Magnaflux (1)


Ich hab mich gefragt, was dieser Seite gut tun könnte, und ihr werdet mir sicher zustimmen, dass das Ergebnis offensichtlich ist: Noch ein zusätzliches Schreibprojekt, das ich dann vernachlässigen und über Jahre hinziehen kann!

Hier ist es. Auf Twitter habe ich aus einer Laune heraus Leuten angeboten, Geschichten für sie zu schreiben, und aus den Antworten die Idee entwickelt, die einzelnen Elemente in einem großen Rahmen zu verbauen. Wir beginnen mit @perminides Wunsch, „eine in Europa angesiedelte optimistische Science-Fiction-Geschichte“.

Viel Spaß!

Und ja, natürlich, Generationenschiff mach ich trotzdem weiter. Versprochen. Es dauert halt. Aber es wird. Großes Ehrenwort.

So, jetzt aber wirklich:

„Start des vierzehnten Versuchslaufs der Quantensprung-Zeitmaschine in Zehn.“

Agata Bednarek streckte die Hände aus und ergriff die Reling, während die Vibrationen der Maschine stärker wurden.

„Neun.“

Das Dröhnen der Maschine wurde schriller und Lauter.

„Acht. Sieben.“

Die Vibrationen schienen wieder schwächer zu werden, während Nebel von der Kühlung aufzusteigen begannt.

„Sechs.“

Das Licht flackerte. Kein gutes Zeichen. Oder? Es hatte bisher immer geflackert, aber was sollte das heißen? Alles war bisher immer gleich verlaufen.

„Fünf.“

Das Dröhnen war zu einem Sirren geworden, wie vom größten Dentalbohrer der Welt. Zum Glück hatte sie nie Angst vor Zahnarztbesuchen gehabt.

„Vier.“

Beim letzten Mal hatte Kacper bei Vier abgebrochen. Wenn sie diesmal bis

„Drei.“

„JA!“ Agata ließ ihrer Freude freien Lauf, weil sie wusste, dass niemand sie über den Lärm hören oder durch den immer weiter brodelnden Nebel sehen konnte. Diesmal würde es klappen, sie konnte es füh-

Die Frequenz der Sirrens ging wieder zurück.

„NEIN!“

„Versuchslauf wegen Überschreitung der Sicherheitsmargen und Strahlenschutzgrenzwerte abgebrochen“, sagte Kacpers stets freundlich-unbeteiligte Stimme durch den Lautsprecher über das abklingende Surren der Maschine. „Es tut mir leid, Dr. Bednarek.“

„ZEIG MIR DIR PROTOKOLLE!“ schrie sie in den Nebel und begann, sich zur Tür der Sprungkammer vorzutasten. Nach dem zweiten Abbruch hatte sie sich an einem der Geländer so heftig den Knöchel gestoßen, dass sie immer noch nicht wieder richtig auftreten konnte. „ZEIG MIR DIE WERTE!“

Es konnte nicht stimmen. Sie war sich so sicher gewesen. Sie hatte diesmal alles fünfmal überprüft, persönlich, und sie war sich ganz sicher, dass sie alle Fehler beseitigt hatte. Warum waren jetzt schon wieder die Sicherheitsmargen nicht eingehalten worden?

Der tachyonische Feldgenerator konnte gar nicht mehr Energie ziehen, als das Kraftwerk für das Labor zur Verfügung stellte, und der Bedarf der Messinstrumente, und Feldsteuerungsrückkoppler war vernachlässigbar. Blieb der Impulsstabilisator, aber den hatte sie vor dem Versuch dreimal alleine probelaufen lassen, ohne jedes Problem. Und er speiste sich aus einem eigenen Generator, der unabhängig vom restlichen Versuchsaufbau lief.

