Generationenschiff (10)


Jaha. Hättet ihr nicht gedacht, oder? Aber wenn ihr denkt, ich würde aufgeben, dann denkt lieber noch mal nach, denn hier wird nicht aufgegeben. So ein Generationenschiff ist eben ein langfristiges Projekt, und ich jedenfalls bin langfristig dabei. Ihr hoffentlich auch. Winners never quit. Ihr kennt das.

Viel Spaß mit dem zehnten Kapitel!

Und falls ihr schon nach nur acht Monaten vergessen haben solltet, wie es angefangen hat, habe ich das ganz praktisch am Anfang für euch zusammengefasst. Was sagt ihr dazu? Das gleicht doch die Wartezeit schon fast wieder aus, oder?

Was bisher geschah:

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später  Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Was heute geschieht:

05.38.97

Piedra schaute überrascht auf, als es an ihrer Tür klingelte. Und noch überraschter schaute sie, als sich die Tür öffnete und sie Tisha vor ihrer Kabine stehen sah.

„Tisha“, sagte sie wenig originell.

Ihr war gerade nicht besonders nach Originalität zu Mute.

„Hallo Piedra.“

Tisha setzte sich Piedra gegenüber auf das Bett. Ohne vorher auch nur einen fragenden Blick in Piedras Richtung zu werfen.

Andererseits hatte sie wegen Piedra gerade ihren Job als Kapitänin verloren, und Piedra war auch nicht besonders empfindlich, was das Bett anging.

„Tja…“ sagte sie. „Übernimmst du jetzt die Küche von Kentub, oder wird ab jetzt das Essen schlechter und kalt, und dafür werden wir rund um die Uhr analysiert und therapiert?“

Tisha lachte leise. „Weißt du was? Darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht.“

„Jeanne aber bestimmt. Komisch, dass sie es dir noch nicht gesagt hat.“

„Vielleicht wollte sie taktvoll sein.“

Beide grinsten.

Ein paar Sekunden lang herrschte ein nicht besonders peinliches, aber auch nicht unbedingt entspanntes Schweigen, bis Piedra schließlich fragte:

„Und…“ Nein, lieber doch nicht ‚Warum bist du hier?‘, das klang zu schroff. „Hast du … einen besonderen Grund, mich zu besuchen?“

Tisha dachte nach. Piedra wollte gerade ein ermutigendes Geräusch machen, als sie doch ihre Worte fand:

„Ich habe erstens lange genug mit Jeanne gearbeitet, um zu befürchten, dass sie diese Sache mit Psmith nicht weiter verfolgen wird, und zweitens möchte ich auch einfach aus … eigenem Antrieb wissen, was dahinter steckt.“ Sie zuckte die Schultern. „Vielleicht will ich damit auch den Verlust meiner Position kompensieren, wer weiß? Aber solange es einem guten Zweck dient, macht es mir nichts aus, wenn die Motivation ein bisschen zwielichtig ist.“

„Warum denkst du, dass Jeanne meinem Hinweis nicht nachgehen wird?“

Piedra hatte diesen Eindruck auch gewonnen, aber noch gehofft, dass sie lediglich Jeannes kalte Sachlichkeit als Desinteresse fehlgedeutet hatte.

„Ihre Aufgabe ist es, diese Mission erfolgreich zu Ende zu bringen. Dazu gehört vor allem, die Disziplin der Besatzung zu wahrend und die Regeln durchzusetzen.“

„Genau! Und deshalb müsste sie doch sofort hart durchgreifen, wenn ich sie auf so einen Verstoß hinweise!“

Tisha nickte geduldig.

