Generationenschiff (12)


Immer noch nicht schnell genug. Aber schneller als bisher. Es wird. Es wird.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später  Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Was heute geschieht

11.39.97

Piedra atmete, biss sich mit den Schneidezähnen auf die Zunge, schob nachdenklich den Unterkiefer von links nach rechts, und schaute in Psmiths Gesicht, weil es sonst merkwürdig gewesen wäre, und an die metallene Wand hinter ihm, weil sie ihn ja auch nicht permanent anstarren konnte.

Psmith atmete – natürlich, sogar Fische atmen –, und er schob seine Lippen ein wenig vor, leicht aufeinandergepresst, und schaute abwechselnd in Piedras Gesicht und an die metallene Decke über ihr.

Tisha atmete nicht. Sie war zu beschäftigt damit, nachzudenken, über Alternativen nachzudenken. Aber sie wusste, dass sie bald würde atmen müssen, denn wenn sie nicht das Schweigen brach, würden sie hier noch stehen, wenn die Humanity gelandet war.

Dachte sie.

„Wir müssen reden“, sagte Psmith, noch bevor sie den unvermeidlichen Atemzug genommen hatte.

Donnerwetter, dachte Tisha, und atmete.

„Worüber?“ fragte Piedra mit einem nicht ganz geglückten Versuch eines spöttischen Lächelns.

Psmith schob die Unterlippe vor und hob die Augenbrauen. Er schaute links und rechts den Flur entlang, in dem er vor ihrer Tür stand.

„Kann ich reinkommen oder nicht?“

Piedra seufzte und zuckte die Schulter.

„Wir sind neugierig“, sagte sie, und ruinierte ihren Versuch, Selbstsicherheit zu demonstrieren, indem sie sich an Tisha wandte und fragte: „Oder?“

Tisha unterdrückte ein Lächeln und nickte, weil sie befürchtete, es nicht mehr zu schaffen, wenn sie zu sprechen versuchte.

Dann dachte sie daran, wie schwierig es würde, bei all der gegenseitigen Abneigung eine möglichst wenig unangenehme Positionierung für drei Personen und Piedras kleiner Kabine zu finden, und verlor doch vorübergehend die Kontrolle über ihre Gesichtszüge.

„Ja, ich finds auch ein bisschen lustig“, sagte Psmith, mit einem Gesichtsausdruck, der diesen Schluss nicht unbedingt nahegelegt hätte.

„Ich nicht“, widersprach Piedra ihm mit einem verwirrten Blick zu Tisha. „Los komm rein, mach die Tür zu, und dann können wir reden. Und wehe, du … versuchst irgendwas Komisches.“

Psmith hob eine Augenbraue. „Denkst du an was Bestimmtes?“

„Lass den Quatsch“, raunte Tisha ihm zu. „Ist doch alles so schon schwierig genug, oder?“

Er verdrehte die Augen, zuckte die Schultern, nickte aber schließlich. Psmith atmete tief durch, betrat den Raum mit einer Haltung und Mimik, als wäre er sich nicht ganz sicher, ob er beim Überschreiten der Schwelle zu Staub zerfallen würde, blieb aber ganz und konnte deshalb den Taster berühren, der die Tür hinter ihm wieder verschloss.

„So. Worüber willst du reden?“

Psmith schenkte Piedra ein Lächeln, das es nicht einmal bis ins weitere Umfeld seiner Augen schaffte.

„Ich wollte dich zu einer komplizierten Diagnose konsultieren, weil ich mir nicht mehr sicher bin, was der Unterschied zwischen Koagulations- und Kolliquationsnekrose ist. Was glaubst du, worüber ich reden will?“

Sie zuckte die Schultern.

„Ich versteh nichts von Nekrosen, tut mir leid.“

Tisha schmunzelte, und sah diesmal keinen Grund, es zu verstecken.

Er rollte mit den Augen, schloss sie kurz, atmete tief durch, öffnete die Augen wieder, und schaute von Piedra zu Tisha und zurück.

„Ihr wisst genau, worum es geht, aber wenn es euch Spaß macht, es mich sagen zu hören: Ich will über deine albernen Verdächtigungen reden.“

Piedra seufzte, und ließ ihre Schultern sinken. Hatte sie wirklich gedacht, dass er einfach alles zugeben würde?

