Generationenschiff (14)


Soooo, weiter gehts! Und das Projekt mit dem Verlag läuft übrigens auch. Ich hab jetzt Lunchdates mit Verlegern und sowas. Krass, oder? Na gut. Ja. Okay. Ich hatte ein Lunchdate mit einem Verleger. Aber immerhin!

Viel Spaß.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später  Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Im zwölften Kapitel redet Psmith mit Tisha und Piedra, Kentub begegnet Jeanne auf Last Hope, seine Transportgelegenheit verstirbt, und Präsidentin Sima gibt ein Interview.

Im dreizehnten Kapitel sehen wir die Ereignisse zwischen Kentub und Marchant noch einmal aus Marchants Perspektive, Marchant rettet ihn auf Last Hope, und Psmith erklärt weiter seinen diabolischen Plan. Der Schuft.

Was heute geschieht

12. Februar 2047

„Um es möglichst verständlich zu erklären…“

Präsidentin Sima lächelte ein Lächeln, in dem Rodney ihr ‚Eigentlich möchte ich etwas grob Unfreundliches sagen, finde das aber mit der Würde meines Amtes nicht vereinbar‘-Gesicht erkannte.

„Erklären Sie es bitte stattdessen möglichst präzise. Ich frage nach, wenn ich etwas nicht verstehe“, sagte sie und lehnte sich in dem Sofa zurück, auf dem sie neben Rodney saß.

Es fühlte sich für Rodney nur noch manchmal merkwürdig an, neben der Präsidentin im Oval Office zu sitzen.

Twilson nickte, wandte sich wieder halb dem digitalen Whiteboard zu, bemerkte dann, dass er Sima den Rücken zudrehte, versuchte kurz, einen Weg zu finden, das Whiteboard zu benutzen und gleichzeitig die Präsidentin anzuschauen, erkannte, dass es keinen Sinn hatte, und traf ehrenwert schnell seine Entscheidung, das Whiteboard zu vergessen und sich auf mündliche Erläuterungen zu beschränken:

„Unser Ansatz ist, die Subjekte zu isolieren, Hypothermie durch flüssigen Schwefelwasserstoff induzieren und nach Erreichen der erforderlichen Temperatur die Schwefelkonzentration zu erhöhen, bis alle aeroben Bakterien abgestorben sind. Im nächsten Schritt werden durch eine Kombination verschiedener Wirkstoffe …“ Er warf einen besorgten Blick in Richtung der Präsidentin und schob ein: „Wir haben im Handout alles aufgelistet – also, durch diese Mischung töten wir die Mehrzahl der anaeroben Bakterien und sonstigen Mikroorganismen, die zelluläre Seneszenz fördern. Dies ist nötig, weil zu niedrige Temperaturen ihrerseits irreversible Zellschäden bewirken würden. Wir müssen also einen Kompromiss finden zwischen dem Schutz des … Subjektes vor Alterung und vor den Maßnahmen zu ihrer Verhinderung, die ihrerseits unvermeidlich sehr … aggressiv sein müssen. Es ist uns bei Reptilien gelungen, mit dieser Methode eine erfolgreiche Wiederaufnahme der Vitalfunktionen zu erreichen. Allerdings liegen uns noch keine belastbaren Erkenntnisse darüber vor, wie hoch das Risiko nichtletaler Schäden ist. Eine eingehende Untersuchung wäre sehr aufwändig und würde wenig Verwertbares ergeben, da die Ergebnisse nicht komplett auf den menschlichen Organismus übertragbar wären und in dem uns zur Verfügung stehenden Fenster auch keine Langzeittests möglich wären.“

„Denken Sie denn, dass die Zeit einen Unterschied macht?“ fragte Rodney. „Wie weit werden die Subjekte gekühlt?“

Twilson presste die Lippen aufeinander und zuckte die Schultern und wurde Rodney durch diese ehrlich zur Schau gestellte Unsicherheit noch einmal sympathischer.

