Generationenschiff (11)


Ja. Ja, ich weiß. Aber 2017 kam so plötzlich. Das konnte echt niemand kommen sehen. Aber es ging immer noch schneller als bei Kapitel 10, und ich beabsichtige, das Tempo noch weiter zu steigern. Ihr werdet euch wundern. Wenn ihr eine niedrige Schwelle dafür haben solltet, euch zu wundern. Vielleicht.

Viel Spaß mit dem neuen Kapitel! Jetzt mit 4 mehr Lesegruppenfragen. Als relative Angabe wäre es eindrucksvoller gewesen, aber mein Marketing soll aufrichtig und klar verständlich sein. Weil ich halt so drauf bin.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später  Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tishe und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Was heute geschieht

09.39.97

„2023 haben zwölftausend Menschen Beiträge dazu geschrieben, welche Filmtitel sich am lustigsten mit Wombats ergänzen lassen“, sagte Banja. „Das sind fast fünfhundertmal mehr als jetzt noch übrig sind. Mehr Leute haben innerhalb von ein paar Tagen Witze über Wombats gemacht, als in den letzten hundert Jahren um den Fortbestand der Zivilisation gekämpft haben.“

„Was sind Wombats?“ fragte Nico. „Und es sind nicht mal ganz vierhundertmal mehr.“

Banja schniefte, und verschluckte sich dabei, und hustete, und ein Klumpen Schleim aus seiner Nase fiel auf sein Knie, und er wusste nicht, ob es geschickter wäre, ihn jetzt schnell unauffällig wegzuwischen, oder ob er damit erst recht Aufmerksamkeit darauf ziehen würde.

Nicos Konzentration schien gerade größtenteils dem Bildschirm in seiner Hand zu gelten; das würde die Chancen erhöhen, dass er nichts bemerkte.

Banja hatte sich seinen Abschied von der Menschheit würdevoller vorgestellt. Aber Würde war im echten Leben eine teure Ware ohne letztendlichen Wert, oder mit den Worten Brian Stablefords: „If all dead men lose control of their bowels, even heroes must die without dignity.“

„Oooohhh…“ Nico schaute von seinem Bildschirm auf. Er lächelte verzückt. „Ich mag Wombats. Glaubst du, wir kriegen welche auf Last Hope? Ich weiß, ich werds nicht sehen, aber es wäre eine schöne Vorstellung.“

Banja nickte und lächelte, so gut er konnte. Er wusste natürlich, dass die Humanity keine Wombats transportierte, und er begriff nicht, wie Nico das nicht wissen konnte.

Aber er sagte das nicht. Er sagte etwas Anderes, das ihm jetzt wichtiger vorkam.

„Ich hab Angst“, sagte er.

Banja hatte darüber gelesen, und die Bordbibliothek enthielt auch Filme, in denen das Thema vorkam, aber niemand an Bord der Humanity hatte je die Erfahrung gemacht, eine vertraute Gruppe zu verlassen und in eine neue einzutreten. Er war sich nicht sicher, ob es dadurch schlimmer oder weniger schlimm wurde, dass es ihm zum ersten Mal passieren würde, aber letzten Endes stand noch nie ein Mensch davor, in eine völlig fremde Spezies einzutreten. Es war also so oder so nicht sinnvoll vergleichbar.

Nico nickte langsam. Einige Zeit schwiegen beide, bevor Nico sprach.

„Ich weiß nicht, ob ich das jetzt fragen sollte, aber warum hast du dich dann dafür entschieden? Ich meine… Ich mein das jetzt nicht …“ Er zögerte, wiegte den Kopf von links nach rechts, und zuckte schließlich die Schultern. „Doch, ich schätze, das meine ich auch: Hast du gehofft, dass ich mitkomme? Oder wolltest du sogar, dass ich hierbleibe? Wars dir gar nicht so wichtig, was mit mir passiert? Was denkst du, Banja? Warum machst du das?“

Es wäre auch zu einfach gewesen, wenn dieses Gespräch nicht noch gekommen wäre. Dass er sich gefreut hatte, als es nicht kam, sagte vielleicht schon viel aus. Er hoffte, dass Nico das nicht so deutlich empfand.