„Ich verstehe, dass du das denkst“, sagte sie. „Aber Jeanne interessiert sich nicht für Konzepte wie Gerechtigkeit, Moral oder all die anderen menschlichen Eigenheiten, die uns gerade keine Ruhe lassen. Sie denkt sich – wahrscheinlich –, dass sie nur diesen einen Arzt an Bord hat, und dass sie mehr Schaden anrichtet, wenn sie aufdeckt, dass er gegen Regeln verstoßen hat, und ihn dann entweder verliert oder nicht bestrafen kann, als wenn sie es … im Dunkeln weiter so laufen lässt. Sie hat nichts zu gewinnen, wenn sie sein Verhalten ans Licht bringt. Und dann ist da natürlich die Sache mit der fremden Zivilisation, die Kontakt zu uns sucht. Wahrscheinlich will sie sich darauf konzentrieren und die Dinge nicht noch komplizierter machen.“

„Aber … Die Medikamente sind ja nicht nur zu unserer Beruhigung und Erbauung da, die werden doch gebraucht! Und wenn er damit irgendwelchen Unfug anstellt, kann das doch sehr wohl die Mission gefährden, insbesondere, wenn der Kontakt nicht so friedlich verläuft, wie die Aliens uns glauben machen wollen.“

Wieder das gleiche geduldige Lächeln, während Tisha nickte, und Piedra begann, sich weniger respektiert zu fühlen, als sie gerne hätte.

„Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gering, dass ein paar Medikamente den Unterschied machen, falls wir gegen die Fremden kämpfen müssen …“

„Daran hab ich ja auch gar nicht gedacht!“ Sie hatte genau daran gedacht, aber rückblickend war es ihr selbst peinlich, und sie war sich ziemlich sicher, es nicht eindeutig so gesagt zu haben. „Ich meine, es könnte ja sein, dass sie irgendwelche Keime mitbringen, die uns infizieren, und dann brauchen wir Medizin!“

„Wie in Krieg der Welten?“

„Weißt du, wenn du dich über mich lustig machen willst, kannst du das gerne in deiner eigenen Kabine tun!“ Piedra hatte nicht geschrien. Sicher, sie hatte ein bisschen lauter gesprochen als es die meisten Leute in einem Gespräch zwischen zwei Personen in einem ziemlich kleinen Raum üblicherweise taten, aber sie hatte nicht geschrien.

Zum Glück schien Tisha das auch so zu sehen. Wenn sie jetzt einen herablassenden Beschwichtigungsversuch unternommen hätte, hätte sie sich vielleicht gleich als nächste bei Jeanne über Piedras Impulskontrollproblem beschweren kennen.

„Entschuldige bitte, so meinte ich das nicht“, sagte sie. „Ich meinte nur, dass Jeanne dieses Szenario wahrscheinlich nicht für plausibel hält Und vielleicht glaubt sie sogar wirklich, dass du alles nur dramatisierst, oder sie denkt sogar noch etwas völlig Anderes, worauf wir nicht mal kommen, falls man überhaupt von Denken sprechen sollte.“

„Aber du glaubst mir?“

Erst als die Worte heraus waren, wurde Piedra klar, dass sie nicht unbedingt dazu beitrugen, sie respektabler dastehen zu lassen.

„Ich bin noch nicht überzeugt“, erwiderte Tisha, „Aber Psmith ist ein Wiesel, und ich will zumindest sicher gehen, dass er sich nicht zu sicher fühlt.“

„Ein was?“

Tisha blinzelte. „Oh. Ja. Das ist … Oder eher, das war, weil sie ja jetzt…“ Sie seufzte. „Ich meine, er ist kein aufrichtiger, vertrauenswürdiger Typ.“

„Garantiert nicht“, stimmte Piedra zu.

„Trotzdem frage ich mich, ob Jeanne nicht vielleicht recht hat.“

„Wie meinst du das?“ Piedra zog ihre Stirn in tiefe senkrechte Falten.

