht ein bisschen zu grob.
Icaras Oberkörper schnellte empor, und ihre dunkelbraunen Augen blitzten regelrecht. „Weil ich älter bin als du, weil ich mehr Erfahrung habe, weil ich die Zugführerin bin und weil ich klüger bin als du!“
Yanis hielt inne. Icara hatte vielleicht Recht, aber deshalb war es noch lange nicht in Ordnung, es so deutlich und auf so gehässige Weise zu sagen.
„Und warum bist du Zugführerin, Icara? Warum bist du denn Zugführerin, obwohl alle wissen, dass ich die bessere Kämpferin und die bessere Soldatin und die bessere Shiu’Hzim bin? Glaubst du, du wärst auch Zugführerin, wenn Irmelde nicht deine Mutter wäre?“
Icara sprang von dem Bett auf und stolzierte zur Tür.
„So?“ fragte sie, völlig unpassend zu den Fragen, die Yanis ihr gestellt hatte, „Meinst du? Dann sieh mal zu, wie du alleine zurechtkommst, wenn du so viel besser bist als wir alle! Viel Spaß!“
Sie warf die Tür hinter sich mit so viel Wut und mit so viel Schwung zu, dass es klang, als würde sie gleich aus den Angeln fallen. Aber natürlich tat sie es nicht. Das Kloster war dafür gebaut, allem standzuhalten, was das Schicksal und der Feind ihr entgegenwarfen. Wie ihre Bewohnerinnen.

Als Yanis zum dritten Mal aufwachte, war nur noch der Schmerz in ihrem Gesicht wirklich unerträglich. Ihre Beine, ihre Arme, ihr ganzer Körper gaben kaum noch mehr als ein dumpfes Pochen von sich. Sie war sogar klar genug, um zu versuchen, eine Frage zu stellen, aber irgendetwas stimmte nicht mit ihrem Mund, weshalb nur ein unverständliches Nuscheln herauskam, das sofort in ein jämmerliches Winseln überging, als ihre Lippen sich voneinander trennten und – so fühlte es sich zumindest an – dabei von links nach rechts aufrissen und Blut und Eiter in ihren Mund ergossen.
„Ohje…“ erklang die fistelige Stimme der alten Frau, „Ohje… Armes Mäuschen, darfst doch noch nicht sprechen, tust dir doch weh… Willst noch mehr?“
Yanis nickte hastig, noch bevor sie recht verstanden hatte, was die Frage überhaupt bedeutete.

„Warte!“
Yanis stockte in der Bewegung, ihren linken Fuß in Kametes Steigbügel, und drehte sich zu Icara um. Sie freute sich, dass ihre Geliebte von sich aus zu ihr zurückkam und konnte ein beseeltes Grinsen nicht ganz unterdrücken.
„Was?“ fragte sie, so schroff sie konnte.
„Es tut mir leid“, sagte Icara. „Ich hätte das nicht zu dir sagen sollen.“
Yanis nickte. „Ich kenn dich doch. Ich weiß doch, dass du nur Unsinn redest.“
Icara schenkte ihr eines ihrer strahlend bösen Grinsen. „Na warte“, raunte sie, „Das wird dir noch leidtun. Wenn du wiederkommst.“
Yanis lachte.
„Geht es heute noch los, ihr Witzfiguren?“ rief der Weibel, der ihr das Tor geöffnet hatte, „Oder braucht ihr noch mal einen Tritt in den Arsch, bevor ihr dann soweit seid, eure Befehle auszuführen?“
Yanis schwang sich auf Kamete und warf noch einen letzten Blick zurück zu Icara, bevor sie durch das Tor davonritt, die Rolle mit der Botschaft sicher unter ihrem Arm.

Als Yanis diesmal wieder zu Bewusstsein kam, war der Schmerz sehr niederträchtig. Er schlich sich an.
Nee.
Sie kicherte.
Schmerz konnte sich doch nicht …
Jetzt wusste sie nicht mehr so richtig, was sie eigentlich gerade gedacht hatte.
„Me‘izin?“, nuschelte sie, und bekam zur Antwort das Kichern der alten Frau.
„Die hast du schon, Mäuschen. Du brauchst keine mehr.“
„Me‘izin …“, nuschelte Yanis. „Tu weh …“
„Neinnein, m-mmh!“
Es hätte sie wahrscheinlich wütend gemacht, wie lustig die alte Frau das alles zu finden schien. Aber Yanis konnte gerade irgendwie nicht die geistige Energie aufbringen, wütend zu werden, oder die Konzentration.
Es lag teilweise an dem Schmerz, der sie zwang, so flach wie möglich zu atmen, wie es gerade noch ging, ohne dass sie zu wenig Luft bekam, und das alleine war schon mehr, als sie gleichzeitig in ihrem Bewusstsein halten konnte. Zum Glück geschah es größtenteils unterbewusst.
Außerdem lenkte ihr Gesicht sie ab. Nichts funktionierte, wie es sollte. Sie sah alles durch einen milchigen Schleier, und war nicht ganz sicher, ob ihre Augen überhaupt offen waren. Irgendeine Flüssigkeit lief aus ihren Augen, und aus ihrer Nase, und vielleicht auch aus anderen Teilen ihres Gesichts, und nervten und juckten und kitzelten, und sie konnte sich nicht mal kratzen oder sie wegwischen, nicht nur, weil es furchtbar weh tun würde, sondern auch, weil sie ihre Hände nicht benutzen konnte …?
Aber es lag teilweise auch an der Medizin, das wusste sie. Was auch immer die Heilerin ihr gab, machte etwas mit ihrem Kopf.
Aber es half gegen den Schmerz.
Die Medizin tat so gut.
„Me‘izin“, nuschelte sie noch einmal.
Die alte Frau lachte nur.
Und irgendwann schlief Yanis wieder ein.