„Es hat nichts mit dir zu tun.“ War das zu deutlich? Aber andererseits: Er erzählte Nico gerade, dass er sich davor fürchtete, als erster Mensch Kontakt zu einer fremden Spezies herzustellen und quasi als Botschafter – oder vielleicht eher wie ein Zootier – bei dieser fremden Spezies unterzukommen, und Nico wollte ein Beziehungsdrama draus machen. Das war auch nicht besonders rücksichtsvoll, oder? „Ich … kann hier einfach nicht bleiben. Ich halte es hier nicht aus. Das hier ist nicht richtig für mich, und dann kommt diese Chance, neu anzufangen. Was kann ich denn anderes tun, als sie zu ergreifen?“

Wieder schwieg Nico eine ganze Weile, bevor er antwortete, leise und ohne Banja in die Augen zu sehen.

„Das heißt… Du hoffst, dass ich mitkomme?“

„Jeanne würde es nicht gestatten“, war die einzige Antwort, die Banja einfiel.

„Woher weißt du das? Vielleicht freuen sich die Aliens ja, wenn sie zwei Versuchsexemplare bekommen? Vielleicht kann die Mission davon profitieren? Oder Jeanne ist sowieso froh, mich los zu sein, weil du nicht der einzige Mensch auf diesem Schiff bist, der nicht in die Crew passt? Weil du nicht die einzige ganz besondere, einzigartige Person bist, die noch übrig ist?“

Nico zögerte, schluckte, senkte den Blick und schüttelte den Kopf.

„Schon gut“, sagte er, wieder sehr leise. „Ich mag mich nicht so von dir verabschieden. Du hast das so beschlossen, und ich nicht, und du gehst und ich bleibe hier, und du wirst mir fehlen.“ Er wischte mit dem Ärmel seine Nase ab, und Banja empfand es eingedenk des Schleims auf seiner eigenen Kleidung als Erleichterung, wie egal es ihm anscheinend war. „Verdammt, du wirst mir so fehlen…“

Nico schaute wieder auf zu ihm.

„Was mach ich denn ohne dich?“

Banja antwortete mit einem traurigen Schulterzucken.

„Vielleicht können wir ja…“ Er senkte seinen Blick. Gut gemeint, aber so offensichtlich albern, dass er es nicht auszusprechen wagte.

Nico lächelte. Und nickte. Und zuckte auch die Schultern.

„Ja. Vielleicht.“

„Du wirst mir fehlen“, stieß Banja hervor, als er die Stille nicht mehr ertragen konnte.

„Du mir auch. Machs gut. Ich … Ich würde, aber ich kann nicht …“ Nico presste die Lippen zusammen, schniefte und nickte Banja ein letztes Mal zu, bevor er sich abwandte und aus der Kabine floh.

„Danke“, murmelte Banja, und: „Ich liebe dich“, zu spät, als dass es noch jemand außer ihm selbst hätte hören können.

Aber er selbst hatte es gehört. Manchmal musste das genug sein.

 

14.76.149

Kentub fand, dass es an der Zeit war, die Augen zu öffnen. Prinzipiell. Nur vielleicht noch nicht jetzt gleich. Auf eine Sekunde mehr würde es sicher nicht ankommen. So lange konnte er noch warten.

Immerhin war er sich ziemlich sicher, nicht ernsthaft – was war das? Auf eine Erschütterung folgte ein Knarren, und langsam begann die Landungskapsel, sich zu bewegen. Zu rollen. Der bizarre Gedanke, dass er sich zum ersten Mal in seinem Leben in einem Gefährt über Land bewegte, blitzte durch sein Bewusstsein, kurz bevor er schließlich die Augen öffnete.

Alle Monitore in der Kapsel waren tot. Abgeschaltet oder zerstört, er hatte jedenfalls kein Bild. War irgendwo ein Fenster in der Kapsel? Kentub erinnerte sich nicht. Das einzige Licht, das er sah, stammte von den Dioden um ihn herum, die noch funktionierten.

Mit einem letzten Dröhnen und einem Ruck kam die Kapsel wieder zum Stehen.

