Generationenschiff (4)


Ja, das tut mir leid. Es ist in 2014 nichts mehr geworden. Ich hätte eigentlich sogar ganz gute Gründe, finde ich.

Aber wen interessieren die schon?

Viel Spaß mit dem vierten Kapitel unseres Fortsetzungsromans!

70.37.97

„Ja, hier ist jemand drin!“ rief Tisha durch die Tür. „Und dass sie die Tür verriegelt hat, hätte dir ein Hinweis darauf sein können, dass sie gerade nicht gestört werden will!“

Sie hatte sich nach kurzer Bedenkzeit für den nicht ganz ehrlichen Pfad entschieden, im wesentlichen aus zwei Gründen: Erstens war es ihr einfach zu blöd, um Hilfe zu rufen wie eine Dreijährige, die sich versehentlich eingesperrt hatte und jetzt nicht mehr alleine rauskam, und zweitens würde die Situation nur eskalieren, falls es ihnen tatsächlich gelingen sollte, die Tür irgendwie aufzustemmen. Jeanne würde sicher noch weitere Maßnahmen in petto haben, um ihre Anordnungen durchzusetzen, und sich nicht davon abschrecken lassen, dass eine davon nicht zum Erfolg geführt hatte.

„Ah… Ja gut … Es ist nur … Ich müsste mal mit dir reden“, sagte Piedra, „Meinst du, du hast heute noch mal Zeit? Ich kann ja wiederkommen.“

„Naja, ist es denn sehr eilig, oder kanns noch warten?“

Tisha versuchte, nicht zu genervt zu klingen, aber schon der Umstand, dass diese Konversation durch die verschlossene Tür geschrien werden musste, ging ihr massiv auf den Geist.

„Ich denke … Naja, sehr dringend ist es nicht. Ich hab da nur so eine Sache, über die ich reden muss, die macht mir Sorgen. Also, ich würd sagen, wichtig, aber nicht eilig?“

„Alles klar. Pass auf, wir machen das so: Ich melde mich bei dir, wenn ich soweit bin. In Ordnung?“

„In Ordnung, Captain. Danke sehr! Äh … Bei Ihnen ist aber alles okay? Oder kann ich helfen?“

Tisha verdrehte die Augen. Sie hörte den Zweifel in Piedras Stimme. Tisha wusste ihr Engagement ja normalerweise zu schätzen, aber hin und wieder übertrieb sie es auch mit ihrem Drang, sich um alles Gedanken zu machen und für alle verantwortlich zu fühlen. Und dass sie jetzt gerade zufällig sogar Recht hatte mit ihren Zweifeln und ihren Sorgen, machte sie nicht weniger lästig.

Tisha war noch dabei, über eine passende Antwort nachzudenken, als sie von draußen ein näherkommendes gedämpftes Surren vernahm, und eine weibliche, nicht ganz menschliche Stimme sagen hörte:

„Begeben Sie sich umgehend zurück an Ihren Arbeitsplatz. Dieser Bereich ist derzeit nicht zugänglich.“

Tisha konnte hören, wie Piedra ein paar Schritte zurückwich.

„Ja … Ja natürlich … sofort …“ murmelte Piedra draußen. „Es ist nur … Ist mit Tisha da drin alles okay? Gab es einen Unfall, oder so?“

„Es steht mir nicht frei, Ihnen diese Information zugänglich zu machen. Verlassen Sie nun bitte umgehend den zugangsbeschränkten Bereich.“

Als sie eine halbe Sekunde später immer noch keine weiteren Schritte hörte, rang Tisha sich nicht nur ein bisschen Bewunderung für Piedras Mut ab, sondern auch noch ein paar klare Worte:

„Tu, was sie sagt, Piedra. Mir gehts gut, alles ist in Ordnung. Wir haben hier nur eine kleine Unregelmäßigkeit, die wir gemeinsam überprüfen müssen.“

„Okay. Gut. Na dann …“

Piedra entfernte sich, und wenig später öffnete sich die Tür, Jeanne trat ein, und hinter ihr schloss sie sich wieder.

Jeanne war, wie viele Geräte an Bord vorrangig auf Haltbarkeit und Nutzwert konstruiert. Ästhetik hatte in der Liste der Gestaltungsprioritäten sehr weit hinten gestanden.