Tisha sah ihr eine Zeitlang mit halb offenem Mund in die Augen, bevor sie antwortete: „Psmith ist unser Arzt. Daran gibt’s nichts zu ändern. Er ist der einzige Arzt, den wir an Bord haben –“

„Berku ist auch ausgebildet, um –“

„Ja, sicher …“ Tisha machte eine abwinkende Geste. „Aber er hat viel weniger Erfahrung, und sein Schwerpunkt ist nun mal –“

„Psmith ist auch kein brillanter Mediziner, und er ist ein Wiese, zählt das für nichts?“

„Wiesel.“

„Ist doch egal! Aber jedenfalls verkauft er seine Medikamente, und er lügt, und glaubst du im Ernst, dass Berku seinen Job schlechter machen würde? Ich verstehe gerade gar nicht … Spielst du jetzt nur Advocatus Diaboli, oder möchtest du wirklich, dass er damit durchkommt?“

Tisha seufzte.

„Ich möchte, dass er gevierteilt wird, oder meinetwegen auch einfach aus einer Luftschleuse geworfen.“

Piedra nickt enthusiastisch.

„Aber“, fuhr Tisha fort, „Wenn man lange genug eine Mission wie diese leitet, lernt man, dass man mit den Leuten arbeiten muss, die man hat, weil man nämlich keine anderen kriegt.“ Kurze Denkpause. Verschmitztes Lächeln. „Oder jedenfalls nur sehr langsam. Und ich finde, auch wenn wir ihn noch so unerfreulich finden, wir müssen uns fragen, was besser wird, wenn alle erfahren, was er getan hat. Bessern wir damit sein Verhalten, oder treiben wir nur einen Keil zwischen ihn und den Rest der Besatzung?“

„… oder treiben wir einfach nur einen Keil zwischen ihn…?“

„Piedraaa…“

„Ja, schon gut. Aber sogar wenn wir ihn nicht zerkleinern wollen, es kann doch nicht angehen, dass wir ihm einfach alles durchgehen lassen, nur weil er Arzt ist!? Jedes Besatzungsmitglied hat einen unverzichtbaren Job, und du musstest doch auch für … das geradestehen, was Jeanne für einen Verstoß hält.“

„Danke.“

„Ich meine, es gibt doch noch Sanktionen diesseits der Luftschleuse, und wir müssen doch nicht nur für ihn, sondern für alle klar machen, dass sowas nicht geht!“

Eine Weile saßen die beiden stumm nebeneinander.

„Ich glaube das auch“, sagte Tisha schließlich.

„Prima.“

„Ja. dann müssen wir jetzt nur noch rausfinden, wie wirs umsetzen können.“

„Wie schwer kann das im Vergleich noch werden?“

„Ich mag deinen Optimismus. Meistens.“

Es klingelte. Beide Frauen schauten überrascht zur Tür.

„Wer ist da?“ fragte Piedra.

„Ich bins“, sagte eine männliche Stimme.

„Psmith?“ fragte Piedra, und begann sofort mit dem Versuch, sich möglichst genau zu erinnern, wie laut sie und Tisha gesprochen hatten. Die Wände waren dünn an Bord der Humanity.

 

  1. September 2046

Die gepanzerten Türen des Aufzugs schlossen sich hinter der kleinen Gruppe aus Rodney, Martinez, Präsidentin Sima, dem Verteidigungsminister, der Ministerin für Heimatsicherheit sowie elf Secret-Service-Agenten, und die Kabine setzte sich in Bewegung, zwar ohne spürbaren Ruck, aber schnell genug, um ein flaues Gefühl im Magen zu erzeugen.

„Was soll das heißen unrealistisch?“ fragte Rodney. „Suspended Animation ist wohl kaum schwieriger als Künstliche Intelligenz!“

„Mag sein“, antwortete Martinez, „aber wir sind trotzdem an der KI näher dran.“

„Sagen die Leute, die Forschungsmittel für die Entwicklung von KI beantragen.“

„Auf wen sonst wollen Sie denn hören, wenn nicht auf die Fachleute, die in dem Feld forschen?“

„Naja, zumindest auch auf die Fachleute, die in dem anderen Feld forschen!“

„Mir ist noch nicht klar, warum wir das als Alternativen diskutieren“, warf die Präsidentin ein. „Würden die beiden Technologien sich nicht sogar perfekt ergänzen?“