Kentub hielt einige Sekunden inne. Er sah sich um, als würde ihm das irgendetwas darüber verraten, was draußen geschah.

Er seufzte und griff nach dem Schloss der Gurte, die ihn in seiner Sitzschale hielten. Erst im letzten Moment fiel ihm ein, noch zu überlegen, in welcher Position er sich befand, und er suchte Oberflächen, an denen er sich abstützen konnte, nachdem er die Gurte gelöst hatte.

Klick.

Die Schwerkraft auf Last Hope war höher als die der Erde, aber die Humanity hatte dies durch eine schrittweise Erhöhung der Beschleunigungskräfte während der letzten Jahrzehnte der Reise kompensiert, und Kentub spürte keinen Unterschied gegenüber seinem gewohnten Gewicht.

Eine Sache, die funktioniert hatte. Er hoffte, er würde noch viel, viel mehr davon finden.

Umständlich rappelte er sich auf und tat sein Bestes, um mit dem Fuß nicht in einen der Bildschirme oder sonstigen Instrumente zu treten.

Dann fiel ihm ein, dass diese Kapsel ohnehin nie wieder fliegen würde, und er kam sich albern vor, bis ihm einfiel, dass das ja nicht hieß, dass die Elektronik darin keinen Nutzen erfüllen könnte, und dass außerdem natürlich auch er selbst sich verletzen konnte, wenn er Scherben oder Kurzschlüsse oder sonstige Schäden erzeugte.

Kentub war sich im Ergebnis nicht mehr sicher, ob es noch angemessen war, sich albern vorzukommen, entschied dann aber, dass es wohl nicht schaden konnte.

In zahlreichen Übungen hatte er die Landung auf Last Hope trainiert, und er hätte geschworen, dass er seinen Thermoanzug auch mit geschlossenen Augen finden und anziehen könnte, aber auch diese Sicherheit erwies sich unter realen Bedingungen als beeindruckend fragiles Konstrukt. Nur weil die Kapsel ein bisschen anders orientiert war als sonst, brauchte er vier Versuche, bis er schließlich den richtigen Hebel gefunden und in die richtige Richtung bewegt hatte, um den Beutel mit dem vakuumverpackten Thermoanzug aus seinem Fach zu ziehen.

Er wusste nicht, in welcher Region er gelandet war, aber wenn er sich richtig erinnere, musste er sich auf Temperaturen im deutlich zweistelligen Minusbereich einstellen. Der genaue Wert war für ihn nicht von großer Bedeutung. Kentub hatte sein gesamtes Leben bei ziemlich genau 21°C verbracht, mit kleinen Schwankungen, und ganz streng genommen natürlich die Nächte bei etwas über 30° unter der Decke. Er hatte gelegentlich ein bisschen gefröstelt, und er kannte die Tiefkühlfächer an Bord der Humanity, aber er hatte keine Erfahrung damit, wie es war, sich über lange Zeit in einem großen freien Raum bei solcher Kälte aufzuhalten. Er stellte es sich jedenfalls sehr unangenehm vor.

Umso erleichterter war er, dass mit dem Thermoanzug alles in Ordnung schien. Der dick gepolsterte Overall ließ sich problemlos überstreifen, wies keine erkennbaren Schäden auf und fühlte sich erfreulich warm und gemütlich an.

Zeit, ihn unter ernsteren Bedingungen zu testen.

Als er schließlich die Ausstiegsluke gefunden und den Schraubverschluss aufgedreht hatte – bemerkenswert leichtgängig für eine Mechanik, die vor mehreren hundert Jahren jemand konstruiert hatte – blies ihm sofort ein so eisiger Wind entgegen, dass er trotz des Anzugs der Versuchung widerstehen musste, die Luke wieder zu verschließen und ins Innere der Kapsel zurückzukehren. Nur für ein paar Minuten. Es gab ja keinen Grund zur Eile.

Aber weil alle schlimmen Fehler so anfingen, zog er stattdessen die Schutzmaske ins Gesicht, stemmte die Arme auf die Ränder seiner Luke, hob sich ins Freie und nahm den ersten Atemzug, den je ein Mensch auf der neuen Heimat genommen hatte.