Sie ähnelte einer Mischung aus einer Ameise und zwei zusammengewachsenen Zentauren, mit sechs stählernen Beinen, die einen gut zwei Meter langen metallenen Korpus waagerecht über den Boden bewegten. Vorderes und hinteres Ende wurden ausschließlich über die aktuelle Bewegungsrichtung definiert, denn an beiden Enden befanden sich rund 1,60m aufragende Torsi, nicht unähnlich menschlichen Oberkörpern, mit je zwei Greifarmen an den Seiten, zwei Kameras oben, wo ein Kopf hätte sein können, und je einem drehbaren Geschütz in der Mitte.

Die Torsi waren um 360° drehbar, sodass Jeanne sich ohne äußere Hilfe reparieren konnte, wenn dies erforderlich wurde, was neben dem offensichtlichen noch den weiteren Vorteil hatte, dass niemand an Bord wissen musste, wie genau sie funktioniere und wo sich welche Systeme befanden.

Die Geschütze waren, soweit Tisha wusste, noch nie abgefeuert worden und wahrscheinlich auch vorrangig für eine psychologische Wirkung angebaut. Die entfalteten sie auch ohne jeden Zweifel, aber Tisha hatte den Verdacht, dass es keine sehr nützliche war.

Jeanne krabbelte zu dem großen Monitor, und Tisha folgte ihr.

Sie musste wirklich dringend zur Toilette, aber sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, noch einmal danach zu fragen. Jeanne war ihre persönliche Empfindung von Würde völlig egal, und der Aufwand, kurz einen Mopp zu holen und ein wenig Flüssigkeit aufzuwischen, war aus ihrer Sicht in Anbetracht der Bedeutung der Sache völlig vernachlässigbar.

So gesehen konnte Tisha sie beinahe verstehen.

Die Maschine bewegte sich auf ihren sechs Beinen sehr natürlich und flink, und wegen der Silikonpuffer darunter manchmal schon fast beängstigend leise, aber doch war etwas Insektenhaftes, Fremdartiges an ihr, das sie auch ohne die deutlich sichtbaren Waffen und die matt glänzende Metalloberfläche vage bedrohlich hätte wirken lassen.

Jeanne aktivierte den Monitor. Zunächst zeigte sich darauf noch nichts als ein blasses schwarzes Glimmen, unterbrochen von dem tieferen Schwarz der über die Jahre angesammelten Pixelfehler.

„Ich habe das Signal auf verschiedene Weisen zu decodieren versucht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es von seinem Absender am wahrscheinlichsten als Video in diesem Format intendiert war“, sagte sie.

Tisha fragte sich manchmal, warum Jeannes Stimme merklich anders klang, präsenter, wenn sie physisch anwesend war. Es waren so oder so Lautsprecher, und die im Schiff verbauten waren ihres Wissens eher größer und kräftiger als es die in der Maschine sinnvoller Weise sein sollten.

Wahrscheinlich war es nur ein eingebildeter Effekt. Sie nahm sich vor, bei passender Gelegenheit einen Blindtest vorzuschlagen.

Und sofort vergaß sie diese Frage, ebenso wie ihre volle Blase, als das erste Bild auf dem großen Hauptmonitor erschien, und sich zu bewegen begann.

Es war ein sehr unscharfes Bild, voller Störungen, und sie hatte den Verdacht, dass es auch in Reinform nicht ganz eindeutig gewesen wäre, wahrscheinlich mit Absicht so gestaltet worden war, ob aus Sicherheits- oder anderen Gründen.

Aber dennoch war es ein Bild, ein Video, von unfassbarer historischer Bedeutung.

Es war sehr dunkel, und in der Dunkelheit und dem Bildrauschen konnte Tisha mit etwas Fantasie eine sich nur schwach abhebende Silhouette ausmachen, die … sich bewegte. Es war eine sonderbare, langsam hin und her schwankende Bewegung, die Tisha an die Seeanemone in dem Ozeanvideo erinnerte, das sie sich hin und wieder ansah.

Und dann begann das Licht. In der sich bewegenden Silhouette erschienen helle Flecken, verschwanden, erschienen wieder, glitten nach oben und unten, bildeten Formationen, näherten sich einander, und entfernten sich wieder. Es war faszinierend. Tisha bemerkte, dass sie eine ganze Weile die Luft angehalten hatte und nahm einen tiefen, beinahe keuchenden Atemzug.

Das Video blieb nach knapp einer Minute stehen.

„Ist … ist das alles, oder hast du es nur angehalten?“

„Mehr konnte ich bisher nicht decodieren.“

„Gibt es keinen Ton?“

„Ich konnte bisher keinen decodieren.“

„Die Lichtsignale könnten ihre Sprache sein, oder?“

„Das ist möglich.“

Tisha zwang sich, ruhiger zu atmen.