„Wir müssen Schwerpunkte setzen“, antwortete Martinez. „Natürlich wäre es traumhaft, wenn wir für das Projekt KI, Suspended Animation. Warpantrieb, Nano-Roboter im Blutstrom der Besatzung und –“

„Ich habe das Prinzip verstanden.“

„Oh. Verzeihung. War das unverschämt? Ich rede so selten mit Präsidenten, normalerweise, und ich weiß… Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“

„Kein Problem. Wenn ich frage, muss ich auch mit der Antwort leben. Aber während ich mich Ihrer Einschätzung anschließen kann, dass wir keinen Warpantrieb bekommen werden…“

„Ja, ich hab doch gesagt, dass es mir leid tut…“

„…folgt daraus natürlich nicht, dass wir auch alle anderen Technologien außer künstlicher Intelligenz nicht haben können, und ich fürchte außerdem, dass Sie nicht die richtige Person sind, diese Abwägung vorzunehmen.“

„So meinte ich das auch!“ warf Rodney ein, bevor er merkte, wie albern und streberhaft das klang. Nach kurzer Kalkulation der Chancen und Risiken fügte er hinzu: „Wenn wir die Experten der jeweiligen Fachgebiete angehört haben, dann ist der Zeitpunkt, zu entscheiden, was realistisch erreichbar ist, und was nicht.“

Hm. Nicht viel besser. Aber vielleicht nicht mehr so offensichtlich, hoffte er.

„Ich wollte ja auch gar nicht“, begann Martinez, und brachte den Satz nicht mehr zu Ende, als das flaue Gefühl seine Richtung verkehrte und die Türen des Aufzugs auseinander glitten. Eine erstaunlich hoch gewachsene Frau in einer dunkelblauen Uniform, die Rodney keiner bestimmten Truppengattung zuordnen konnte – halt, aber Luftwaffe konnte er immerhin ausschließen, er war ziemlich sicher, dass bei denen irgendwo Flügel dran gehörten -, salutierte vor der Präsidentin.

„Willkommen in Projekt Humanity.“ Mit einem etwas unsicheren Lächeln fügte sie hinzu: „Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise.“

„Danke, Colonel.“

Rodney hatte nur kurz Gelegenheit sich zu fragen, ob es eher eine Unfreundlichkeit der Präsidentin war, die implizite Frage komplett zu ignorieren, oder ob alle Beteiligten es so bevorzugten.

Die Colonel ließ sich jedenfalls keinen Verdruss anmerken.

„Bitte folgen Sie mir. Möchten Sie direkt mit der Besichtigung beginnen, oder wünschen Sie zunächst eine Erfrischung?“

„Wir können direkt beginnen“, antwortete Präsidentin Sima.

„Sehr gut.“

Die Soldatin führte sie einen Gang entlang, durch eine Tür, und dann noch ein paar Gänge und Türen weiter, und gerade als Rodney die Übersicht verloren hatte – sein Schwager zog ihn gerne damit auf, dass jemand, der das Universum zu erforschen versuchte, sich in der eigenen Nachbarschaft verlaufen konnte – öffnete sie eine Tür, hinter der offensichtlich ihr Ziel lag.

Die meisten der Kinder sahen ziemlich normal aus, nicht mal besonders … selbstsicher oder streberhaft, wie Rodney vermutet hatte, sondern einfach wie eine durchschnittliche Gruppe von Elfjährigen; nicht dass er oft mit Gruppen von Elfjährigen zu tun gehabt hätte, aber so stellte er sie sich jedenfalls vor.

„Ich hatte nicht erwartet, dass es so viele sind“, murmelte er, gar nicht sicher, ob er eine Antwort erwartete.