„Jeanne kann dich hier nicht hören“, sagte Tisha.

Piedras Kopf ruckte zu ihr, Brauen verwirrt zusammengezogen.

„Jeanne kann uns überall hören.“

Tisha lächelte. „Ja, das erzählen wir euch. Was glaubst du, wie Psmith seine kleine Verschwörung organisiert hat, wenn ihr wirklich nichts entgeht? Es sind weder überall Sensoren im Schiff, noch funktionieren sie alle immer noch, noch hat Jeanne die Kapazität, sie permanent alle zu überwachen. Und wenn du das irgendjemandem erzählst, hoffe ich, dass du nie wieder ruhig schlafen kannst dafür, was du mir damit angetan hast.“

„Was, wenn ich es jemandem erzähle?“ fragte Psmith.

Piedra zog eine Grimasse. „Wenn wir ihn nur ein kleines bisschen hauen, dann kann er ja weiterhin als Arzt arbeiten, oder? Ich bin nicht mal sicher, ob er dafür beide Hände braucht… Es kann ihm ja jemand assistieren.“

Psmith schaute von Piedra zu Tisha mit einem Lächeln, an dem sie beide deutlich sehen konnten, dass er sich nicht so sicher war, darüber lächeln zu können, wie er gerne gewesen wäre.

„Habt ihr eigentlich mal drüber nachgedacht, was wir hier machen?“ fragte er.

„Zurzeit denken wir vor allem drüber nach, was du hier machst!“ antwortete Piedra.

„Ich meine nicht solchen Kleinkram. Ich meine nicht, ob jemand immer brav tut, was Jeanne sagt, oder auch mal nicht. Ich meine das Große Ganze.“

„Oh Gott, du bist nicht auch so einer, oder?“

Er schaute Piedra aufrichtig verwirrt an. Revolutionäre können mit kaum einer Reaktion so schlecht umgehen wie mit ‚Och, nicht schon wieder‘, dachte Tisha.

„Wie, so einer?“

Piedra lachte auf, nicht besonders fröhlich.

„Kennt ihr euch echt nicht untereinander? Habt ihr nicht einen Klub oder sowas, wo ihr zusammen sitzt und schlaue Sachen sagt und euch gegenseitig versichert, wie unangepasst und besonders ihr seid, während andere die Arbeit machen, damit ihr noch Luft habt, die ihr erhitzen könnt?“

Tisha schob beeindruckt ihre Unterlippe vor. Für Tishas Verhältnisse war das ein ziemlich cleverer Rant gewesen.

„Wovon redet sie?“ fragte Psmith.

„Ehrlich? Ich meine …“ sie nahm einen tiefen Atemzug und schnitt eine Grimasse, bevor sie den Namen aussprach. „Banja. Zum Beispiel. Darauf willst du doch hinaus, oder? Wer sagt denn, dass wir uns an die Mission halten müssen? Was geht uns die Mission an? Warum soll es unser Job sein, die Menschheit zu retten? Was hat die Menschheit denn für uns getan? Hat uns jemand gefragt, ob wir den Job haben wollen? Ist es das, was du sagen willst? Ist es, oder?“

„Naja.“ Er wollte es nicht zugeben, aber ihm fiel keine hinreichend andere Formulierung ein. „So ungefähr vielleicht“, gab er zu. „Aber du hast es zu einfach dargestellt. Es geht ja nicht nur darum, was unser Job ist, sondern auch, was das alles zu bedeuten hat!“

Piedra und Tisha sahen ihn eine Weile an, bevor Tisha sich damit abfand, dass er eine Aufforderung wollte.

„Was bedeutet es denn?“

Er grinste, und sofort tat es ihr leid, sie ihm geliefert zu haben.

„Das bedeutet, dass dies hier unsere Chance ist, aus diesem Scheiß-Experiment zu entkommen!“

15.76.149

„Ä. Äh… Äh.“

Kentub hatte wirklich nicht damit gerechnet, Jeanne zu begegnen.

Das fremde Wesen, das ihn trug, anscheinend auch nicht. Es war stehen geblieben, ähnlich reglos erstarrt wie bei seiner ersten Begegnung mit ihm.