„Wow“, murmelte sie. „Wir haben Kontakt zu Außerirdischen.“

„Das ist möglich“, wiederholte Jeanne.

 

91.37.97

Banya schaute auf, als seine Tür sich öffnete, und grinste breit, als er Nico sah. Er legte das Display zur Seite.

„Hey!“

Nico schlurfte in sein Zimmer, die Tür schloss sich hinter ihm, und er setzte sich zu Banya auf das Bett.

„Was hast du gelesen?“ fragte er.

„Gardens of the Moon.“

„Kenn ich gar nicht.“

„Auch Fantasy, aber … ein bisschen anspruchsvoller slash kryptischer als Geowes.“

Nico hob eine Augenbraue. „Das klingt ja … verlockend?“

„Nein, wirklich, er schreibt toll. Ulkige Vorstellung, dass das mal so war, oder? Dass es mal wirklich so war, dass Leute … Metallklingen genommen und sich Metallplatten an den Körper geschnallt haben, damit die anderen mit ihren Metallklingen sie nicht so leicht erreichen können, und dann hatten sie Pferde, richtige Pferde, und auf denen sind sie geritten, während sie mit den …“

Nico grinste. „Du bist dir aber schon über die Bedeutung des Begriffs ‚Fantasy‘ im Klaren, oder?“

„Ja- klar, ich weiß, aber … also, Teile waren ja wirklich so. Natürlich hatten die keine fliegenden Festungen und keine Insektenmenschen als Verbündete-“

„Wer weiß, was uns auf Last Hope erwartet?“ warf Nico ein.

Banya seufzte. „Unsere Ururenkel, meinst du … Mich erwartet gar nichts, bis auf Metallwände, Abflussrohre, Sterne hinter dickem Glas, und schließlich Kompostierung.“

„Und ich.“

Banya lachte. „Na gut. Ich sag ja nicht, dass alles schlecht wäre. Aber … eigentlich geht ja nicht mal das! Weil alles schon anders geplant ist. Weil wir die nächste Generation zeugen müssen. Weil die Spezifikationen der Bioingenieure eingehalten werden müssen, und der Sozialwissenschaftler und Generale und Minister und all dieser Leute, die uns unser Leben diktieren, obwohl sie schon lange tot sind, und die … kannst du dir das vorstellen? Es haben mal Leute gelebt, die einfach hätten aufstehen und laufen können, und Tage und Wochen nicht mehr aufhören, und nie gegen eine Wand stoßen! Leute, die einfach woanders hin ziehen konnten, wenn es ihnen nicht gefiel, wo sie waren, und die das eigentlich nicht mal mussten, weil es in ihrer Stadt nicht nur 30 Leute gab, sondern 30 Millionen? Fuck, es muss das Paradies gewesen sein!“

Nico zuckte die Schultern. „Jetzt nicht mehr.“

„Das weißt du nicht!“

„Ach komm. Jeder weiß, dass die Erde damals vernichtet wurde. Und … 30 Millionen ist ein bisschen viel, oder?“

„Ich habs doch gelesen! Und das war wirklich nur eine einzige Stadt!

„Dann steht das halt irgendwo. Deshalb muss es nicht wahr sein. Hast du mal Gepetto gefragt?“

„Was soll der denn dazu sagen?“

„Na, war der nicht …?“

Banya schnaubte.

„Gepetto ist … wie alt ist der? Ende 60? Der war noch lange nicht geboren, als die Humanity startete.“

Nicos Augen weiteten sich für einen Moment.

„Ach ja… Stimmt ja.“

Banya verkniff es sich, ihn zu fragen, ob er ernsthaft nicht gewusst hatte, dass es niemanden mehr an Bord der Humanity gab, der die Erde noch gesehen hatte.

Er war sich nicht sicher, ob er es schaffen würde, es so neugierig und wenig spöttisch rüberzubringen, wie er es meinte.