Die Luft, die in seinen Mund und seine Luftrühre und schließlich seine Lungen strömte, war – zugegebenermaßen wenig überraschend – kalt. Sie war so kalt, dass es sich weniger wie Atmen anfühlte als wie ein Glas kaltes Wasser. Er nahm einen zweiten Atemzug, durch die Nase, und fühlte, wie kalte Luft seine Schleimhäute oberflächlich gefrieren ließ.

Beängstigendes Gefühl. War das normal? Oder hieß es, dass er etwas anders machen sollte?

„Es ist … erfrischend“, murmelte er. „Immerhin…“

Es war natürlich streng genommen nicht der erste Atemzug, zumal er nicht wusste, ob nicht andere Mitglieder der Besatzung vor ihm schon anderswo ihre Kapseln verlassen hatten. Aber es fühlte sich trotzdem wie ein sehr bedeutender Moment an.

Kentub stand auf der Rettungskapsel, widerstand der Versuchung, einen Fuß auf eine erhöhte Fläche zu stellen, Knie anzuwinkeln und die Hände in die Hüfte zu stemmen. Er sah sich um auf dem Planeten, der nun wohl oder übel das Zuhause der Menschheit war.

Wohl, dachte Kentub. Hoffentlich wohl. Übel hatten wir doch jetzt erst einmal genug.

Als Erstes fiel ihm auf – neben dem märchenhaften Funkeln der Schnee- und Eiskristalle im schwachen Licht der bereits hinter dem Horizont versunkenen Sonne – wie … groß alles um ihn herum war. Wie endlos, wie unbegrenzt, und unüberschaubar. Er war tatsächlich froh, dass er die Umrandung der Luke hatte, an der er sich festhalten konnte. Es machte ihn ein wenig schwindlig, nachdem er sein gesamtes Leben niemals weiter als wenige Meter in eine Richtung hatte blicken können, in einer in alle Richtungen so offenen Landschaft unter einem endlosen Himmeln zu stehen. Der Blick ins All zählte nicht, weil es da keine Markierungen gab, die Dreidimensionalität vermittelten.

Er kannte das Konzept von Bildschirmen und virtueller Realität, aber in realer Realität war es doch noch einmal ein völlig anderes Gefühl. Vielleicht hatte er Glück, dass es dunkel war, auch wenn ihn gleichzeitig beunruhigte, wie viel Raum um ihn herum für ihn unsichtbar blieb. Und anders als bei gelegentlichen Albträumen an Bord der Humanity hatte Kentub hier auf Last Hope keine Grundlage für die Überzeugung, dass sich dort in Wahrheit nichts Gefährliches verbergen konnte, dass in den Schatten nicht die Monster lauern konnten, die seine überdrehte Fantasie sich ausmalte.

Nichts sprach dagegen, dass auf Last Hope tatsächlich Monster in den Schatten lauerten.

Dann sah er die riesige Termite.

Abermals musste er der Versuchung widerstehen, sich sofort wieder in die Kapsel zurückzuziehen.

Das Wesen konnte natürlich in Wahrheit keine echte Termite sein, und gewiss hätte ein Biologe sofort auf die zahlreichen Unterschiede hinweisen können, auch jenseits der schieren Größe des … Tiers, aber für Kentub, der zwar noch nie eine lebendige Termite gesehen hatte, sie aber aus verschiedenen Büchern und Dokumentationsfilmen kannte, die er an Bord der Humanity gelesen und angesehen hatte, erinnerte das fremde Wesen sehr an die irdischen Insekten, bis hin zu dem großen Kopf mit den langen spitz zulaufenden Mandibeln, die es seiner Erinnerung nach als Kriegerin auswiesen. Oder Soldatin. Er war sich nicht mehr ganz sicher, was der üblichere Terminus war.

Trotz aller Ähnlichkeiten erkannte er auch Unterschiede, während er das Wesen genauer betrachtete. Sein länglicher Leib stand größtenteils waagerecht auf sechs Beinen, verfügte aber an dem aufgerichteten vorderen Teil, der in den sicherlich einen guten Meter langen Mandibeln endete, über zwei weitere Gliedmaßen mit Greifzangen. Der Hinterleib schien Kentub proportional erheblich kürzer zu sein als bei irdischen Termiten.