Kentub bewegte sich ein bisschen, um die Belastung anders zu verteilen, und bereute es. Die Arme des Wesens waren hart und kantig, und es gab sich keine besondere Mühe, ihn vorsichtig zu tragen. Ein erheblicher Teil seines Gewichts lag auf seinem rechten Schienbein, und er hatte das Gefühl, dass es ohne den Thermo-Anzug schon bis auf den Knochen durchgescheuert wäre.

Zum Glück lenkten die Ungewissheit, was diese fremde insektenartige Entität mit ihm vorhatte, und die damit einhergehende akute Todesangst ihn ein bisschen ab.

„Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie dieses Tier nicht freiwillig begleiten, Kapitän?“

„In der Tat“, antwortete Kentub. „Es ist auch wirklich nicht besonders bequem hier.“ Er musste sich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Er tat sein Bestes, denn er hatte Angst, dass er sonst nie wieder aufhören würde.

„Können Sie die Situation gut genug einschätzen, um eine Handlungsempfehlung auszusprechen? Ich bin überzeugt, dass ich das Tier zwingen könnte, Sie loszulassen. Der für Sie sicherste Weg dazu wäre der Einsatz tödlicher Gewalt. Unmittelbarer Zwang scheint weniger erfolgversprechend und birgt ein erhebliches Risiko, dass Sie dabei Schaden erleiden. Weitergehende Kommunikation dürfte nicht im verfügbaren Zeitrahmen möglich sein.“

„Ich … weiß nicht, Jeanne. Ich weiß nicht viel mehr als du über dieses Ding, vielleicht weniger, aber wenn es nicht nur optische Ähnlichkeit mit irdischen Termiten hat, dann gibt es vielleicht noch eine ganze Menge mehr davon, und wir wollen nicht unbeabsichtigt vermitteln, dass wir ihre Todfeinde sind…?“

„Ich verstehe diesen Denkansatz. Andererseits riskieren Sie durch den Verzicht auf Gegenwehr, die Botschaft zu senden, dass Sie wehrlos sind, womöglich leichte Beute, falls etwas an Ihnen für diese Spezies verwertbar sein sollte.“

„Naja, ich muss doch… Na gut, ja, wir kommen von einem anderen Planeten. Wahrscheinlich sind Zweifel wirklich angebracht. Aber … Denkst du, du kannst es irgendwie betäuben?“

„Ich denke, das kann ich nicht. Ich kann als Kompromiss zwischen Rücksichtnahme auf das Tier und Maximierung Ihrer Sicherheit versuchen, die Gliedmaßen, die Sie halten, abzutrennen, kann aber weder zuverlässig prognostizieren, wie das Tier diesen Schaden bewerten würde, noch, ob Sie beim Sturz und den möglicherweise nachfolgenden Versuchen, Sie erneut gefangen zu nehmen, verletzt werden.“

„Aber du bist sicher, dass du es töten könntest?“

„Ich kann über die Details seiner Anatomie nur mutmaßen, sehe aber eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es nicht fundamental anders aufgebaut ist als die uns bekannten Tiere. Ich würde zunächst den Kopf zerstören, in der Annahme, dass ein Tier dieser Größe über ein Gehirn verfügen könnte und dieses sich vermutlich dort befände. Dann würde ich den Rest des Körpers so lange beschädigen, bis keine Lebenszeichen mehr erkennbar sind.“

„Ich … mag deine pragmatische Herangehensweise. Aber ich sehe immer noch eher – aaahhh…“ Ein Wadenkrampf. Er versuchte, das betroffene Bein durchzustrecken, provozierte damit ein ausgleichendes Nachfassen des Wesens und damit mindestens drei neue Blutergüsse. „Hfffff…. Ich … sehe… die beiden Risiken, dass ich erstens im Laufe dieses Prozesses auch sterben könnte, was ich nicht so gerne möchte, und dass wir damit nur noch größere Probleme heraufbeschwören.“

„Auch ich sehe diese Risiken. Konnten Sie Erfahrungen sammeln, die eine Erklärung nahe legen, warum das Wesen mit dieser Starre auf meine Präsenz reagiert?“