„Wusstest du, dass sie Tiere nicht nur geritten haben, sondern auch gegessen?“

Nico lachte. „Klar weiß ich das, was glaubst du denn?“ Er schaute kurz nachdenklich ins Leere. „Komische Vorstellung, oder? Dass Leute, die Tiere essen, die Humanity gebaut haben, und unsere Leben … designt. Dass wir ihren Anweisungen und Regeln folgen, als wären sie Götter.“

„Naja… Wenn man es so sieht, essen wir ja auch welche. Wir verarbeiten die Insekten und Arachniden, und die Pflanzen … verarbeiten uns.“
„Das ist was anderes! Es ist jawohl ein Unterschied, ob ich mehr oder weniger aus Versehen Spuren einer Made in meinem Tofu habe, oder ob ich ein … Pferd totschlage, ein Stück aus seinem Körper schneide und es dann esse!“

„Es gab auch Tiere, die Menschen gegessen haben.“
„Klar, haben wir doch auch.“
„Nein, ich meine … die sie gejagt und getötet haben.“

„Wow … Ja, hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht, aber … wow. Ja, eigentlich ja klar. Wow. Naja, so ein Pferd ist ja auch ziemlich groß …“

Banya lachte.

„Was?“

„Ich mag dich.“

Beide schauten in Richtung der Tür, als diese sich leise surrend öffnete.

„Hallo!“ rief Piedra. Sie grinste breit und winkte Banya zu.

„Hallo“; antwortete Banya.

Nico nickte Piedra zu und schaute nervös zwischen ihnen hin und her.

Piedra ließ sich neben Banya auf das Bett fallen und fragte nach einer knapp zu langen Phase des Schweigens:

„Worüber habt ihr gerade gesprochen?“

Wieder folgten einige Sekunden, in denen niemand etwas sagte, bis Nico schließlich erwiderte:

„Pferde.“

Noch eine Pause, in der Piedra nachdachte.

„Das … sind die großen, auf denen Leute früher geritten sind? Oder waren das die mit der Milch?“

Banya lachte, aber diesmal klang es ein bisschen fies, und Nico schaute betreten auf seine Füße, während er einerseits dringend in Piedras Gesicht schauen wollte, um herauszufinden, ob sie den hämischen Unterton gehört hatte, um eine angemessene Reaktion zu bestimmen, und andererseits auf keinen Fall in ihr Gesicht schauen wollte, aus Angst, dass sie den hämischen Unterton gehört hatte, und er keine angemessene Reaktion finden konnte.

„Was war denn mit den Pferden?“ fragte sie schließlich, unbeirrt gut aufgelegt und hörbar bemüht die anderen damit anzustecken.

„Banya hat nur erzählt, dass es auch Tiere gab, die Menschen gefressen haben“, sagte Nico, „Und mir war das gar nicht klar – hast du das gewusst? – und naja, da ist mir dann halt aufgefallen, natürlich, so ein –“

„Tut mir leid“, unterbrach Banya ihn. „Ich … bin irgendwie müde und fühl mich ein bisschen komisch. Können wir ein ander Mal weitermachen?“

Nico zuckte die Schultern, insgeheim froh, aus der Situation entkommen zu können.

„Oooohhh!“ machte Piedra. „Was fehlt dir denn? Kann ich irgendwas machen?“

Nico verzog das Gesicht und fragte sich, nicht zum ersten Mal, ob es nicht eine gute Idee wäre, es ihr einfach mal zu erklären.

 

  1. Mai 2043

„Warum machen Sie nicht einfach beides?“

Rodney verdrehte die Augen. Genau deshalb hasste er es, neue Teilnehmer in bestehende Entscheidungsprozesse zu holen. Oder Teilnehmerinnen, in diesem Fall.

„Darüber hatten wir gesprochen. Schon eines der Projekte ist an der Grenze des noch Finanzierbaren, und wir müssen ja auch die PR-Wirkung beachten …“

„Naja.“ Senator Bowman räusperte sich geräuschvoll. „Das klingt jetzt, als hätten wir schon irgendetwas entschieden, aber so war es ja nun auch nicht. Ich finde eigentlich nach wie vor, dass ein doppelgleisiger Ansatz die vernünftigste Alternative wäre. Und soweit ich mich erinnere, hatte Miss Sima sich noch nicht festgelegt.“

Jerry Martinez kratzte sich mit einem Zeigefinger am Hals.

„Ich verstehe gar nicht, was es da zu überlegen gibt. Natürlich versuchen wir beides. Oder hab ich irgendwas nicht begriffen? Der Komet wird doch … treffen, oder nicht?“

Rodney hatte sich sehr nachdrücklich dagegen ausgesprochen, sie komplett einzuweihen. Ihm war auch immer noch nicht klar, welchen Sinn die Präsidentin darin sah, das zusätzliche Risiko einzugehen, eine weitere Person mit einzubeziehen und so die Gefahr zu vergrößern, dass die Wahrheit an die Öffentlichkeit dringen würde. Sie hätte genauso gut an ihrer Künstlichen Intelligenz arbeiten können, ohne bis ins letzte Detail zu wissen, auf was für einer Mission diese eingesetzt werden würde.