Hatte die topologische Spannungskompensation wieder überhitzt? Oder war die Brane-Resonanz doch ein wichtigerer Faktor, als ihre Berechnungen-

„Anfrage verweigert. Es tut mir leid, Dr. Bednarek.“

„Was heißt hier Anfrage verwei- vergiss es, Frage ignorieren.“

Die Tür zum Kontrollraum glitt vor ihr auf. Milosz und Lina sahen sie schüchtern-mitfühlend an. Svea schaute konzentriert auf ihren Monitor und hob nicht mal den Blick zu ihr. Sie nickte in den Raum, hielt sich aber nicht weiter auf und eilte die Metalltreppe zu Shaws Büro hinauf.

Ohne zu klopfen trat sie ein.

„Was soll das mit Anfrage verweigert? Wie soll ich denn bitte die Probleme-“

„Sollen Sie nicht“, unterbrach General Shaw sie. Auch General Shaws Stimme war völlig ruhig, aber im Gegensatz zu Kacpers kein bisschen freundlich. Der Effekt war eher einer von mitleidiger Verachtung. „Das Experiment ist für heute beendet. Wir gehen jetzt alle nach Hause, ruhen uns aus, und versuchen es am Montag noch einmal.“

Shaw nahm ihre Brille ab und putzte sie mit einem Taschentuch, das sie aus der Brusttasche ihrer Uniformjacke zog. Eine Brille. Wer trug heute noch eine Brille? Waren die Monokel gerade ausverkauft gewesen?

„Ein letztes Mal“, fügte Shaw hinzu.

„WAS?“ Agata hätte es unfair gefunden, zu sagen, sie hätte gekreischt. Dafür hatte sie nicht vollständig genug die Kontrolle über ihre Stimme verloren. Es war mehr ein … sehr nachdrücklicher Ausruf. „Wie ein letztes Mal?“

Shaw hauchte noch einmal auf die schmalen Brillengläser, polierte sie mit dem Tuch und setzte sie sich wieder auf die Nase, um klarer auf Agata hinab schauen zu können.

„Wissen Sie, was mich dieses Projekt kostet? An politischem Kapital, meine ich? Wie lustig alle Staatssekretäre, Minister, Dekane und Ausschusssprecher die Idee finden, dass wir hier ernsthaft versuchen, eine Zeitmaschine zu bauen? Und dass die nun seit einem halben Jahr einsatzbereit ist, nur leider … einfach überhaupt nicht funktioniert?“

„Es ist noch kein halbes Jahr!“

„Es sind fünf Monate und drei Wochen. Deshalb gebe ich Ihnen ja auch noch Montag.“

„Ja, aber …“ Agata war aufrichtig sprachlos gegenüber so viel bräsiger Kurzsichtigkeit. „Dann lassen Sie uns doch aber wenigstens die Zeit auch nutzen! Lassen Sie mich die Daten sehen, und übers Wochenende daran arbeiten! Was glauben Sie denn, wie viel politisches Kapital es Sie kostet, wenn Sie einfach aufgeben?“

„Weniger, als wenn ich mir den Ruf erwerbe, ein totes Pferd auch dann noch weiter reiten zu wollen, wenn es schon angefangen hat, zu stinken. Und dann habe ich auch noch eine Ehe, die ich nur ungern Ihrer Seifenblase opfern will, Dr. Bednarek. Deshalb gehe ich heute pünktlich nach Hause, wie ich es meinen Partnerinnen versprochen habe.“

„Können Sie! Aber lassen Sie doch wenigstens die weiter arbeiten, die es noch wollen!“

General Shaw seufzte, und für einen Moment schien es fast, als könnte gleich eine Emotion auf ihrem Gesicht erscheinen. Natürlich kam es nicht so weit.

„Sogar ein Kindergarten steht unter Aufsicht von Erwachsenen, Dr. Bednarek. Ich würde diesen Standard gerne auch für dieses Projekt aufrechterhalten.“

„Sagen Sie mal, trinken Sie heimlich? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“

Shaw erlaubte sich nun immerhin ein dünnes Lächeln. „Sie werden staunen. Kacper, der Versuch ist für heute beendet. Fahr bitte das Kraftwerk auf Reservebetrieb herunter und deaktiviere den gesamten Aufbau. Wir machen Montag weiter.“

„Selbstverständlich, General Shaw“, antwortete Kacpers Stimme aus den Lautsprechern. „Ich wünsche Ihnen und dem gesamten Team ein schönes und erholsames Wochenende.“

„Danke!“

Shaw nickte zufrieden, schob im Aufstehen ihren Stuhl zurück, umrundete ihren übergroßen Schreibtisch, blieb vor Agata stehen und sah sie mit steinerner Miene an.