„Dies ist eine von drei Gruppen“, antwortete ihre Führerin. „Insgesamt haben wir derzeit einhundertsechsundvierzig Kandidatinnen und Kandidaten.“

„Und weder die Eltern, noch die Kinder wissen, worum es wirklich geht?“ fragte Martinez. „Haben Sie Ihnen eine Lügengeschichte erzählt, oder…?“

Sie warf der Präsidentin einen Blick zu. Sima antwortete: „Wir haben versucht, es zu vermeiden. Die offizielle Projektbeschreibung für die Teilnehmenden spricht von einem Projekt zur besonderen Förderung von Hochbegabten für zukünftige Raummissionen.“

„Im Grunde fehlt also nur das unbedeutende Detail, dass die Welt untergeht“, sagte Rodney in einem Versuch, lustig zu sein, der ihm von vornherein so eindeutig zum Scheitern verurteilt schien, dass er nicht mal den ernstzunehmenden Versuch eines Lächelns zustande brachte.

 

05.38.97

„Ich melde mich freiwillig.“

Es war auf verschiedene Weisen viel einfacher, es Jeanne zu sagen, deswegen hatte Banja sich für diesen Weg entschieden. Aber mit Kentub zu sprechen, hätte sich natürlich … befriedigender angefühlt. Kentub hätte eine Reaktion gezeigt. Er wäre überrascht gewesen, erschrocken, vielleicht sogar wütend. Er hätte irgendwie zu erkennen gegeben, dass er betroffen war, weil sein Sohn sich entschieden hatte, der Menschheit den Rücken zuzuwenden.

Jeanne tat natürlich nichts davon. Sie sah ihn nur an, und nicht einmal das konnte er wirklich erkennen, denn ihre Kameras sahen immer gleich aus, ob sie ein- oder ausgeschaltet waren, ob Jeanne ihrem Input Beachtung schenkte oder nicht.

Natürlich war Banja nicht enttäuscht, denn er hatte das gewusst. Aber es war dennoch … ein bemerkenswert antiklimaktisches Gefühl, es ihr zu sagen.

Banjas hatte sich trotzdem entschieden, es so zu tun, hauptsächlich eben weil er wusste, dass Jeanne nicht wertend reagieren würde. Sein Vater hätte versucht, ihn zu überreden zu bleiben, und hätte es vielleicht sogar geschafft.

Das wollte Banja nicht. Er hatte sich entschlossen zu gehen. Er hatte gute Gründe dafür, und er war überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war. Und nachdem er es Jeanne erzählt hatte, würde keine Kraft auf diesem Schiff es mehr verhindern können.

Jeanne hatte ein Interesse daran, dass er ging. Er war kein nützliches Mitglied der Besatzung, aber als Tauschobjekt mit den Fremden war er sehr wertvoll. Jeanne wusste, wie sehr die Humanity von dem Austausch profitieren konnte. Sie würde dafür sorgen, dass niemand mehr seine Entscheidung umwarf.

„Ihre Entscheidung ist akzeptabel. Sie verfügen über keine Fähigkeiten oder Kenntnisse, die für den Missionserfolg essenziell sind, und Ihre Abwesenheit könnte zur Verbesserung der Stimmung des Teams beitragen.“

Na gut. Ein bisschen zurückhaltender hätte die Zustimmung trotzdem gerne ausfallen dürfen.

„Danke…“

„Sie werden Ihren Entschluss mit keinem anderen Mitglied der Besatzung besprechen. Ich werde Ihnen in Kürze mitteilen, zu welchem Ergebnis meine Prüfung gekommen ist.“

„Ich dachte eigentlich, das hättest du gerade schon?“

„Ihre persönliche Entbehrlichkeit für die Mission ist nur ein Faktor, der diese Entscheidung beeinflusst. Die Wechselwirkungen innerhalb des Teams sowie die Risiken des Austauschs mit den fremden Lebensformen erfordern eine eingehende Prüfung. Sie werden Ihren Entschluss mit keinem anderen Mitglied der Besatzung besprechen, bis ich Ihnen mitgeteilt habe, zu welchem Ergebnis diese gekommen ist.“

„Oder was?“

Jeanne antwortete nicht. Es dauerte nach Banjas Gefühl sehr lange, wahrscheinlich aber nicht mehr als eine Minute, bis er einsah, dass es keinen Sinn hatte, mit der Maschine um Geduld zu spielen.