„Na gut“, sagte er. „Letzten Endes entscheidet das ja sowieso die Präsidentin und nicht wir.“ Und mit einem Blick zu dem Senator fügte er hinzu: „Vielleicht sollten wir lieber beim Thema der Künstlichen Intelligenz bleiben? Auch wenn ich von deren Sinn immer noch nicht ganz überzeugt bin.“

Der Senator seufzte.

„Es ist doch ganz offensichtlich!“ polterte er, und schaute beifallheischend zu Jerry Martinez hinüber. „Auf so einer Mission braucht man eine Instanz, die sicherstellt, dass die Kolonisten nicht ihre eigenen individuellen Interessen über die der Menschheit stellen, die ihnen das Überleben und diese ganze Mission überhaupt ermöglicht hat. Eine, die gewisse Regeln überwacht und durchsetzt, zur Not mit eiserner Hand, von Anfang bis Ende. Und als kleinen Bonus geben wir damit dem menschlichen Captain noch einen Partner fürs Guter-Cop-böser-Cop mit. Er muss nicht das Vertrauen und die Sympathie seiner Crew verspielen, indem er Entscheidungen zu ihren Lasten trifft, sondern kann die auf die KI schieben. Und falls mal ein Captain … in Schwierigkeiten kommt, gibt’s noch eine Instanz über ihm. Wer weiß, was in so langer Zeit über mehrere Generationen sonst aus so einer Truppe werden kann? Haben Sie Lord of the Flies gelesen? Kennen Sie die Milgram-Experimente? Menschen sind einfach nicht zuverlässig! Haben Sie mal- Was?“

Jerry Martinez hatte während der Ansprache des Senators mit zunehmend vernehmlichem Räuspern und immer deutlicheren Gesten zu erkennen gegeben, dass sie etwas einzuwerfen hätte.

„Es ist nur“, sagte sie, „dass ich mich von Ihren Erwartungen ein bisschen überfordert fühle, Senator. Nicht nur, dass ich nicht die Behauptung wagen würde, eine KI wäre zwangsläufig zuverlässiger oder vernünftiger als ein menschlicher Captain, ganz gleich ob er oder sie übrigens, wir wissen ja zurzeit noch nicht mal, ob wir überhaupt eine geeignete KI konstruieren können. Meine derzeitigen Ergebnisse sind sehr vielversprechend, aber noch alles andere als zwingend, und bevor wir große Pläne schmieden, sollten wir vielleicht erst einmal die Grundlagen legen.“

Der Senator rümpfte die Nase und schniefte, und warf einen Blick zu dem stummen Secret-Service-Agenten neben der Tür. Es war derselbe, der Rodney in dem Hubschrauber abgeholt hatte.

„Wissenschaftler, hm?“ sagte er.

Der Agent antwortete nicht, und Rodney war sich nicht einmal sicher, ob er sich auch das kleine Lächeln um die Mundwinkel des Mannes nur einbildete.

 

Lesegruppenfragen:

  1. “Tisha versuchte, nicht zu genervt zu klingen, aber schon der Umstand, dass diese Konversation durch die verschlossene Tür geschrien werden musste, ging ihr massiv auf den Geist.“ Wie steht ihr zu solchen eher flapsigen Formulierungen?
  2. Wie fandet ihr Jeannes Beschreibung?
  3. Und das Video? Wolltet ihr mehr Details, hattet ihr euch auf etwas anderes gefreut, oder ist es euch erst mal noch egal, weil ich ja noch fast nichts verraten habe, oder vielleicht noch was ganz anderes?
  4. Was die etwas unkomfortable Situation zwischen Nico, Banja und Piedra angeht: Wie kann das bei euch an? Zu aufdringlich? Zu doof? Oder geht das so?
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12 Kommentare zu “Generationenschiff (4)