„Wir wissen es nicht genau. Das Ziel wäre natürlich, dass sie keinen Unterschied macht, aber je nach genauer Anwendung gehen wir davon aus, dass die akzeptable Fehlermarge … sehr niedrig ist? Ach so, und die Temperatur: Wir müssten die Methodik noch für Menschen kalibrieren, aber wir rechnen mit einer Endtemperatur von ungefähr -10°C.“

„Da bleibt Schwefelwasserstoff noch nicht mehr flüssig!“

„In der Tat. Wir würden das nur zur Induktion verwenden.“

„Ach so… Und –“

Bevor Rodney die nächste Frage stellen konnte, kam die Präsidentin ihm zuvor:

„Ich dachte, dass die derzeit gängigen Methoden das Blut im Körper durch eine gekühlte Kochsalzlösung ersetzen und über dem Nullpunkt bleiben, um Zellschäden durch Kristallisation zu vermeiden. Warum haben Sie sich für diesen anderen Weg entschieden?“

„Die derzeit gängigen Methoden wurden erfolgreich an Schweinen und anderen menschenähnlichen Säugetieren getestet, aber immer nur für wenige Stunden. Wir sind der Überzeugung, dass eine tiefere Kühlung und eine tiefergehende Veränderung der Struktur des Organismus erforderlich ist, um eine Wiederbelebung nach mehreren Jahrhunderten zu ermöglichen, wie in den Projektbedingungen spezifiziert.“

„Und den Zellschaden durch das Gefrieren der Flüssigkeit können Sie vermeiden?“

Twilson legte die Stirn in Falten du zuckte noch einmal die Schultern. Wahrscheinlich keine strategisch sinnvolle Geste für einen Vortrag, in dem er die Präsidentin davon zu überzeugen versuchte, dass er von allen Forscherinnen und Forschern in seinem Fachgebiet am besten wusste, was er tat, aber wieder einmal fand Rodney die damit demonstrierte Aufrichtigkeit sehr sympathisch.

Ob das sogar Absicht war? Twilson hatte sich doch garantiert vor diesem Gespräch coachen lassen.

„Es hat den Anschein.“

„Können Sie sich denn vorstellen, dass wir von Ihrem jetzigen Stand in zwanzig Jahren zur Anwendungsreife kommen?“ fragte Rodney.

***

Nachdem Twilson das Oval Office verlassen hatte, schauten die verbliebenen Teilnehmerinnen der Besprechung einander nachdenklich an.

„Ich sehe es immer noch nicht“, sagte Senator Bowman. „Frau Martinez hat Recht.“

Und wenn er das sagte, musste es schon wirklich gewichtige Gründe geben.

„Sogar wenn wir die technischen Probleme alle überwinden können und das Verfahren funktioniert …“

„Oder genauer: Wenn wir Anlass zu der Hoffnung haben, dass es funktioniert“, ergänzte Präsidentin Sima. „Ob es in dreihundert Jahren wirklich funktioniert haben wird, werden wir nie erfahren.“

„Das gilt für das ganze Projekt“, warf Rodney ein.

Der Senator fuhr fort: „Aber sogar wenn wir so weit kommen, dann brauchen wir immer noch die Einrichtung für ein Generationenschiff, wenn wir Projekt Humanity nicht für mehrere Jahrhunderte komplett einem autonomen Computer überlassen wollen.“

„Wer sagt denn, dass wir es ihm komplett überlassen müssen?“ fragte Rodney „Zwei oder drei Menschen am Leben zu erhalten, erfordert viel weniger Ressourcen als fünfzig!“

„Aber sind zwei oder drei denn genug? Was, wenn es zu unvorhergesehenen Problemen kommt, die der Roboter nicht selbst lösen kann?“

„Dann kann er immer noch die menschliche Besatzung wecken!“

„Und dann?“ fragte der Senator. „Können die auch alle wieder direkt an Bord in den Kälteschlaf zurückversetzt werden? Ohne Risiko zu hoher Verluste? Oder müssen wir sowieso die Ressourcen einplanen, so viele Menschen am Leben zu erhalten, und über mehrere Generationen zu transportieren, nur für den Fall?“