„Was passiert, wenn ich mich daran nicht halte?“ wiederholte er seine Frage.

„Die Prämisse Ihrer Frage ist inakzeptabel.“

Banja schnaubte und schüttelte den Kopf.

„Schon gut“, sagte er. „Ich wollte es eh niemandem erzählen. Sie würdens nicht verstehen.“

„Ihre Entscheidung scheint mir leicht verständlich.“

Banja lachte. Er hatte noch nie in seinem Leben so wenig Freude damit ausgedrückt.

 

06.68.149

Kentub stand eine Weile über Marchants reglosem Körper und blickte auf ihn herab, bevor er schließlich den Kopf hob und Jeanne ansah.

„Ich wette, damit hast du nicht gerechnet. Und wehe, du sagst jetzt, dass du immer mit allem rechnest, ich weiß, du kannst nicht anders. Ich fürchte, ich rede zu viel, wenn ich Menschen töte.“

„Ich werde eine Teambesprechung anordnen“, sagte die undeutbare Stimme der Maschine.

„Das … klingt nach einer guten Idee. Und ich sollte wahrscheinlich …“

Er gestikulierte hilflos in Richtung Marchant.

„Ist er überhaupt wirklich tot?“

„Die kürzeste Antwort, die alle relevanten Informationen enthält, lautet Ja.“

„Hast du sowas wie einen Selbsttest, den du mal durchlaufen lassen kannst?“

„Alle Wartungsroutinen funktionieren innerhalb der vorgegebenen Parameter.“

„Das beruhigt mich. Und … Wenn ich noch mal drüber nachdenke, glaube ich eigentlich, dass Teambesprechung gar nicht so besonders gut klingt. Zumindest noch nicht jetzt. Ich bin sicher, dass mein Urteilsvermögen schon mal beeindruckender ausgeprägt war als jetzt gerade, aber mir kommt es so vor, als sollten wir erst einmal die … Spuren hier beseitigen und uns dann zur Beratung zurückziehen. Wie reagieren die anderen auf welche Variante der Geschichte? Womit kommen wir durch? Wie viel Widerstand können wir in Kauf nehmen? Wo müssen wir Zugeständnisse machen? Solche Fragen. Wenn ich das richtig sehe, hat es sich historisch bisher nicht als völlig selbstgängige Lösung erwiesen, den Anführer zu töten.“

„Diese Einschätzung deckt sich mit den mir zugänglichen Aufzeichnungen. Warum haben Sie Marchant getötet?“

Kentub blinzelte, seufzte, schüttelte den Kopf.

„Es schien mir in dem Moment eine gute Idee zu sein, und ich glaube nicht einmal unbedingt, dass ich mich da geirrt habe. Jetzt gerade fühlt es sich nicht mehr so gut an, aber das ist sicher auch den Schuldgefühlen und sonstigen Gegen-Reaktionen geschuldet … Ergibt das Sinn, Gegen-Reaktion? Ich fasele, entschuldige bitte. Ist das erste Mal für mich. Wird sicher einfacher, wenn man sich dran gewöhnt.“

Kentub lachte und achtete sehr darauf, es nicht zu laut und schrill werden zu lassen. Er fand, es gelang ihm beeindruckend gut. Fast ein bisschen besorgniserregend.

„Eigentlich bist du doch auch immer diejenige, die sich mit Zwang durchsetzen will. Müsstest du nicht begeistert sein von meiner Initiative?“

Einige Sekunden verstrichen vor Jeannes Antwort: „Ihre Entscheidung trifft auf eine sehr fragile Situation. Ich halte jede Prognose über die Konsequenzen für äußerst zweifelhaft. Darüber hinaus trägt die Datenbasis den Schluss, dass Vielfalt in den einfließenden Positionen die Qualität der resultierenden Entscheidungen verbessert.“

„Ich bin auch froh, dass ich dich hab, Jeanne.“

„Dennoch bewahrt meine Präsenz Sie nicht vor der Notwendigkeit, einen Plan für unser weiteres Vorgehen zu formulieren.“

Kentub atmete tief durch, nickte, und dachte nach.