  1. 1. Ich mag das prinzipiell gerne, und finde es insbesondere völlig okay, wenn es in einem Kontext vorkommt, der zwar in dritter Person geschrieben ist, aber sehr direkt die Gedanken und Gefühle der Person darstellt. Also es fühlt sich an wie Tishas Formulierung, nicht die des Erzählers, von dem man vielleicht einen sachlicheren Stil erwartet.
    2. Sehr gelungen. Wirklich überraschend (so hatte ich sie mir nicht vorgestellt, wenn überhaupt, und sie ähnelt auch nichts, was ich aus dem Genre kenne), aber inhaltlich plausibel.
    3. Ich hätte wesentlich klarere Bilder unrealistisch gefunden und war angenehm überrascht. Und bin jetzt natürlich noch viel neugieriger.
    4. Weder doof noch aufdringlich. Es ist eher so, dass ich (wie bei allen zwischenmenschlichen Schwierigkeiten in so einem Plot) gerne noch viel mehr darüber wüsste.
    5. Eine alberne Kleinigkeit: Irgendwie fand ich es unplausibel, in einer Zukunft, in der die Ernährung so komplett anders ist als heute, explizit ‚Tofu‘ als Lebensmittel/Fleischersatz zu benennen. Das fühlt sich heute schon an wie ein veraltetes Klischee-LM, das man vegetarischer Ernährung rhetorisch unterstellt (auch wenn es viel gegessen wird), während es schon viel ausgefeiltere Ersatzprodukte gibt. Verstehst du, was ich meine?

  2. 1. Ich bin da wohl viel zu unkritisch, um brauchbares Feedback zu liefern.
    2. Sehr cool.
    3. Ich hatte keine Illustrierungen erwartet. Aber warum genau würde eine Intelligenz, welche offensichtlich mit anderen Lebensformen Kontakt aufnehmen will, Videos absichtlich in schlechter Qualität aussenden?
    4. In Anbetracht der Situation, in der sich die drei so befinden, finde ich ihre Interaktionen erstaunlich normal. Darüber hinaus sind das doch Andeutungen für den weiteren Plot, aber ich weiss ja nicht.

  3. 1. Ich bevorzuge eine gehobenere Sprache. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

    2. Ich konnte sie mir gut vorstellen.

    3. Das Video ist angemessen mysteriös. Dass sich Ausserirdische bedeckt halten, scheint mir durchaus realistisch zu sein, gibt ja auch Menschen, die das in Bezug auf Ausserirdische tun wollen. Spezifische Erwartungen habe ich mir keine gemacht.

    4. Eine gedämpftere Version hätte ich für wirkungsvoller empfunden.

  4. 3. Dass sich Ausserirdische bedeckt halten, scheint mir auch sehr plausibel. Auch die Argumente der Menschen, welche sich lieber bedeckt halten wollen, kann ich gut nachvollziehen, wenn man in Betracht zieht, wie das Aufeinandertreffen verschiedener Zivilisationen der gleichen Spezies auf der Erde bisher so abgelaufen ist. Unterschiede in der Intelligenz und fehlende Verständigungsmöglichkeiten machen die Sache ja auch nicht gerade leichter. Aber ich sehe nicht den Sinn, die Kommunikation absichtlich in schlechter Qualität aufzunehmen. Entweder man wählt die vorsichtige Variante und sendet keine Signale aus, oder macht es möglichst mit Aufsicht auf Erfolg. Solche mysteriösen, verwackelten Zwischendinger erscheinen mir einfach nicht einleuchtend, so wie ich es für super unrealistisch halte, dass Aliens Kornkreise hinterlassen und Farmer im amerikanischen Hinterland entführen. Vielleicht übersehe ich ja etwas? (Das einzige Zwischending, dass ich z.B aufgrund von Sicherheitsüberlegungen für plausibel halten würde, wäre eine Nachricht, die nur für Wesen gleicher oder tieferer Intelligenz decodierbar wäre, nicht aber für Wesen mit höherer Intelligenz. Wie das gehen soll, weiss ich aber auch nicht.)

  5. @unendlichefreiheit:

    Ein paar Spekulationen:
    Vielleicht ist das Risiko, dass der Empfänger der Nachricht aus der Nachricht Informationen über den Sender gewinnen kann, geringer, wenn die Nachricht von schlechter Qualität ist? Vielleicht kann man damit verschleiern, welches technologisches Niveau man selber hat? Wie man selber denkt?
    Eine Nachricht in schlechter Qualität kann ein Intelligenztest sein. Zwar gibt man damit seine eigene Intelligenz teilweise bekannt, aber vielleicht ist es das wert, wenn man danach die anderen besser einschätzen kann. Es ist auch möglich, dass man auf intelligentere Wesen aggressiver reagieren will als auf weniger intelligente.
    Schlussendlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Nachricht unehrlich und unwahr ist. Lügen kann auch eine Form der Verteidigung darstellen. Vielleicht befürchteten sie, sowieso entdeckt zu werden und wollen mit der Nachricht die Menschen auf eine falsche Fährte locken?

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