Rodney antwortete: „Es ist natürlich einfach, wenn Sie jedes Risiko der Kälteschlaf-Variante als Argument gegen Kälteschlaf gelten lassen! Als hätte die Variante Lebendtransport keine Risiken und Schwachpunkte!“

„Wir sollten den Begriff ‚Lebendtransport‘ in diesem Kontext wahrscheinlich vermeiden. Der steht auf LKW, die Schweine zum Schlachthof bringen. Außerdem ist der Kälteschlaf auch ein Lebendtransport. Nur … nicht ganz so lebendig.“

„Das haben Sie schön gesagt.“

„Aber Sie wissen, was ich meine.“

Rodney nickte. „Schon richtig. Trotzdem sehe ich noch nicht den Vorteil, den wir durch den enormen Aufwand und die unkalkulierbaren Risiken der Kälteschlaf-Technologie erkaufen. Wir müssten da riesige Summen versenken, die uns an anderen Teilen des Projekts fehlen, und wissen jetzt noch nicht einmal, ob es überhaupt möglich ist, das zum Laufen zu kriegen!“

„Naja, jetzt übertreiben Sie aber. Es funktioniert bei Amphibien, es funktioniert sogar bei Schweinen, da wird es wohl bei Menschen nicht völlig unmöglich sein.“

„Wir wissen nicht, wie gut es bei Amphibien und Schweinen funktioniert!“ wandte Rodney ein. „Er hat selbst gesagt, dass sie noch nicht wissen, welche Langzeitschäden durch das Verfahren entstehen.“

„Das sind Detailprobleme, die im Laufe der Entwicklung gelöst werden müssen, aber dass es grundsätzlich nicht möglich ist, können wir damit doch wohl ausschließen“, sagte der Senator.

„Detailprobleme sind aber trotzdem Probleme, und solange wir die Details nicht kennen, können wir auch die Probleme nicht einschätzen.“

Präsidentin Sima seufzte und verzog frustriert den Mund.

„Ich könnte natürlich noch einmal einen Etat zur weiteren Erprobung bewilligen, aber ich denke, irgendwann müssen wir auch Entscheidungen treffen, wenn wir dieses Projekt auf die Beine stellen wollen, solange wir noch dazu in der Lage sind.“

17.76.149

Es wäre zwar zwischen Jeannes metallenen Torsi genug Platz gewesen, dass Kentub und Marchant einander nicht hätten berühren müssen, doch da ihre Laufbewegungen auch wegen des oft trügerischen Untergrundes nicht gleichmäßig und gelegentlich überraschend waren, fanden sie sich schnell mit der pragmatischen Entscheidung ab, dass der hinten sitzende Marchant die Arme um Kentub schlang und sich an ihm festhielt. Die Pose fühlte sich zwar trotz allem noch albern an, verlor aber an unmittelbarer Peinlichkeit dadurch, dass sie beide so dicke isolierende Kleidung trugen, dass sie eigentlich ebenso gut in verschiedenen Räumen hätten sein können.

„Oh, lassen wir jetzt eigentlich gerade dein Gefährt zurück?“ fragte Kentub.

„Mein Gefährt?“

„Irgendwie musst du doch hierher gekommen sein!“

„Wahrscheinlich. Aber ich erinnere mich nicht.“

„Ah.“

Die beiden Männer saßen einige Zeit schweigend auf Jeanne. Hin und wieder spähten sie in die weiße Einöde hinter sich und suchte vergeblich nach Spuren der fremden Lebewesen.

„Folgen sie uns?“ fragte Marchant.

Niemand antwortete ihm.

Einige Minuten vergingen, bevor Kentub fragte: „Woran … kannst du dich denn noch erin-“

„Ich weiß es noch“, unterbrach ihn Marchant. „Ich weiß es noch sehr genau, auch wenn ich mich nicht gerne erinnere.“

Wieder vergingen einige Herzschläge in Schweigen.

„Ich habs nicht gerne getan“, erwiderte Kentub schließlich.