Mit der Botschaftrolle fest im Griff ritt Yanis den Fluss entlang, ein nachdenkliches Lächeln im Gesicht.
Es war ja nicht, als würde sie alleine das Tor von Yak-Zimur gegen die dämonischen Legionen verteidigen. Sie sollte einen Brief zustellen. Hoffentlich einen wichtigen, weil sonst wirklich nicht einzusehen war, warum dafür eine Shiu-Hzim gebraucht wurde, aber am Ende war es doch nur ein Brief.
Und trotzdem war Icara nicht nur ein bisschen eifersüchtig, sie war richtig außer sich.
Warum?
Yanis hatte den Verdacht, dass sie es einfach wusste, auch wenn sie es natürlich nicht zugab. Sie wusste, dass Yanis eigentlich verdient gehabt hätte, Zugführerin zu sein. Sie wusste, dass sie nur wegen ihrer Mutter so bevorzugt wurde. Und das tat ihr natürlich weh.
Yanis konnte das verstehen. Icara tat ihr ein bisschen leid. Sie konnte ja nichts dafür, weder dafür, wer ihre Mutter war, noch dafür, dass der Himmel ihr, Yanis, die größeren Geschenke gemacht hatte.
Ihr Lächeln wurde ein bisschen breiter.
Sie würde Icara irgendetwas Nettes von der Reise mitbringen und versuchen, sie über ihre Enttäuschung hinwegzutrösten.
Und falls etwas Interessantes passieren sollte, oder sich eine Gelegenheit ergeben würde, etwas Ehrenvolles zu tun, würde sie es einfach für sich behalten.

Yanis‘ Gesicht stand in Flammen, und die Haut überall an ihrem Körper spannte und ziepte, aber als sie das erste Mal mitsamt ihrem Pferd gestürzt war und das Tier sie unter sich begraben und ihr beide Beine und vier Rippen gebrochen hatte, da hatte es mehr weh getan.
Ihre Nase. Irgendetwas war mit ihrer Nase. Sie konnte immer noch nur durch den Mund atmen, und … Sie wollte nicht weiter darüber nachdenken.
Das Erste, was sie sprach, als sie es wagte, ihren Mund zu öffnen, war das Wort: „Medizin?“, so gut sie es halt aussprechen konnte.
Und es dauerte nicht lange, bis die faltigen Finger mit den scharfen rissigen Nägeln kamen und ihren Wunsch erfüllten.