„Eigentlich nicht, fürchte ich. Es war genauso regungslos, als ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. Bis es dann plötzlich aufhörte, regungslos zu sein, und mich packte und entführte. Vielleicht wartet es auf eine Entscheidung. Vielleicht kommuniziert es irgendwie mit dem Rest des Schwarms, falls es einen Schwarm gibt. Ist Schwarm überhaupt der richtige Ausdruck?“

„Ein Schwarm bezeichnet üblicherweise einen Verband fliegender oder schwimmender Tiere. Sind Ihnen Indizien aufgefallen, die auf Flugfähigkeit hindeuten?“

„Bisher nicht. Kommt mir wie eine gute Nachricht vor, aber wahrscheinlich sollte es das nicht. Ich habe eigentlich keinen Grund, von diesen Dingern als dem Feind zu denken.“

Das Wesen gab einen kurzen fauchenden Laut von sich, und für einen Moment fragte Kentub sich, ob es sich missverstanden fühlte und seine feindlichen Absichten von jetzt an deutlicher zu zeigen beabsichtigte.

Dann sah er das faustgroße Loch im Kopf der Kreatur.

„Was… Jeanne! Ich hab gerade noch gesagt …“

Er verstummte, als ihm bewusst wurde, dass Jeannes Kameras rotierten und ihre Geschütze aufgerichtet waren und in eine Richtung schräg hinter ihm zeigten.

Sie hatte nicht geschossen.

Sie suchte den Schützen.

  1. Januar 2047

„Frau Präsidentin, wie stehen Sie zu Kritiken, die Ihnen vorwerfen, in Zeiten schlechter Konjunktur und sinkender Steuereinnahmen Rekordsummen für Projekte zur Weltraumforschung auszugeben, die frühestens in vielen Jahrzehnten Ergebnisse produzieren können?“

„Die Einschätzung der Konjunktur ist gerade in der jetzigen Zeit stark abhängig davon, welchen Experten Sie vertrauen. Die Berater der Regierung rechnen mit einem Anziehen des Außenhandels, sobald der Konflikt im Pazifik beigelegt ist, wozu unsere aktuellen diplomatischen Bemühungen ein wichtiger Beitrag sein werden. Allein dadurch werden zahlreiche neue Arbeitsplätze entstehen, und das von mir Anfang des Jahres vorgestellte Programm zur Förderung der digitalen Wirtschaft wird ebenso wie unsere umfangreiche Liberalisierung des Koalitions- und Arbeitsrechts diesen Effekt noch in diesem Quartal spürbar verstärken, wenn die Bundesstaaten sich an unsere Absprachen halten. Die grundlegenden Daten unserer Ökonomie sind mehr als solide und lassen mich zuversichtlich die weitere Entwicklung erwarten.“

„Dennoch kritisiert nicht nur die Opposition den enormen Zuwachs im Budget der NASA und der von Ihnen neu geschaffenen BGJ auf Kosten anderer Ressorts. Ist Ihnen der Report von Dr. Jeremy Singer bekannt, nach dem Ihre Kürzungen in der Bundesförderung für MedicAid die langfristige Tragfähigkeit des Systems infrage stellen?“

„Steven, ich habe schon vor meiner Wahl stets zu der Politik meines Vorgängers gestanden, und ich sage auch heute noch gerne und voller Stolz, dass es unser Ziel sein muss, dass niemand in diesem Land Angst davor haben muss, durch Krankheit oder Unfall in finanzielle Nöte zu geraten. Aus Sicht dieser Administration ist die allgemeine Krankenversicherung, zu der natürlich auch die Förderungen durch Bundesmittel gehören, unverzichtbarer Bestandteil der Grundsicherung, die wir unter keinen Umständen preisgeben werden.“

„Auch Ihre Informationspolitik hat für Unfrieden im Parlament gesorgt. Sogar Ihre eigene Fraktionsvorsitzende Keisha Jones sagte am letzten Mittwoch der Washington Post, dass die Abgeordneten ihrer Pflicht zur Kontrolle der Haushaltspläne der Regierung nur nachkommen können, wenn für sie auch transparent gemacht wird, wie genau die Mittel verwendet werden, deren Allokation sie ratifizieren sollen.“