„Jeanne, du wirst dich hier wohlfühlen“, murmelte er.

Was nun? Es stand nach wie vor einfach regungslos da, und er traute sich kein Urteil zu, ob die großen bleichen Augen ihn beobachteten. War es überhaupt am Leben?

Erwartete es etwas von ihm? War es an ihm, den ersten Schritt zu tun, weil er der Eindringling war? War es intelligent genug, mit ihm zu interagieren, oder war es letzten Endes trotz seiner bizarren Größe nur ein Insekt ohne Bewusstsein und eigene Empfindungen?

Und lebte es wie irdische Termiten in Staaten aus Tausenden oder sogar Millionen Artgenossen? Beunruhigende Vorstellung. Zumindest bauten sie wohl keine proportional entsprechenden Türme, denn die hätte die Crew der Humanity doch bestimmt vor der Landung bemerkt. Andererseits verfügte Last Hope über genug Landfläche, dass es nicht gelungen war, auch nur den größeren Teil davon zu untersuchen und zu kartografieren, von den Meeren ganz abgesehen.

Kentub hob eine Hand und sagte langsam und deutlich „Ich grüße dich.“ Er hob auch die andere, zeigte die Handflächen und wedelte sie leicht hin und her. „Ich bin unbewaffnet. Ich bin keine Bedrohung.“

Er hatte natürlich keinerlei Grund zu der Annahme, dass das Ding ihn verstehen konnte, oder auch nur zu der, dass es in der Lage war, Schallwellen zu verarbeiten, aber was sonst konnte er tun?

„Kannst du mich verstehen?“

Es könnte ja sein, dass das Wesen über eine Technologie verfügte, die seine Worte übersetzte. Dass er keinerlei Ausrüstung oder auch nur Kleidung sehen konnte, musste nichts bedeuten.

Wie auch immer dem sein mochte, das Wesen wollte ihm offenbar keinen Hinweis in die eine oder andere Richtung geben. Es stand weiter einfach nur da, und abermals fragte er sich, ob er vielleicht mit einer Statue, einem Leichnam oder einem abgestreiften leeren Exoskelett sprach.

Nach allem, was Kentub über Insekten wusste, konnte er einen Wer-zuerst-blinzelt-Wettkampf nur verlieren, deshalb ließ er vorerst die Termite Termite sein und wandte ihr den Rücken zu, um sich an den Abstieg von der Luke der Kapsel zum Boden zu machen. Er war fest entschlossen, nicht der Raumfahrer zu sein, dessen erster Kontakt mit einem fremden Planeten ihm den Hals brach, deshalb hielt er sich gut fest und kletterte sehr vorsichtig und mit Bedacht hinunter. Nur einmal rutschte er ab – die dicken Handschuhe, der Wind, alles war zu ungewohnt; sie hätten das an Bord der Humanity vielleicht öfter trainieren sollen -, aber er konnte sich abfangen, und berührte den Boden von Last Hope mit den Füßen zuerst und nicht mehr als einem leisen „Uff!“

Zu seiner Erleichterung stand die Termite immer noch genau da, wo sie auch zuvor gestanden hatte, als er sich umdrehte.

Nach kurzem Zögern ging er näher an sie heran. Er war sich nicht sicher, ob dies die idiotisch riskante Option war, oder die andere, aber die Neugier gab den Ausschlag.

Er wagte sich nicht nah genug heran, als dass er das Wesen hätte berühren können, auch wenn er das unerfreuliche Gefühl ertragen musste, dass das Wesen in der Lage gewesen wäre, ihn zu erreichen, wenn es entschlossen und schnell genug gewesen wäre.

Das Exoskelett erinnerte auch aus der Nähe mit seinem matten Glanz an das Chitin-Exoskelett irdischer Termiten, war aber anders als dieses weiß, vielleicht als Tarnung im Schnee, vielleicht aus anderen Gründen. Links und rechts der großen Mandibeln konnte er zwei wesentlich kürzere Taster ausmachen. Diese bewegten sich ein wenig hin und her, und es schien Kentub, als könnte dafür nicht nur der Wind verantwortlich sein. Darüber hinaus gab das Wesen aber noch immer kein Lebenszeichen.