„Das tröstet mich kolossal.“

„Danke, jedenfalls.“

„Ich handle nicht auf eigenen Entschluss.“

„Gelegentlich musst du mir erklären, wie das funktioniert“, sagte Kentub. „Wenn wir mehr Ruhe haben, denke ich.“

„Wieviel mehr Ruhe als jetzt erwartest du, in der nächsten Zeit zu bekommen?“

Kentub dachte eine Weile nach, bevor er einräumte: „Ja, gut, jetzt hast du mich. Eigentlich haben wir gerade nichts Besseres zu tun.“

„Vielleicht erklärst du mir dann noch mal, ganz in Ruhe, warum es dir wie eine angemessene Entscheidung des rationalen Kapitäns eines Raumschiffes vorkam, mich einfach zu erstechen, weil ich dir widersprochen habe?“

„Du hast mir nicht nur widersprochen.“

„Na gut. Das habe ich einseitig formuliert“, räumte Marchant ein.

„Wir haben offensichtlich beide Fehler gemacht.“

„Ernsthaft. Erklär‘s mir. Ich kann zuhören. Der Tod bringt einen gewissen Abstand zu den Dingen.“

„Du bist tot?“ fragte Kentub.

„Ich bin gestorben. Ich bin nicht sicher, was ich jetzt bin. Du weichst aus. Aber das macht nichts. Wenn ich darüber nachdenke, spüre ich, dass der Abstand groß genug ist, um es nicht unbedingt wissen zu müssen.“

„Ich war immer skeptisch mit dem Fremden, aber ich kann wohl nicht leugnen, dass er dich irgendwie ganz gut – Ach, aber was ich völlig vergessen habe: Hab ich das richtig gedeutet, dass du dieses … Wesen da vorhin einfach erschossen hast?“

„Ja, vollkommen richtig“, anwortete Marchant.

„Und … Ich weiß, das ist gerade von mir jetzt eine pikante Frage, aber: Warum denn  eigentlich?“

„Ich treffe keine eigenen Entscheidungen mehr.“

„Was soll das heißen? Der Fremde hat es dir befohlen?“

Na da hat sich dein Kampf für die Freiheit ja richtig gelohnt, entschied Kentub sich im letzten Moment doch lieber nicht zu sagen.

„Ich weiß selbst nicht genau, was er macht. Aber ich kenne jedenfalls meine Aufgabe.“

„Das muss schön sein.“ Kentub seufzte. „Meinst du, der Fremde kann noch weitere … Schon gut, vergiss es.“

„Ich würds mir nicht wünschen.“

„Ich sagte ja, schon gut. Es ist ja nicht – Jeanne, was ist denn nun los?“

„Ich habe meine Einschätzung der Situation korrigiert. Aufgrund der Anzahl und der Bewegungsmuster der Tiere, die uns verfolgen, verspricht es keinen Erfolg, zum Landeplatz der restlichen Besatzung zu fliehen. Wir würden damit nur den Erfolg der Gesamtmission in noch größere Gefahr bringen.“

„Und deshalb bist du stehengeblieben? Jeanne, ich weiß dich sehr zu schätzen, aber ich glaube nicht, dass du es mit dieser Gefahr aufnehmen kanst.“

„Das Ziel ist nicht, die uns verfolgenden Tiere zu zerstören oder zu vertreiben. Dies erscheint mir unrealistisch. Ich habe unser Ziel dahin korrigiert, herauszufinden, was ihre Absichten sind, und ob Kommunikation möglich ist.“

„Und falls nicht?“

„Besteht das Ziel darin, den Rest der Besatzung und damit die Erfolgschancen der Gesamtmission zu retten.“

Kentub zögerte nur kurz, bevor er antwortete, und fragte sich, ob das etwas Edles oder Besorgniserregendes über ihn verriet, oder beides:

„Jeanne, ich sag das nicht gerne, aber wäre es zu diesem Zweck nicht noch besser, wenn du uns hier zurücklassen würdest, um selbst zum Rest der Besatzung zurückzukehren?“

„Negativ. Erstens spricht viel dafür, dass sie mich weiter verfolgen würden, zweitens verfüge ich über Mittel, die die Chancen auf erfolgreiche Kommunikation dramatisch erhöhen. An diesem Punkt im Verlauf ist meine weitere Präsenz für den Erfolg der Gesamtmission nicht mehr unverzichtbar.“

12.39.97

„Was hast du getan? Psmith?“

Er grinste. Nicht wie ein Wahnsinniger, wie es Piedra angemessen vorgekommen wäre, sondern eher erleichtert, wie jemand, der froh ist, etwas hinter sich zu haben.