„Noch etwas, Dr. Bednarek?“

Agata schüttelte den Kopf, die Zähne so fest zusammengebissen, dass ihr Kiefer schmerzte.

„Nein, schon gut“, presste sie hervor, und verließ vor Shaw das Büro.

„Feierabend!“ verkündete sie dem Team im Kontrollraum mit einem Lächeln, so klebrig falsch, dass sie Waschpaste brauchen würde, um das Gesicht wieder sauber zu bekommen. „Ihr könnt zusammenpacken.“

 

Eine halbe Stunde später saß sie alleine in ihrem Google Ball auf dem Parkplatz vor dem Institut, immer noch ohne Waschpaste, aber mit einem klaren Entschluss.

„Kacper, sie sind doch jetzt alle weg, oder?“

„Ja, Dr. Bednarek“, antwortete Kacper aus der Freisprechanlage des Fahrzeugs. „Es tut mir leid, dass Ihr Gespräch mit General Shaw unerfreulich verlaufen ist. Bitte lassen Sie mich wissen, falls ich etwas tun kann, um Ihre Stimmung aufzuheitern.“

„Gut, dass du fragst“, sagte Agata, und stieg aus.

General Shaw war die Leiterin des Projekts, und sie entschied, wann welche Versuche stattfinden durften, welche Ressourcen wo und wie eingesetzt wurden, und welche Risiken angemessen waren.

Aber sie interessierte sich nicht besonders für Computer und hatte zu viel Vertrauen in Bürokratie und Gehorsam. Vielleicht typische Fehler von hohen Offizieren, vielleicht auch nicht. Agata kannte keine außer Shaw selbst.

„Kontrollierst du eigentlich die Schlösser in der Anlage, Kacper?“

„Nein, die werden durch ein autonomes System gesteuert, auf das ich keinen Zugriff habe“, antwortete Kacper durch die Lautsprecher in ihrem Halsband.

Agata begann, ein wenig zu schnaufen, als sie den Hang zum Eingang des Labors emporstieg.

„Und die das Überwachungssystem?“

„Das steht unter meiner Kontrolle.“

Agata nickte zufrieden. So hatte sie sich das vorgestellt.

„Dann unterhalten wir uns doch mal darüber, wie weit du die Sicherheitsmargen und Strahlenschutzgrenzwerte … flexibilisieren kannst, um meine Stimmung aufzuheitern.“

„Diese Werte wurden von den Normungskommissionen zu Ihrem Schutz festgelegt, Dr. Bednarek, und zum Schutz aller, die in Anlagen wie dieser arbeiten. Sie dienen der Prävention schwerer Gesundheitsschäden für Individuen, aber auch großen Unfällen auf Projektebene.“

„Ja sicher. Aber es ist außer mir doch niemand mehr da. General Shaw hat alle nach Hause geschickt, oder?“

„Das trifft zu.“

„Sehr schön.“

Agata blieb vor dem Haupteingang stehen, ließ ihren Rucksack von der Schulter gleiten und zog ein kleines Paket mit Werkzeug daraus hervor.

„Kurz ganz anderes Thema“, keuchte sie, „Meinst du, ich fahre besser, wenn ich versuche, dieses Schloss hier aufzubrechen und kurzzuschließen, oder suche ich mir eher irgendwo ein Fenster, das ich einschlagen kann?“

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2 Kommentare zu “Magnaflux (1)

  1. Ich kenne diese Website zwar nicht allzu lange (genauer gesagt erst seit heute), aber ich freue mich definitiv auf weitere Kapitel!

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