Er versuchte noch einmal seine Begrüßung, erhielt aber wieder keine Reaktion.

„Du willst nicht mit mir reden, oder?“ murmelte er. „Na gut. Ich hab eh Besseres zu tun.“

Es war nicht so gedacht, dass die Kapseln an unterschiedlichen Orten landeten. Offensichtlich war es trotzdem passiert, aber Kentub hielt an der Hoffnung fest, dass sie nicht an sehr unterschiedlichen Orten gelandet waren. Diese Hoffnung schien ihm eine sehr vernünftige, denn falls sie sich als unberechtigt erweisen sollte, war sein Abenteuer zu Ende.

Nicht einmal die endozirkulären Maschinen der Fremden in seinem Organismus dürften in der Lage sein, ihn länger als ein paar Tage in dieser Umwelt am Leben zu erhalten.

Seine Überlegungen wandten sich ganz anderen Fragen zu, als das fremdartige Wesen plötzlich mit verblüffender Geschwindigkeit demonstrierte, dass es doch am Leben war, indem es ihn – immerhin sanft genug, um ihn nicht zu verletzen – mit seinen großen Mandibeln packte, in die Luft hob und durch den Schnee davon trug.

 

  1. September 2046

Rodney versuchte, schnell genug die Entscheidung zu treffen, ob er neben dem Mädchen knien sollte, oder stehenbleiben, oder sich einen Stuhl holen, bevor er begann, mit ihr zu reden, damit es nicht offensichtlich wurde, dass er versuchte, die Entscheidung zu treffen.

Es gelang nicht außerordentlich gut.

Nach viel zu langem Zögern kniete er sich schließlich neben dem Mädchen auf den Boden, einfach weil es ihm zu absonderlich vorkam, neben ihr zu stehen und aus einem Höhenunterschied von fast einem Meter mit ihr zu sprechen.

„Hallo“, sagte er. „Kann ich dich fragen, wie du heißt?“

War es in Ordnung, sie zu duzen? Bestimmt. Aber es fühlte sich für ihn trotzdem immer herablassend und distanzlos an, das ungefragt mit Kindern zu machen. Rodney hatte den Verdacht, dass er mit Kindern viel besser würde umgehen können, wenn es nicht all diese gesellschaftlichen Normen gegeben hätte, die ihn dazu zwingen wollten, sie wie Kinder zu behandeln.

Das Mädchen zumindest schien das Problem nicht weiter zu beachten.

„Celia“, antwortete es.

„Schön, dich kennenzulernen, Celia.“ Er war wirklich nicht gut darin, mit Kindern zu reden. „Wie lange bist du schon hier?“

Sie zuckte die Schultern. „Ein paar Wochen?“

„Und wie gefällts dir?“

Noch ein Schulterzucken. „Ist in Ordnung. Das Zimmer ist ungemütlich, aber wir lernen tolle Sachen, und ich mag Ed.“

Er lächelte.

„Wer ist Ed?“

Sie zögerte kurz. „Ich glaube, er ist … der Herbergsvater hier?“

„Sie meint Edwin Hammond“, raunte die Collonel ihm zu. „Er ist verantwortlich für das Erstellen der psychologischen Profile und den Erhalt der mentalen Stabilität der Kinder.“

Celia nickte nachdenklich.

„Er ist ein Psychiater?“ fragte sie, und setzte auf das Nicken ihres Gegenübers nach: „Mein Vater hat auch einen Psychiater, er sagt immer, er braucht jemanden zum Reden, und Ed hat auch gesagt, dass er da ist, wenn wir jemanden zum Reden brauchen. Ich finde, er macht das gut. Ich rede gerne mit Ed. Und was machst du?“

„Ich … bin hier, um zu sehen, wie das Projekt läuft, und um sicher zu gehen, dass Ed auch wirklich nett zu euch allen ist.“

Wieder nickte sie langsam.