„Es ist zu spät“, sagte er, und klang dabei vor allem müde.

„Das haben wir so verstanden“, antwortete Tisha. „Aber was genau hast du getan?“

Jetzt sah sein Lächeln aus, als hätten sie ihn gerade dabei erwischt, sich eine Portion Sirup mehr zu nehmen, als ihm zustand.

„Das Wasser.“

Piedra hörte, wie ihr eigener Atem schneller und schwerer wurde.

„Was?“

„Das Wasser!“ sagte er, als wär er frustriert, es erklären zu müssen.

Dabei hatte er doch angeblich genau darauf gewartet.

Tisha packte ihn am Kragen und schob ihn gegen die Wand. Er versuchte nicht einmal, Widerstand zu leisten.

„Psmith, was hast du getan?“

„Die Medikamente. Ich habe das Wasser vergiftet.“

„Aber … Das Wasser wird doch aufbereitet und gefiltert?“

Piedra hatte Angst, aber sie verstand noch nicht, warum.

„Nicht schnell genug“, sagte er. „Es müsste fast eine Woche dauern, bis das Wasser im Kreislauf wieder trinkbar ist, und bis dahin sind wir alle tot. Sie müssen das Experiment abbrechen.“

„Wie … Wie hast du das gemacht? Der Zugang zum Frischwasserzulauf ist gesichert!“

Er grinste, sichtbar stolz. „Alles, was jemals sabotiert wurde, war irgendwie gesichert, oder nicht?“

Piedra zog ihre Brauen zusammen und starrte ihn an.

„Du hast ernsthaft unsere Wasserversorgung vergiftet?“

Er nickte, immer noch mit diesem blöden Grinsen.

„Wir haben es geschafft. Es ist vorbei. Sie können so einfach unmöglich weitermachen. Sie müssen es auflösen!“

„Warum glaubst du, dass sie uns nicht einfach sterben lassen?“ fragte Tisha. „Das ergibt doch nicht einmal Sinn, wenn du mit deiner blödsinnigen Wahnvorstellung Recht hast!“

„Das Experiment ist sinnlos, wenn wir alle sterben. Wenn sie noch irgendwelche nützlichen Daten gewinnen wollen, müssen sie jetzt abbrechen, dann können sie uns noch auswerten! Wenn wir tot sind, ist es …“

„Du hast das wirklich gemacht, oder?“ unterbrach ihn Piedra. Sie stand immer noch unmittelbar vor ihm und hielt ihn gepackt. Sie schüttelte ihn ein wenig. „Du dämlicher wahnsinniger Volltrottel, du erbärmlicher Wicht hast wirklich das Wasser vergiftet? Sag, dass das ein blöder Witz von dir ist, oder genau so eine bescheuerte Wahnvorstellung wie dieser Quatsch mit dem Test! Los, jetzt, sags, sonst …“

Sie verstummte und stieß noch ein frustriertes Stöhnen aus, so wütend, dass ihr keine Drohung mehr einfiel.

„Es ist so offensichtlich“, sagte er mit einem Kopfschütteln. „Und ihr könnt es nicht sehen. Ihr seid so gefangen in eurer Indoktrination, dass ihr nicht sehen könnt, wie schwachsinnig die Vorstellung ist, dass dieses Schiff Lichtjahre von der Erde entfernt durchs All reist und wir die letzten Menschen im Universum sind und die Aufgabe haben, alles neu aufzubauen und das intelligente Leben im Universum zu erhalten! Was für ein Blödsinn!“

Tisha sah zu Piedra. „Die Fremden! Sie können uns helfen. Wenn wir schnell genug reagieren, und sie uns schnell genug erreichen können, geben sie uns vielleicht Wasser.“

Psmith lachte.