„Die Regierung weiß um die wichtige Rolle, die das Parlament in einer lebendigen Demokratie spielt, und Sie werden sehen, dass ein Bekenntnis zu Transparenz und unbedingter Offenheit sich nicht nur wie ein roter Faden durch alle meine öffentlichen Äußerungen zieht, sondern dass das Handeln dieser Administration stets von Respekt und Offenheit gegenüber den anderen Verfassungsorganen dieser großartigen Nation geprägt war. Wir haben daran nichts geändert und werden auch in Zukunft weiterhin zu dieser Haltung stehen, die für mich eine wesentliche Grundlage meiner Legitimation als Präsidentin bildet.“

„Gerüchten zufolge soll ein Großteil der allozierten Mittel in ein Projekt mit dem Namen Humanity fließen, das in Kooperation nicht nur mit der EU, Australien und Japan, sondern auch China, Russland und verschiedenen anderen internationalen Partnern stattfindet. Was können Sie den Bürgern sagen, die befürchten, dass ihre Steuergelder zugunsten fremder Regierungen eingesetzt werden, ohne dass ihre gewählten Vertreter hierüber ausreichend informiert werden?“

„Steven, ich bin überrascht von der Formulierung dieser Frage. Diese Regierung hat stets großen Wert darauf gelegt, im ständigen Dialog mit allen unseren Stakeholdern und Konstituenten zu stehen. Die Frage, die Sie stellen, ist dabei bisher kein einziges Mal an uns herangetragen worden, von keinem Bürger dieses Landes. Ich weiß, dass unter den Wählerinnen und Wählern großes Vertrauen für meine Politik und die Politik dieser Administration herrscht und dass alle, die mir ihre Stimme gegeben haben, ebenso wie auch die Unterstützer der Opposition, verstehen, dass wir vor komplexen und vielfältigen Herausforderungen stehen, die keine Nation im Alleingang bewältigen kann. Wir sind aus diesem Grund in vielen Bereichen auf die Kooperation mit verschiedenen internationalen Partnern angewiesen, von der wir in hohem Maße profitieren und die darüber hinaus die internationalen Beziehungen zwischen uns und den übrigen Teilnehmern solcher Projekte und damit den Frieden in der Welt fördern. Verständigung zwischen den Völkern war immer eine hohe Priorität und eine der wesentlichen Leitlinien unserer Politik.“

„Präsidentin Sima, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.“

„Ich habe zu danken, Steven. Immer ein Vergnügen, mit Ihnen zu plaudern.“

„Wäre es nicht klüger gewesen, sich von jemandem interviewen zu lassen, der für die Regierung arbeitet? Oder ein Statement abzugeben? Dann hätte es nicht ganz so offensichtlich sein müssen, dass Sie ausweichen.“

Die Präsidentin wiegte ihren Kopf von links nach rechts und lächelte. „Man erwartet das von Politikerinnen, und ein Interview mit einem bekannten Medium gibt uns Glaubwürdigkeit.“

„Was glauben Sie, wie lange Sie das Spiel spielen können?“

„Nicht lange. Das Projekt verschlingt Riesensummen, und wenn es nicht bei uns rauskommt, wird es in einer der Partnernationen öffentlich. Wir schaden uns, wenn wir es zu spät zugeben. Aber ein paar Monate können wir uns noch vorbereiten und Fakten schaffen, damit es für die Opposition und die Nörgler in den Medien schwieriger wird, ernsthaften Schaden anzurichten. Es wird schwer genug, wenn es soweit ist.“

„Sie wollen also am Ende alles zugeben?“

Wieder dieses Lächeln. Er hatte das vorher noch nie von ihr gesehen. Wahrscheinlich, weil es zu sympathisch für eine Präsidentin war. Oder zumindest für diese Präsidentin, fügte er hinzu, als ihm einfiel, dass es Obama nicht geschadet hatte, nebenbei als Komiker aufzutreten. Oder zumindest nicht so, dass es Rodney bemerkt hätte. Gerade bei solchen PR-Fragen noch mehr als bei anderen wusste man ja nie ganz genau…

„… um das richtige Gleichgewicht zu finden zwischen der Bedrohung, die unsere extremen Maßnahmen rechtfertigt, und der Beruhigung, die sicherstellt, dass unsere Bürger und die unserer Partner noch bei der Sache bleiben und nicht ihre Jobs kündigen, um in ihrem Garten Bunker zu bauen.“

Rodney dachte ein paar Sekunden lang nach, bevor er entschied, dass sie wahrscheinlich nichts Entscheidendes gesagt hatte und er den Teil, den er in Erinnerung an Obamas Comedy verpasst hatte, extrapolieren konnte. Er würde sie nicht bitten, sich zu wiederholen.