Yanis hatte gehofft, den Weg bis Bol-Yumas in drei Tagen zu schaffen, aber eine Furt war nach heftigen Regenfällen überlaufen und eine Straße so durchnässt gewesen war, dass Kamete bei jedem Schritt bis über die Fesseln in den Schlamm einsank. Deshalb erreichte sie erst am Mittag des vierten Tages den Weiler, in dem Icara sich vor zwei Wochen mit der Kräuterhexe hatte anlegen wollen.
Sie wusste nicht, wie er hieß, obwohl sie sich jedes Mal fragte, wenn sie hindurch ritt. Irgendwann hatte es ihr sogar mal jemand gesagt, aber sie hatte es wieder vergessen.
Eigentlich gab es ja auch keinen Grund, den Namen von so einer Zwei-Dutzend-Seelen-Siedlung zu kennen, nur weil sie auf dem Weg nach Bo …
Erst roch sie den Rauch. Das kam ihr im Nachhinein verblüffend vor, denn als sie erst einmal suchte, kam ihr die dunkle Wolke unübersehbar vor.
Sie gab Kamete die Sporen, und hinter der Kurve konnte sie dann auch den Rest nicht mehr übersehen:
Die Schmiede stand vollständig in Flammen, und die Dörfler*innen drumherum hielten zwar teilweise noch Eimer in der Hand, hatten aber erkennbar schon die Hoffnung aufgegeben, damit noch etwas erreichen zu können.
Stattdessen stand eine Gruppe von ihnen unentschlossen sehr nach am brennenden Gebäude und tauschten sich aufgeregt miteinander aus.
„Heda, kann ich helfen?“, fragte sie.
Erschrocken wirbelten die Leute zu ihr herum, schauten kurz zu ihr auf, dann zu Boden, jede*r einzelne von ihnen hoffend, dass jemand anders antworten würde.
„Na los jetzt, raus mit der Sprache! Was ist?“
„Wir … Wir wissen nicht, wo Godoan ist, Herrin.“
Sie runzelte die Stirn ob der unsinnig falschen Anrede, beschloss aber, sie zu ignorieren.
„Wer ist das?“, fragte sie. „Ein Hund? Ein Pferd?“
„Mein Sohn!“, antwortete eine der Dörflerinnen.
„Und ihr glaubt, dass er da drin ist?“, fragte sie, während sie von ihrem Schlachtross glitt.
„Naja …“, murmelte die Frau, die weiterhin zu Boden blickte. „Wir wissen halt nicht, wo er ist, und gerade war er noch hier, und er hat immer gern in der Schmiede gespielt …“
„In der Schmiede ge …? Egal.“
Yanis musste nicht lange überlegen. Sie war schließlich eine Shiu’Hzim und hatte geschworen, ihre Kraft einzusetzen, um die Schwachen zu schützen und den Bedürftigen zu helfen.
Sie stellte aber pikiert fest, dass es gar nicht so einfach war, heldinnenhaft in die brennende Schmiede zu stürmen. Sie musste zuerst eine Stelle finden, an sie hindurchkam, weil weder eine Wand noch Flammen im Weg waren, und dann musste sie einen Weg finden, der ihr nicht direkt Haare und Augen versengte.
Auch eine Shiu’Hzim war nicht gefeit vor Feuer, auch wenn sie auf den Schutz der Kriegsgeister und auf ihre Ausbildung vertraute. Das Krachen und Bersten der Balken und der Wände machten ihr keine Angst. Yanis kannte keine Furcht.
„… hat immer … in der Ec… dem …spielt!“, rief jemand ihr zu, aber sie konnte es durch den Lärm des Feuers gar nicht richtig hören. Sie hatte sich ein Feuer weniger laut vorgestellt.
Dennoch tastete sie sich furchtlos, aber langsam und vorsichtig weiter voran.
Erst als eine der brechenden Balken direkt auf sie stürzte und sie unter sich begrub und ihr Gesicht in die glühende Asche unter ihr presste, da begann sie, sich zu fürchten.
Aber es dauerte nicht lange.

„Me‘isin?“
Die alte Frau mit der fisteligen Stimme gab ein langes, schrilles Gackern von sich, das zum Ende hin in ein erbärmliches Husten und Schnaufen überging.
„Armes Mäuschen“, sagte sie wieder, aber es klang diesmal weniger freundlich als beim letzten Mal, „Der Balsam ist süß, ich weiß, aber du bist jetzt so weit, Mäuschen, und ’s wird Zeit, dass du wieder auf die Füße kommst.“
„Schmerzen… Medizin??“
Sie gab sich besonders viel Mühe, es so deutlich auszusprechen, wie es irgendwie ging, in der Hoffnung, die Heilerin damit überzeugen zu können.
„Heute Abend wieder, wenn’s wirklich eine brauchst, aber nicht jetzt, Mäuschen, nicht jetzt. Ikrezia hat nicht Fässer voller Balsam, und du kannst ja nicht mal zahlen, armes Mäuschen, hast nicht mal Geld für die Medizin… ’s ist vielleicht auch besser so…“

 

Lesegruppenfragen:

  1. Ja, also, ich habs ja gesagt: Ich bin nicht ganz zufrieden. Einmal hab ich den Fehler gemacht, was Altes umzuschreiben, statt einfach neu zu machen. Das rächt sich immer. Außerdem ist dies aber auch ein Kapitel, das Fallhöhe für Yanis aufbaut, deshalb kann ich sie nicht als total sympathisch-selbstironisch darstellen, und so weiter. Ähja. Frage: Wie sehr ist euch das aufgefallen?
  2. Hättet ihr gerne mehr Details gehabt? Waren euch die Abschnitte zu kurz?
  3. Was haltet ihr so von den Namen der Figuren und Orte?
  4. Wärt ihr auch in das brennende Haus gelaufen?

2 Kommentare zu “Yanis (1)

  1. Pingback: It’s A Jungle Out There | überschaubare Relevanz

  2. Hat dies auf überschaubare Relevanz rebloggt und kommentierte:

    Weil ich es hier noch gar nicht erwähnt habe, mache ich es halt jetzt: Drüben in meinem Autorenblog läuft übrigens ein neuer Fortsetzungsroman. Er ist toll und ihr solltet den alle lesen.

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