„Sag nicht, dass ihr wirklich-“

„Oh Gott halt doch deine dumme Fresse!“ unterbrach ihn Piedra.

Sie ließ ihn los und drehte sich zu Tisha um.

„Wir müssen sofort Jeanne informieren, und alle anderen, damit niemand von dem Wasser trinkt, oder? Weißt du, wie schnell ein Toxin sich im System verteilen würde? Ich kenn mich mit dem Teil der Technik viel zu wenig aus.“

„Schwer zu sagen. Da sind Filter, und man müsste wahrscheinlich wissen, wo genau er was genau in den Kreislauf eingeführt hat. Aber ich glaube auch, dass das dringendste jetzt ist, Jeanne zu informieren.“

Tisha drückte auf den Taster ihres Armbandes, während Piedra sich noch einmal zu Psmith umdrehte und ihn anzischte: „Wehe, das ist jetzt falscher Alarm! Wenn wir uns deinetwegen noch mal zum Löffel machen, dann wirst du all deine geklauten Schmerzmittel selber brauchen!“

„Jeanne!“ rief Tisha in ihr Mikrophon „Wir haben einen Notfall. Szenario 172-B!“

Selbstverständlich antwortete Jeanne ohne Verzögerung und ohne jedes Zeichen von Überraschung. Tisha kannte sie wie jedes Besatzungsmitglied seit ihrer Geburt, hatte jahrelang eng mit ihr gearbeitet, und empfand dennoch einen Moment der Überraschung darüber.

Wer ruft: „Wir werden alle sterben!“ erwartet als Antwort kein nüchternes:

„Ich werde umgehend die erforderlichen Maßnahmen einleiten. Bitte suchen Sie mich unverzüglich auf, um mich über weitere Details zu informieren.“

 

Lesegruppenfragen

  1. Fandet ihr den Schnitt in der ersten Szene zu abrupt? Oder habt ihr sonst eine Meinung dazu?
  2. Findet ihr, dass ich oft genug etikettiere, wer gerade was gesagt hat, oder ist es zu viel oder zu wenig?
  3. Fandet ihr das Gespräch zwischen Marchant und Kentub noch unterhaltsam?
  4. Was würdet ihr denn jetzt mit Psmith machen? Ich weiß, blöde Frage, und ich hab ja eigentlich nie festgelegt, dass es immer vier sein müssen, aber jetzt ist es halt passiert, und alles markieren und löschen ist auch Arbeit.
Advertisements

2 Kommentare zu “Generationenschiff (14)

  1. 1. Nein. Ich stelle mir vor, dass er auch hier noch mal seine Unsicherheit ehrlich zur Schau stellt.
    2. In der Szene mit Piedra war es genau richtig, mehr hätte hier dem Fluss des Gespräches geschadet. Bei der Besprechung im Oval Office war ich mir beim ersten Lesen nicht immer sicher, wer was sagt.
    3. Ja. Sehr sogar.
    4. Vielleicht ein kreatives Ableben?

    „Gelegentlich musst du mir erklären, wie das funktioniert.“
    Hier bin ich über das „gelegentlich“ gestolpert. In meinem Sprachgebrauch bedeutet es „immer mal wieder“ im Gegensatz zu „bei Gelegenheit“. Der Duden sagt allerdings, dass beide Bedeutungen möglich sind. Hm.

  2. @Henrik: Danke schön!
    2. Interessant. Ich hab da sogar noch extra weitere Angaben eingefügt. Bin darin aber auch wirklich nicht gut. Braucht also noch ein bisschen mehr. Danke!
    4. Naja… Zu schnell darf das aber nicht gehen, sonst ist ja der schöne Konflikt weg.

    Zu dem „gelegentlich“: Ich benutze es ulkigerweise fast nur im zweiten Sinne. Danke dir aber jedenfalls für den Hinweis!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s