„Ed ist super“, sagte sie, „Aber die Zimmer sind ungemütlich. Mein Kissen ist viel zu hart, und meine Matratze, und ich muss immer aufstehen, um das Licht an und aus zu machen, und manchmal stoß ich mir dabei den Zeh an meinem Nachttisch, das tut total weh.“

Rodney verzog mitfühlend das Gesicht. Er kannte diesen Schmerz.

Lesegruppenfragen

  1. Findet ihr, Banja ist mit Nico fair umgegangen? Wie würdet ihr euch an Nicos Stelle fühlen?
  2. Was haltet ihr von „endozirkuläre Maschinen“? Ich wollte nicht was mit Nano, weil das so abgenutzt ist. Was meint ihr?
  3. Was haltet ihr von sowas wie am Ende von Kentubs Szene? Netter Effekt, blödes Gimmick oder häh, was meint er denn überhaupt?
  4. Habt ihr einen Lieblingszeitstrang? Und vielleicht auch einen, den ihr immer ein bisschen lästig findet, wie ich die Daenerys-Teile in A Song Of Ice And Fire?
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2 Kommentare zu “Generationenschiff (11)

  1. Nun, wenn man den julianischen Kalender zugrunde legt, dann war es doch noch pünktlich.
    Zu den Lesegruppenfragen:
    1. An Nicos Stelle wäre ich wahrscheinlich etwas enttäuscht, da ja doch eine sehr enge Bindung zwischen ihnen besteht und hätte erwartet, dass er seine Entscheidung mit mir abspricht. Als Leser kann ich Banjas Verhalten aber nachvollziehen.
    2. Finde ich gut. Ich habe sogar meine Suchmaschine zu Rate gezogen, ob es das Wort wirklich gibt.
    3. Irgendetwas musste ja passieren und er kann ja auch nicht einfach in irgendeine Richtung davonstapfen. Von daher: Netter Effekt.
    4. Einen Lieblingszeitstrang habe ich nicht, allerdings lese ich den mit Rodney mit etwas weniger Interesse, da dort ja doch relativ wenig passiert.

  2. Lesergruppenfragen! Ich liebe Lesergruppenfragen!
    Ans Werk:
    1. Fair, was heißt fair… Ich hab nicht das Gefühl, dass er Nico eine echte Chance gibt, ihn zu verstehen, und wenn man von einem solchen Gespräch hofft, dass es nicht kommt, dann ist ja von Banjas Seite die Beziehung
    eigentlich schon …nicht mehr da. An Nicos Stelle würde ich mich verlassen fühlen, nicht so sehr, weil er weg geht, sondern weil er offensichtlich auch den Prozess bis dahin nicht mit mir teilt, auch während er noch da ist. Ob Nico ihm andersrum den Eindruck gegeben hat, ihn überhaupt wirklich ergebnisoffene verstehen zu wollen, ist eine andere Frage.
    2. Fand ich gut, hab ich glatt und schmerzlos drübergelesen, klang futuristisch, ohne dass ich damit irgendwas Konkretes und vielleicht Irreführendes assoziiert hätte. Ist das was echtes? Ich bin zu faul zu googlen.
    3. Hmm. Ich fands ein bisschen komisch, weil es ihn weder angreift noch ignoriert noch versucht, mit ihm zu kommunizieren, aber wahrscheinlich ist das das, was ich mit einem Kaninchen oder so auch machen würde, wenn es nicht wegliefe, insofern ist es wahrscheinlich nicht so überraschend, wie es mir spontan vorkäme. Mich wundert, wie wenig Angst Kentub hat.
    4. Schwiiieerig. Hmm. Ich glaube, ich mag tatsächlich eigentlich sogar die mit Rodney am liebsten, weil ich den Ton, den die Erzählerstimme bei ihm bekommt, am lustigsten und sympathischsten finde? Ich kann das nicht belegen, das war eine spontane Antwort aus dem Bauch.
    Nervig finde gar ich keine timeline, aber Nico, Banja und wieheißtdiefraunochmal tun am meisten weh, weil sie nie richtig miteinander reden. Ich will ständig jemanden schütteln.

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