„Glaubst du, wir kriegen hin, dass es wie ein Unfall aussieht?“ fragte er schließlich.

Jeanne antwortete ohne jegliche Verzögerung: „Ich sehe kein ernstzunehmendes Hindernis. Halten Sie es für sicherer, auch Bayes zu töten, oder beurteilen Sie Risiken und Chancen anders?“

„Dein Humor fängt an, ein bisschen beängstigend zu werden, Jeanne.“

Kentub fühlte, dass sein Lächeln einen maskenhaften Charakter angenommen hatte, und entschied, es abzusetzen, um niemanden unnötig zu erschrecken.

 

Lesegruppenfragen, nur marginal verspätet

  1. Findet ihr Jeannes Humor auch manchmal ein bisschen beängstigend?
  2. Versteht ihr Banjas Entscheidung, sich freiwillig für den Austausch zu melden?
  3. Fandet ihr die erste Szene zu lang? Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich sie zu lang finde.
  4. Nützen euch die Zeitangaben oben drüber was, oder gehen die genau so an euch vorbei, wie die Sternzeiten in Star Trek immer an mir?
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3 Kommentare zu “Generationenschiff (10)

  1. Eine schöne Geschichte. Ich bin sehr gespannt, wie (und wann) es weitergeht. Die Handlungen der Personen finde ich innerhalb des Handlungsrahmens nachvollziehbar (Kentubs Gewalttat ausgenommen (sein Verhalten danach hielt ich aber wieder für realistisch)), allerdings habe ich zwei Probleme:
    1. Ich finde es etwas merkwürdig, dass die Fortpflanzung auf dem Schiff auf größtenteils natürliche Art und Weise stattfindet (mal abgesehen davon, dass die Leute einander zugewiesen werden). Wäre es nicht sinnvoller gewesen, Eizellen und Samen mitzunehmen, um eine größere genetische Diversität sicherzustellen?
    2. Es gibt keine Lesegruppenfragen.

  2. @Henrik: Danke für deinen Kommentar, und schön, dass dir die Geschichte gefällt. Ich tu mich ein bisschen schwer, mit ihr warm zu werden (Merkt man kaum, oder…?), aber ich bin wild entschlossen, sie zu Ende zu bringen, deshalb
    1. Sehr angemessene Frage. Ich schau mal, ob ich die Antwort irgendwie in den weiteren Kapiteln unterbringen kann, ohne einen „Wie wir ja alle wissen,…“-Dialog bauen zu müssen, und ob die dann irgendjemand ernst nehmen kann.
    2. Teufel auch, da hast du mich erwischt. Hole ich nach. Und das nächste Kapitel dürfte auch demnächst erscheinen. Ganz sicher noch dieses Jahr. Also. Ziemlich sicher. So gut wie fast sicher. Ich gehe davon aus. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.

  3. Ui, und sneaky retroaktive Leserfragen! Auch gut!
    1. Ja, unbedingt. Ich find das toll und hatte es für Absicht gehalten (vom Autor, nicht zwangläufig von Jeannes Entwickerinnen).
    2. Nicht völlig, natürlich, aber ich finde sie nicht abwegig.
    3. Da bin ich nicht hilfreich, ich finde Szenen, die mich nicht sowieso aktiv nerven (Schlachtenbeschreibungen oder so), nie zu lang. Ich bin eigentlich bei jeder Szene eher milde irritiert, wenn sie irgenwann aufhört
    4. An mir gehen sie vorbei. Ich habe am Anfang der Geschichte auch peinlich lange gebraucht, um zu verstehen, DASS es überhaupt mehrere Zeitstränge gibt. Ab und zu mach ich mir die Mühe, sie hinterher bewusst anzuschauen, um die gelesenen Szenen irgendwie sicherer einzuordnen, aber im Lesefluss nehm ich sie nur als Szenentrenngrafik wahr.

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