Er würde stattdessen antworten, wie ein geistig völlig gesunder, interessierter Gesprächsteilnehmer: „Verstehe… Keine einfache Aufgabe.“ Ihm fiel etwas ein. „Ich… weiß gar nicht, ob das für Sie was Ungewöhnliches ist. Haben Sie in sowas Routine? Machen Sie Fokusgruppentests? Wie arbeitet Ihre PR-Abteilung? Ist die direkt hier im Weißen Haus? Wissen die, was sie verstecken? Bestimmt haben Sie doch auch externe Agenturen? Brauchen die eine Sicherheitsfreigabe von der NSA?“

Schon wieder das Lächeln.

„Dafür haben Sie noch nicht die nötige Sicherheitsfreigabe“, antwortete sie.

Lesegruppenfragen

  1. Gehts euch zu langsam? Dann könnt ihr jetzt etwas dagegen tun, wenn ihr wollt.
  2. Wie fandet ihr das mit dem Atmen ganz am Anfang? Ich fands ganz ulkig, aber ich könnte mir vorstellen, dass es einem auf den Geist geht, oder auch einfach doof vorkommt.
  3. Und Kentubs Haltung im Gespräch mit Jeanne? Sollte natürlich auch ein bisschen lustig sein, aber ist es schon zu doll für die angespannte Situation? Wie fandet ihr das?
  4. Diesmal sind die Fragen ein bisschen lahm, aber mich interessierts wirklich: Fandet ihr die letzten Szenen mit der Präsidentin langweilig?
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4 Kommentare zu “Generationenschiff (12)

  1. 1. Da war es jetzt natürlich ein bisschen kontraproduktiv, dass du von allein so schnell ein neues Kapitel geschrieben hast…?
    2. Ich fand’s auch lustig, und finde, es ist zu kurz, um einem auf den Geist gehen zu können, selbst wenn man es nicht so lustig findet.
    3. Ich fand die Szene mit Kentub und Jeanne ausdrücklich ganz wunderbar unterhaltsam geschrieben und hätte darauf auch explizit hinweisen wollen, wenn du nicht gefragt hättest. Und es reduziert auch nicht die Spannung oder das Gefühl für den Ernst der Lage für mich.
    4. Auch das hat für mich gut funktioniert insofern, als es tatsächlich einen Punkt gab, an dem ich dachte, hmpf, ja, das ist wahrscheinlich der beste und realistischste Weg, uns diese Informationen und diesen Eindruck von der Situation zu vermitteln, aber es zieht sich ein bisschen trocken hin – und genau in dem Moment kam eben die überraschende Wende. Prima.

  2. Danke für die Antworten!
    1. „So schnell“… Na gut, man muss sich selbst nur die Messlatte niedrig genug legen, und schon wird Erfolg ein Kinderspiel. Aber vielen Dank, schätze ich.

  3. 1. Da schon eine Vorschau auf das nächste Kapitel existiert, nehme ich mal an, dass es jetzt Schlag auf Schlag geht.
    2. An und für sich in Ordnung, aber über „natürlich, sogar Fische atmen“ bin ich gestolpert.
    3. Das sehe ich wie madove. Generell finde ich die Gespräche mit Jeanne immer gut, ich hoffe sehr, dass sie nicht den Geist aufgibt.
    4. Auch hier kann ich mich meiner Vorrednerin anschließen. Sehr gelungener Schluss.

  4. @Henrik: Danke für deinen Kommentar! Ich schwöre, ich würde hier viel schneller antworten, wenn WordPress es nicht so mühsam machen würde, sich unter anderem Benutzer anzumelden. Aber ich lese die Kommentare immer gleich und freu mich dann sehr drüber, und wenn was drin stünde, was konkret eine Antwort erfordert, würd ich auch schneller, ehrlich.
    2. Ja… Ich denk noch mal drüber nach. Danke!
    Und natürlich auch danke für dein Vertrauen in 1. Ich bemüh mich.

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